? Auch Dich will ich nicht täuschen, und so gestehe ich Dir offen, dass ich jetzt weis: ich könnte ohne Dich das Leben zwar tragen, aber ich fühle auch, dass ich mich alsdann dazu anschicken müsste, wie zu einer nächtlichen Winterreise ohne Wärme und Licht, denn Du, Vicktorine, bist die Sonne meines Daseins, das ich ohne Dich kraftlos, in Dunkelheit hinschleppen müsste. Darum schilt mich nicht, dass ich tat was ich musste; beneide mich auch nicht, dass ich durfte was Du nicht darfst, und vor allem, tadle Deinen Vater nicht, dessen wohlgemeinter, und im rechten Lichte gesehen, auch wohl motivirter Wille mir es möglich machte, Dir durch mehr als Worte zu zeigen was Du mir bist."
"Kann es Dich beruhigen, und ich hoffe es wird es, so vernimm, dass ich schon jetzt einsehe, wie ich zu meinem jezigen Berufe, bei meinen, freilich zu anderm Zwecke erworbnen Kenntnissen nicht viel mehr brauchen werde als Gewöhnung und dabei Aneignung des ihm eigentümlichen, mechanischen Teils desselben, den gewöhnlich Knaben in früher Jugend schon erlernen. Alles dies dünkt mir indessen zum teil nicht schwer zu begreifen, zum teil werde ich dessen überhoben. Was dem Knaben als Zentnerlast erscheint, ist ja überdem dem reifen mann ein Spiel. Und wäre es auch anders, was kann mir lästig dünken, wenn ich den blick dem Ziele zuwende, zu dem ich strebe."
Leidvoll und Freudvoll versank Vicktorine in sich selbst, als sie dieses las. Das Opfer, welches Raimund ihr gebracht, erfüllte ihr Gemüt nicht mit Liebe, nicht mit Bewunderung, aber mit einem aus beiden zusammengesezten namenlosen Gefühl: als sie ihr Wesen so ganz mit dem seinen verschlungen, dass nur Tod sie von ihm reissen könne. Die Liebenden sahen sich wieder; ihr erstes Wiedersehen war ein schmerzlich-entzückender Augenblick; auch ward ihnen von nun an nur selten das Glück, mehr, als Blicke oder ein paar flüchtig hingeworfene Worte mit einander wechseln zu können; denn Beide fühlten jetzt mehr wie je die notwendigkeit, ihr geheimnis den Augen der neugierigen Welt zu verbergen. Sie vermieden deshalb auf das gewissenhafteste jede Unvorsichtigkeit in ihrem Betragen, durch die das Heiligtum ihrer Herzen unberufnen Beobachtern hätte verraten werden können.
So verging ihnen ein Jahr und drüber in der Seeligkeit des reinsten Bewustseins vertrauensvoller inniger Liebe. Das jungen Holm rasch ausgeführter Entschluss war bei seinem Alter, bei seinen Kenntnissen in einem andern Fache, bei seinen Aussichten in eine ihm offen stehende ehrenvolle Zukunft zu beispiellos, als dass er nicht selbst in dieser grossen Stadt dadurch hätte aufsehen erregen sollen. Anfangs war darüber, als über eine grosse Torheit viel gesprochen und gespöttelt worden, späterhin aber begann Raimund, sich ganz auf eine entgegengesezte Weise bemerkbar zu machen. Man fühlte sich gezwungen, die Leichtigkeit zu bewundern, mit welcher der Neuling Schwierigkeiten überwand, die denen unüberwindlich geschienen hatten, welche, von Jugend auf zum Kaufmannsstande erzogen, es für unmöglich hielten, sich ohne diesen Vorteil in Geschäften solcher Art zurecht finden zu können. Raimunds sehr ausgebreitete Kenntnis fremder Sprachen, die Geschicklichkeit, mit der er den bedeutendsten teil der Korrespondenz seines Hauses zu führen wusste, und mehr noch als alles dies, der Scharfblick und die Berechnung der Umstände, durch welche er dasselbe zu einigen sehr vorteilhaft ausfallenden Spekulazionen veranlasst hatte, erwarben ihm allgemeine achtung an der Börse. Man wusste, dass er ohne alle Belohnung an Gelde im Fischerschen Komtoir arbeite, aber die angesehnsten Häuser hätten gern um jeden Preis einen solchen Gehülfen sich erworben, der, ohne die Lehrjahre überstanden zu haben, gleich als Meister auftrat. Jeder profezeiete in ihm einen künftigen Stern erster Grösse in der handelnden Welt, wenn das Glück ihn nur so begünstigen wolle, als seine Kenntnisse und sein Fleiss es verdienten. Sogar Herr Kleeborn erwähnte seiner einigemal über Tische, und mit grossem Lobe. Vicktorine getraute sich dabei kaum, die Augen von ihrem Teller zu erheben, und ihr laut pochendes Herz wollte vor banger Freude zerspringen, denn ein ganz eigenes schlaues Lächeln ihres Vaters, indem er den Namen Holm auffallend betonte, verriet ihr nicht nur seine Bekanntschaft mit ihrem geheimnis, sondern sie glaubte auch mit Sicherheit, Pläne zu ihrem künftigen Glück darin lesen zu dürfen.
Ganz unbefangen und ahnungslos folgte sie daher dem Ruf ihres Vaters, als dieser sie, wie er zuweilen tat, zu sich in sein Kabinet beschied. Höchstens erwartete sie wieder einmal von einem abgewiesenen Heuratsantrage hören zu müssen, und sie erschrack daher schon ein wenig, als Herr Kleeborn mit ganz sonderbarer, etwas feierlicher Freundlichkeit ihr entgegen trat, ihre Hand ergriff, und sie nötigte, sich zu ihm auf das Sofa zu setzen.
"Vicktorine," begann er nach einer kleinen Pause, seine wahrscheinlich vorher einstudirte Rede, "Vicktorine, Du bist mein einziges Kind, und Du weist, wie es von jeher mein höchster Wunsch war, Dein wahres Glück nach bester Einsicht und Kraft zu begründen. Viele Jahre hindurch habe ich Tag und Nacht für Dich gesorgt und gearbeitet, darum ist es jetzt an Dir, mich für alle meine sorge und Mühe zu belohnen. Nun, ich muss es Dir zum Ruhm nachsagen, Du warst ein folgsames Kind, und hast Dir nie die mindeste Einwendung gegen meinen Willen erlaubt, wenn ich Anträge abwies, die ich für Dich als unpassend erkannte, indem ich mit meinem wohlerworbnen Golde weder alte Adelsbriefe auffrischen, noch verschuldete Güter einlösen lassen mag. Nun!