, denn wir beide sind nur zusammen, nur eins durch das andere, alles was wir sein können! Nehmen Sie mir ihn, und Sie rauben mir nicht nur mein ganzes Erdenglück, Sie rauben mir das Gefühl des Rechts, der Tugend, Sie machen mich zu einem Nichts, und in mir, o mein Gott!" rief sie mit unendlicher schmerzhafter Geberde, "o mein Gott, in meinem armen unbedeutenden Ich zerstört ihr das grosse schöne Herz meines Freundes! Wer könnte diesen Mord euch vergeben!" setzte sie mit strömenden Augen hinzu und verbarg laut weinend ihr Gesicht.
In diesem Moment trat Angelika hinein, doch da sie die Beiden so bewegt sah, entfernte sie sich sogleich wieder, um durch ihre Gegenwart nicht störend zu werden. Die Tante sah schweigend ihr nach. "Und wie willst Du denn diese milde liebliche Erscheinung Dir erklären, Vicktorine," fragte sie endlich;" darfst Du Deinen Schmerz dem Ihren gleich stellen? und lebt sie nicht? lächelt sie nicht zuweilen!? und siehst Du nicht sogar in allen ihrem Tun zarte Keime eines neuen, nur anders gestellten Lebens erblühen? Ach liebes Kind, Glück und Unglück gehen an uns vorüber, nur das Recht, die Pflicht bestehen, und was diese uns gebieten, lässt sich erfüllen. Die Kraft dazu kommt uns, wir wissen nicht wie, obgleich wir es ahnen, und die Bessern unter uns hebt der Schmerz über sich selbst: und veredelt sie, statt sie nieder zu drücken."
"Tante" rief Vicktorine, "um Gotteswillen, nennen Sie Angelikas armes Dasein Leben? sind denn die Keime neuen Lebens, wie Sie sie nennen, etwas anders, als nimmer aufblühende Knospen, die zu einer Todtenkrone sich flechten wollen? Können Sie so irren? Haben Sie nie gelebt? nie geliebt?"
"Doch wohl vielleicht!" erwiderte die Tante mit einem leisen Seufzer, und brach für diesen Abend das Gespräch ab. Zu aller ihrer Freunde höchsten Erstaunen, erholte sich Vicktorine unglaublich schnell von dem letzten Stoss, den ihre Gesundheit erlitten hatte.
Man schrieb dieses halbe Wunder zwar dem arzt zu, doch eigentlich war es die Tante, die den Grund dazu legte, teils indem sie der Kranken durch Herrn Müller die beruhigende Gewisheit zu verschaffen wusste, dass von Raimunds Reise nach Odessa nie ernstlich die Rede gewesen sei, teils indem sie den schweren Druck gewaltsam erzwungnen Schweigens von ihr nahm, und ihr erlaubte, alle Gefühle ihres, von Angst und Liebe überströmenden Herzens vor ihr auszuschütten. Im Genuss ihrer freudigen Jugend hatte Vicktorine bis jetzt keiner Vertrauten bedurft, und folglich auch keine gefunden, aber sie war auch dabei vom Schicksal zu verwöhnt worden, um den Schmerz ebenfalls allein tragen zu können. So hatte einzig das gewaltsame Zurückdrängen des sie allmächtig beherrschenden Gefühls des Kummers, der sorge um den Geliebten, sie an den Rand des Grabes gebracht. jetzt aber fand sie in der Tante, was weder die gute, doch beschränkte Virnot, noch eine ihrer Jugendgespielen ihr hatten sein können: eine weise, teilnehmende Freundin, die zwar weit davon entfernt blieb, ihr Benehmen durchaus zu billigen, und dieses sogar mit eindringendem Ernst zuweilen äusserte, die aber doch gern und gelassen sie anhörte. Und für dieses leidenschaftliche Gemüt war das schon eine grosse Erleichterung.
Uebrigens übte die Tante durch ihre blosse Gegenwart eine Art magnetischer Kraft an Vicktorinen, die in der Tat wunderbar und seltsam genug war. Sie widersprach ihr wenig, sie fragte noch weniger, sie hörte sie meistens nur an. Aber der ernste, durchdringende blick ihres klaren Auges entflammte Vicktorinen zu immer festeren Beschlüssen; dem stummen Widerspruch, den sie oft in den Zügen ihrer Vertrauten zu lesen glaubte, stellte sie ihre geheimsten Gedanken, ihr verborgenstes Empfinden laut entgegen und so lernte sie erst durch dieses, mit unsichtbarer Gewalt erpresste Vertrauen sich und ihr Herz klar erkennen, indem sie dadurch über vieles erst zum deutlichen Bewusstsein gelangte, was bis dahin nur wortlos ihrem inneren Sinne vorgeschwebt hatte.
So kehrte denn nach und nach das gewohnte Leben in den häuslichen Kreis des Kleebornschen Hauses wieder zurück, und der Herr desselben begann schon, dem Zeitpunct freudig entgegen zu sehen, in welchem Ueberfluss, Pracht und rauschende Gesellschaften seine weiten Säle wieder füllen würden. Er kam jetzt jeden Abend auf eine Stunde in das Wohnzimmer, wo die Tante mit anmutiger Sitte und gewohnter Heiterkeit am Teetische waltete, um welchen sich schon zuweilen einige vertraute Freunde versammeln durften; er sah mit Vergnügen, wie auf Vicktorinens bleichen Wangen die Farbe der Genesung allmählich wieder erblühte, und ihr so lange verdunkeltes Auge wieder im helleren Glanze zu strahlen begann. "Nun, nun, murmelte er dann für sich hin, es geht wie ich dachte, mit der Zeit wird sich alles geben," und eilte seelenvergnügt dem Spieltische zu, an welchem seine Freunde ihn erwarteten.
Eines Abends, an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand, sprach er kurz ehe er fortging sehr viel von einem glänzenden Feste, mit welchem er nächstens die völlige Genesung seiner Tochter zu feiern gedachte, und Babet und Agate arbeiteten dabei wie nach dem Tackt' an einem neuen Ballputze, den sie nach Angabe der Tante für sich verfertigten. Der Himmel hieng ihnen dabei voll, lauter Walzer spielenden Geigen, und sie sahen schon im geist die kleinen Füschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche Triller schlagen.
Angelika ging indessen in liebenswürdiger Geschäftigkeit ab und zu, und suchte jedem,