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des Vaters Seegen erbaut den Kindern Häuser, und auch meiner hat Dir eins gebaut, denn ich habe Dich rufen lassen, um Dir anzukündigen, dass Du endlich die Braut eines würdigen Mannes meines Standes bist, eines Kaufmanns recht nach meinem Herzen, der" – – –

"Herr Holm ist im Komtoir," rief jetzt Jemand zur Tür herein. "Herr Holm!" wiederholte Kleeborn nachdenklich für sich hin, Vicktorine bebte an allen Gliedern. "Es ist gut so, und vielleicht um so besser," sezte jetzt Kleeborn nach kurzem Ueberlegen halblaut hinzu; dann wandte er sich zu Vicktorinen: "Geschäfte gehen allem vor, mein Kind wie Du weist, doch Du bleibst hier, es ist gleich abgetan, und wir sprechen hernach weiter." "Lassen Sie den jungen Holm nur herein treten," sagte er zu dem, der ihn gemeldet hatte. Dieser ging sogleich, den Befehl zu vollstrekken und nach wenig Sekunden stand Raimund vor Vicktorinen. Sein erster blick fiel auf sie, er sah sie fast besinnungslos da sitzen und errötete sichtbar, doch suchte er sich schnell wieder zu fassen, und richtete wirklich seinen Auftrag an Herrn Kleeborn mit möglichster klarheit aus; anfangs freilich mit etwas unsicherer, nach und nach aber mit immer fester werdender stimme. Es war von einer sehr bedeutenden Unternehmung die Rede, zu welcher Holm den Plan entworfen hatte, und zu deren Ausführung Herr Kleeborn mit dem Herrn Fischer zusammentreten wollte. Er ging darüber mit Raimunden in sehr weitläuftige Unterhandlungen ein, lobte mehrmals die helle, bestimmte Ansicht des jungen Mannes, und betrug sich im Ganzen so freundlich und höflich gegen ihn, dass Vicktorine sich nicht nur allmählich von ihrer Ueberraschung erholte, sondern sogar begann, in ihrem Gemüte den kühnsten Hoffnungen Raum zu geben.

Der Gegenstand des Gesprächs der Beiden war nun erschöpft und Holm machte Miene sich entfernen zu wollen, doch Kleeborn hielt ihn fest. "Ehe Sie gehen, lieber Herr Holm," sprach er, "will ich Ihnen doch einen Beweis meiner achtung für Ihre person geben; Sie sollen der erste sein, der meiner Tochter als der Braut des Sir Charles Wissmann seinen Glückwunsch bringt. Ihr Bräutigam ist holländischer Konsul in London und der Sohn des berühmten Amsterdammer Hauses dieses Namens, das Ihnen gewiss rühmlichst bekannt sein wird. Seit mehr als zehn Jahren bin ich diesem haus so hoch verpflichtet, dass ich nur auf diese Weise meine Schuld einigermassen abtragen kann."

Raimund stand jetzt unbeweglich und bleich gleich einer Marmorbüste da. Es war ihm als ob bei dieser unerwarteten Anrede die Sinne ihm vergingen; auch Vicktorine starrte mit gefalteten bebenden Händen und mit weit offnen Augen atemlos vor sich hin. Sie sprang vom Sofa auf. "Vater!" rief sie, "Vater, was soll dieser grausame Scherz?" Die stimme versagte ihr, sie verstummte, sichtbarlich zitternd vor innerer ängstlicher Bewegung.

"Scherz, mein Kind?" erwiderte Kleeborn mit erzwungnem Gleichmut, "ei! ei! Vicktorine, seit wenn kennst Du mich denn von dieser spashaften Seite? Dass ich mit ernsten Dingen nicht gewohnt bin zu scherzen, könntest Du doch wissen. Frage nur hier Herrn Holm, das Haus Deines Schwiegervaters in Amsterdam ist ihm gewiss bekannt."

"Sie scherzen nicht? Vater," rief jetzt Vicktorine, sich und alles in ihrer Verzweiflung vergessend. "Sie scherzen nicht? Und dieser fürchterliche Hohn – o Vater! ich habe Ihnen ja nichts verschwiegen, Sie konnten mein Herz" – – Kleeborn unterbrach sie. "Mädchenherzen sind Modeartikel, auf die kein vernünftiger und gewiss kein solider Mann sich einlässt," erwiderte er ihr, noch immer sehr gleichmütig. "Uebrigens," sezte er hinzu, "will ich hoffen, dass Dein Herz kein rebellisches, sondern ein gehorsames Herz ist, wie es sich für meine Tochter ziemt. Von Deinen Geständnissen aber, die Du mir gemacht haben willst, weis ich kein Wort, und auch Du tust am besten, sie ebenfalls zu vergessen".

"Vater, o mein Vater," rief Vicktorine ängstlich flehend, "Sie wussten um meine Liebe. hören Sie auf, mich auf diese Weise zu ängstigen, ich habe Ihnen ja nichts verborgen, und wenn Sie auch Gründe vielleicht hatten, den Namen des Mannes, den ich liebe, nicht von mir nennen hören zu wollen, so konnten Sie ihn aus Raimunds seltnem Entschluss doch erraten; ja Sie haben ihn erraten; besinnen Sie sich doch, lieber Vater, Sie haben ihn erraten" – – "Das ich nicht wüsste," fiel Kleeborn, noch immer sehr kalt und gelassen ein, "ich gab mich nie sonderlich mit Rätseln ab, doch weis ich lange, dass junge Mädchen sich mit eingebildeten Liebesgeschichten die Zeit vertreiben, wenn es mit den Puppen nicht mehr recht fort will, denn jedes Alter will sein Spielwerk. Doch, Du Vicktorine, solltest die Kinderschuhe endlich ausgetreten haben, und ich bitte, dass es von heute an geschehe, wenn es nicht schon geschehen ist."

Mit hochfliegender Brust, bleich und stumm vor Entsetzen, stand Vicktorine im gewaltsamen Kampfe ihres inneren da, während ihr Vater sich jetzt vornehm höflich an Raimund wandte. "Von Ihnen, Herr Holm," sprach er zu diesem, "und von Ihrem verstand hege ich eine zu gute Meinung, als dass ich nicht glauben dürfte, dass Sie von jeher eingesehen haben werden wie weder Ihre jetzige Lage, noch Ihre derzeitigen