1823_Schopenhauer_091_23.txt

zu machen strebte. "Also auf du und du? bei Gott das geht weit! Steh' auf! Steh' auf Vicktorine, Du bist und bleibst Charles Wissmanns Braut, denn ich gab mein Wort, und werde es Deiner Narrheit zu gefallen nicht zum erstenmal in meinem Leben brechen. Und Sie junger Herr – –"

"Vollenden Sie nicht, was Sie sagen wollen! hören Sie erst meine Erklärung auch," sprach Raimund mit so festem männlichen Ton, dass Kleeborn sich bewogen fühlte, ihm nachzugeben. "Dass ich nach diesem nicht mehr daran denken kann, Sie durch Bitten erweichen zu wollen, werden Sie mir zutrauen, dass ich mein Glück nicht erschleichen will, wiederhole ich Ihnen nochmals."

"Sie werden also hinfort nicht suchen, meine Tochter heimlich zu sehen? Sie wollen ihr nicht schreiben? in Summa, Sie geben alle Ihre Ansprüche auf?"

"Ich habe keine Ansprüche als an ihr Herz, und nur Vicktorine darf hier entscheiden," erwiderte Raimund.

"Ich bin Du, Du bist ich," rief Vicktorine überlaut und umschlang ihn nochmals. "Lassen Sie mich, mein Vater," sprach sie mit so wild blitzenden Augen, als dieser eine Bewegung machte, sie von Raimund los zu reissen, dass er erschrocken von ihrer Heftigkeit, zurück fuhr. "Höre mich, Gott, was ich in Gegenwart meines Vaters gelobe," rief sie, und hob wie zu einem Eidschwur ihre rechte Hand empor. "Ich schwöre Treue, unverbrüchliche Treue diesem Mann. So wie nichts ihn je aus meinem Herzen reissen kann, so soll nichts je mich bewegen, meine Hand einem Andern zu geben. Und nun lebe wohl," sprach sie, in die höchste Weichheit übergehend, "lebe wohl, mein Glück, meine Jugend, meine Seeligkeit auf Erden! Raimund ich bin Dein und bleibe es, darum versprich für mich was Du willst, ich werde es halten, denn Du bist meine Seele, meine Tugend, Du bist alles! Meineid wirst Du auf mich nicht laden wollen," hauchte sie noch in gebrochenen Tönen hin, und sank wie aufgelöst, in seinen Armen zusammen.

"Vicktorine, o meine Vicktorine!" war alles, was Raimund aus gepresster Brust hervor seufzen konnte, und Tränen glänzten in seinen Augen, indem er sie aus seinen Armen auf das Sofa niedersinken lies, ihre Hand behielt er fest in der seinen, indem er ihrem Vater sich zuwandte, der jetzt, schäumend beinah, in untätigem Zorn, dabei stand.

"Sie hörten die Erklärung Ihrer Tochter," sprach Raimund mit edlem Anstand' und gemässigtem Ton; "Ich habe hier nach Vicktorinens Willen für uns beide zu handeln, und so nehmen Sie denn unser beider heiliges Versprechen, dass wir nicht suchen wollen, uns heimlich weder zu sehen noch zu schreiben, so lange Sie es uns verbieten, denn ich hoffe, dass Ihre Behandlung Vicktorinens mir nicht zur Pflicht machen wird, der Geliebten zu hülfe zu eilen. Wollen Sie noch mehr?" "Ihr sollt euch trennen," schrie Kleeborn, fast unverständlich vor Wut.

"Wir trennen uns, bis ein günstigeres Geschick uns vereint, hier oder dort!" sprach Raimund mit glänzenden Augen. fest, aber wehmütig setzte er noch hinzu. "Sein Sie ruhig, alter Mann, wir sind beide nicht fähig Sie zu betrügen." Dann küsste er noch einmal Vicktorinens leblose Hand. "Lebe wohl, lebe wohl, auf lange Zeit!" rief er aus, und verliess das Zimmer. "Und so ist es noch in diesem Augenblick, Tante," sprach Vicktorine am Ende ihrer Erzählung. "Wir haben Wort gehalten, wir sehen uns nicht, wir schreiben uns nicht, aber die Luft, die mich umweht, bringt mir seinen Gruss, und die Sterne am Himmel sind unsre Vertrauten, denn sie leuchten mir und ihm, ich lese in ihnen, dass er meiner gedenkt, der Abglanz seiner Blicke stralt mir aus ihnen entgegen, das kann mein Vater doch nicht hindern? Nein so weit reicht nicht seine Gewalt; aber auch eben so wenig soll sie dahin reichen, mich zwingen zu können, jenem Verhassten meine Hand zu geben, und so auf mein bis jetzt schuldloses Gemüt die Sünde des Meineids zu laden. O Tante, sagen Sie ihm nur dieses, wenden Sie Ihre Ueberredungskraft nur dazu an, ihn hiervon zu überzeugen, damit er aufhöre, mich zu zwingen, ihm widerspenstig und pflichtvergessen zu erscheinen, während ich doch nur tue, was ich muss. O nehmen Sie gütig uns Verlassene in Ihren Schutz!" setzte Vicktorine kindlich flehend hinzu.

"Glaubst Du wirklich, es bedürfe Deiner Bitten, damit ich alles, was in meinen Kräften steht, zu Deinem Besten versuche?" erwiderte freundlich die Tante. "Das Nötigste wäre freilich erst, auszumitteln, was eigentlich Dein Bestes erfordert, und vor allen Dir beizustehen, damit Du Gewalt genug über Dich gewinnst, um jene Heftigkeit zu mässigen, die spät oder früh Dich ins Verderben stürzen muss."

"Tante, liebe Tante," fiel Vicktorine ihr ein, "ich bin von natur nicht heftig, ich war in Raimunds Nähe stets sanft und mild und lenksam wie ein Kind. Aber hier gilt es mehr als mein Leben! gewiss wenn wir nicht früherem Untergange bestimmt sind, so kommt einst die Zeit, die mich und Raimund hier noch vereint