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Vermögensumstände Sie für jetzt berechtigen können, auf die Hand eines Mädchens, wie die einzige Tochter von Martin Nicolaus Kleeborn eines ist, Ansprüche zu machen." Hier wollte Raimund antworten, doch der Alte lies ihn nicht zum Worte. "Ich will Sie mit dieser meiner Aeusserung keinesweges zurücksetzen, lieber Herr Holm," sprach er noch immer in ziemlich höflichem Tone; "im Gegenteil, ich kenne Sie als einen sehr soliden und geschickten jungen Mann, der einst gewiss noch in der Welt sein Glück machen wird. Viele haben mit weit Wenigerm angefangen als Sie und sind jetzt Millionäre. Ihr Glück blüht noch, und wenn ich in Zukunft Ihnen irgendwo dienen kann, soll es gern geschehen, denn ich helfe gern jungen Leuten fort. Aber für jetztnun Sie wissen es ja auch, künftig ist nicht heute, und man pflückt nicht Blüten sondern Früchte."

Raimund hatte allmählich während dieses Vorganges seine Fassung wieder errungen." Je länger Kleeborn sprach, je höher richtete er sich aus seiner vorigen, durch Schrecken und Verlegenheit gebeugten Stellung wieder empor, so dass er zulezt mit fast königlichem Anstande vor seinem Widersacher stand, und ihm so fest ins Auge sah, dass Kleeborn jetzt seinerseits dadurch in einige Verlegenheit geriet und unwillkührlich das Gesicht von ihm abwandte.

"Ich weis, wer und was ich bin, und es bedarf keiner Erinnerung von Ihnen, Herr Kleeborn, um mich in den mir gebührenden Schranken zu halten," erwiderte Raimund jetzt, zwar mit gemässigtem, aber dennoch sehr festem, ernsten Tone. "Ja, ich gestehe es," fuhr er fort, "und ich bin stolz darauf, es Ihnen und der ganzen Welt zu bekennen, dass ich Vicktorinen mehr liebe als mich, als mein Glück, als mein Leben. Doch verstehen Sie mich recht, nur sie liebe ich, nur nach ihrem Besitze strebe ich, nicht nach dem Vermögen ihres Vaters, dessen ich Gottlob nicht zu meinem Glücke bedarf."

"Ich habe Sie ausreden lassen, und erbitte mir die nämliche gefälligkeit jetzt von Ihnen," setzte Raimund hinzu, da er bemerkte, dass der Alte ihm etwas erwiedern wollte. "Es kann Ihnen nicht unbekannt sein," fuhr er fort, "dass, wäre ich dem stand getreu geblieben, zu dem ich erzogen ward, ich die sichre Aussicht hatte, Ihrer Tochter mit meiner Hand ein vielleicht glänzendes, oder doch gewiss ein unabhängiges und ehrenvolles los bieten zu können. Doch ich verlies diese Bahn, um auf eine Weise zu dem höchsten Ziele meiner Wünsche zu gelangen, die auch Ihnen gefallen, und sogar mit der Zeit Ihnen nützlich werden könnte. Ich wünschte, dem Vater Vicktorinens durch ein nicht unbedeutendes Opfer meine Liebe zu seiner Tochter zu beweisen, und zugleich durch meinen angestrengtesten Fleiss ihm späterhin ein sorgloses, mühloses Alter....

"So? Ei das ist ja recht schön und lobenswert," fiel Kleeborn jetzt noch immer ein wenig verlegen ein, – denn das edle feste Benehmen des jungen Mannes imponirte ihm doch einigermassen, und überdem mochten auch Rücksichten auf das eben gesprochene, wichtige Geschäft ihn bewegen, denselben mit einiger Schonung zu behandeln. "Ja sehen Sie" fuhr er daher ziemlich freundlich fort, "das ist wie gesagt recht lobenswert und schön. Nun Sie werden es mir gewiss noch selbst einst verdanken, dass ich so gleichsam die unschuldige Ursache war, Sie auf den rechten Weg zu bringen, denn Sie sind zum Kaufmann geboren. Und wie gesagt, wenn ich gleich Ihre Offerte wegen meiner Tochter diesmal nicht annehmen kann, so bin ich doch stets geneigt, Ihnen in Zukunft mit meinem guten Rat' oder auch sonst zu dienen, denn wir bleiben doch gute Freunde, da ich von Ihrer Rechtschaffenheit hoffe, dass Sie nicht hinter meinem rücken etwas unternehmen werden, um mein einziges Kind zum Ungehorsam zu verleiten."

Holm, ohne ihm zu antworten, wandte sich Vicktorinen zu, die, einer Sterbenden ähnlich, in der leidenschaftlichsten Bewegung vergebens nach Atem rang. "Teures, unaussprechlich geliebtes Wesen," sprach er, und drückte ihre Hand an sein hochschlagendes Herz, Vicktorine, Du Licht meiner Augen, Du Leben meines Lebens, zürne mir nicht, dass ich jetzt Deine Freiheit Dir wieder gebe; ich wollte Dich verdienen, doch erschleichen will ich Dich nicht; entscheide über Dich selbst und, wenn Du es vermagst, so folge dem Willen Deines Vaters; lass den Gedanken an mein künftiges Geschick auf Deinen Entschluss keinen Einfluss haben. Dein Glück ist das meine, Dein Bild kann mir niemand rauben, und eine Zukunft gibt es nicht mehr für dieses Herz, das hinfort nur in der Vergangenheit lebt. Ich bleibe Dein, denn ich kann nicht anders, doch Du – – –

"Raimund! Raimund!" schrie Vicktorine mit konvulsivischer Heftigkeit laut auf; sie stürzte zum erstenmal sich in seine arme, an seine Brust, sie umschlang seinen Nacken mit furchtbarer Angstgeberde, und sank dann vor ihrem Vater nieder, dessen Knie sie fest umklammerte. "Vater!" rief sie, "können Sie mich, Ihr einziges Kind so sehen und nicht sich erbarmen! können Sie diesen edelsten der Menschen hören und nicht an Ihre Brust ihn schliessen, und nicht Gott danken, dass er ihr Sohn sein will!"

"Romanenheldin! Komediantin! solche Teaterpossen gehen an mir verloren," rief der Vater bleich vor Zorn, mit bebenden Lippen, indem er sich los