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mit ihm engagirt bin? Da haben sie nun alle mich so beneidet! und nun bin ich doch so unglücklich!"

"Ach ja! es ist eine rechte Not," seufzte Agate, "und darum will ich mich auch niemals verlieben, all' mein Lebtage nicht." "Ich dächte gar!" rief lachend Babet, "willst du eine alte Jungfer werden wie die Tante?" "Ach die adliche Tante, sprich nur nicht von der!" erwiderte Agate ganz ärgerlich. "Ich wollte die sässe wo der Pfeffer wächst, oder wo sie bis jetzt gesessen hat. Der Onkel hätte auch nicht nötig gehabt, sie Vicktorinen wegen zu verschreiben, die hätten wir wohl ohne ihre hülfe gepflegt, und wäre auch wohl so gesund geworden. Ich kenne zwar die Tante noch gar nicht." "Ich auch nicht," fiel Babet ein, "aber sie ist mir doch auch eben so fatal als dir. Gieb nur Acht, wie die uns wird behofmeistern wollen, als wenn wir nicht schon mit der Mamsell Not genug hätten. Und eigentlich ist sie nicht einmal unsere rechte Tante, denn unsere Mutter war doch die leibliche Schwester des Onkels Kleeborn, sie aber ist nur die Schwester seiner seeligen Frau, und obendrein eine Nonne oder so etwas."

"Stiftsdame ist sie," fiel Agate belehrend ein, "doch wir wollen schon sehen, wie wir mit ihr fertig werden," fuhr sie fort, "lass uns jetzt nur wieder auf den Schwarzen kommen. Siehst du, ich tue nur so, als ob ich teil an ihm nähme, denn man muss in der Welt alles mitmachen, aber ich heurate ihn nicht, wenn er auch um mich anhält, das kann ich dir auf Ehre versichern." Hiermit lehnte sich Agate sehr gravitätisch in den Lehnstuhl zurück, und tat dabei so ernstaft, dass Babet wieder laut auflachen musste. "Kennst du ihn denn so gut?" fragte diese. "Bewahre!" war die Antwort, "ich meinte nur, wenn ich ihn kennte, und eigentlich kenne ich ihn doch. Du weisst, wie oft wir mit einander getanzt haben, und er ist auch schon zweimal hier nebenan bei Obristens zum Besuch gewesen, da habe ich jedes Wort gehört was er gesagt hat, und ich kann dich versichern, es war alles sehr vernünftig, du kannst es mir glauben." "Warst du denn bei Obristens zum Besuch? Das hast du mir ja noch gar nicht erzählt," fragte Babet. "Ach nein," antwortete Agate, "ich hatte nur wegen des Geldbeutels, den ich dem Onkel zu Weihnachten häkkeln will, mit Amelie notwendig zu sprechen, und da stand ich ein wenig hinter der tür." "Ja so!" erwiderte Babet bedächtig, "nun ich wollte, mein Teodor machte jetzt nur auch bald ein Ende, und spräche mit dem Onkel. eigentlich hat er auf Ostern ausstudirt, Pfingsten kann er sich examiniren lassen, dann wird er auf Johanni angestellt" – "und heuratet dich auf Michaeli, das geht ja alles Quartalweise bei dir," fiel Babet lachend ein.

"Das fräulein Tante kommt!" rief jetzt ein vorübereilender Bediente ins Kabinet hinein, und beide Mädchen nahmen sich schnell zusammen, um der Gefürchteten entgegen zu gehen. Sie fanden die Ankommende noch auf der, mit Marmor getäfelten Hausflur, von vorleuchtenden Bedienten umgeben, welche sie in die für sie bereiteten Zimmer führen wollten. Es war eine hohe, schlanke, Ehrfurcht gebietende Gestalt, die in dem schwarzen, knapp anschliessenden Reisekleide, mit dem schwarzen Spitzenschleier über dem dicht anliegenden, weissen Häubchen wirklich ein ziemlich nonnenartiges Ansehen hatte. Die edlen, etwas scharf gezeichneten Züge des blassen Gesichts trugen noch unverkennbare Spuren ehemaliger seltner Schönheit; die leicht beweglichen feinen Lippen des noch immer schönen Mundes bezeichneten, wie bei Andern das Auge, jede vorübergehende Empfindung mit einem ganz eigentümlichen Ausdrucke. Die grossen hellblauen Augen hingegen schienen auf den ersten Anblick beinahe farblos und unbedeutend, doch wenn sie, während die Tante sprach, sich belebten, so drang eine solche innere Lebensglut aus ihnen hervor, dass man sie für ungewöhnlich schön anerkennen musste. Es lag etwas Südlich-schwärmendes im Aufschlage dieser, noch immer von langen dunkeln Wimpern beschatteten Augen, das an jene herrlichen Darstellungen der Mater dolorosa erinnerte, wie wir sie noch in alten Kirchen zuweilen sehen.

Uebrigens schien die Tante kaum funfzig Jahre zu zählen, obgleich sie fast zehn Jahre älter war. Die Hand der Zeit hatte die etwas stolze Haltung des hohen Wuchses nicht gebeugt, und das noch immer weiche blonde Haar zeigte nur fast unmerkbare Spuren von Reife des Alters. Die ganze Erscheinung dieser Dame stellte sich als eine jener begünstigten Ausnahmen dar, welche die Zeit zuweilen nur mit mildem schonenden Hauche zu berühren wagt, um ein seltenes Meisterwerk der natur so spät als möglich verblühen zu lassen.

So hatten weder Agate noch Babet sich die Tante gedacht. Sie begrüssten sie ängstlich verlegen, und zogen dann so ehrfurchtsvoll hinter ihr drein, um sie in ihre Zimmer zu begleiten, als wäre sie eine Königin. Obgleich Beide nur noch vor wenigen Minuten sehr vorlaut über sie abgesprochen hatten, so waren sie jetzt doch so befangen, dass sie nur verstohlen es wagten, den prüfenden blick zu ihr und zu einem sehr jungen, sehr schönen und sehr bleichen Mädchen zu erheben, das, sichtbar ermattet, auf ihren Arm sich stüzte