1823_Schopenhauer_091_19.txt

Einwilligung verlassen, wenn ich Raimunds und des Glückes wert bleiben will, dem ich so nah zu sein hoffte, und das jetzt in so ungemessner Ferne vor mir steht. Ich werde meinem Vater gehorchen wie ich tat seit ich lebe, mit heissen, bittern Tränen schreibe ich dies nieder, doch ohne Kampf mit mir selbst. Ich werde seinen Wünschen entgegen eilen, und jeder seiner Winke sei mir Befehl, in allem, wo er mir gebieten darf. Ach alles, alles will ich tun, alles, alles leiden, hingeben, entbehren, nur Dich zu lieben, wolle er mir nicht verwehren, er darf es nicht, er kann es nicht, so wenig als er mir verbieten kann zu atmen. Die Hand, die meines Herzens Schlag schuf und erhält, legte auch den Keim dieser Liebe gleich bei seinem Entstehen in dies nehmliche Herz; mein Dasein ist mit dem Deinen innigst verflochten, es lässt sich nicht losreissen, dies nur versuchen, hiess sündigen, es wäre geistiger Selbstmord, darum bin und bleibe ich dein, nahe oder ferne, gleich viel."

"Während ich Dir schreibe, Geliebter! kam Trost in meine Seele. Wie konnte es anders sein, Du warst ja bei mir und ich fühlte Deine liebende Nähe! Raimund, noch blüht uns die Gegenwart, wir werden uns sehen, uns sprechen wie zuvor, und sind durch gemeinschaftliche sorge nur noch inniger vereint. Mein Vater hat mir nicht geboten, den Umgang mit Dir aufzuheben, er kennt nicht einmal den Namen des Mannes, dem seine Tochter auf ewig angehört, anfangs lies er mir nicht Zeit ihn zu nennen, später hielt er es nicht der Mühe wert, darnach zu fragen. So leichtin behandelt er das Herz, das Glück seines Kindes! Doch auch hierin liegt Trost; ich darf den Vater nun noch nicht grausam schelten, denn er weis ja nicht, was er mir tut; vielleicht wäre er sonst milder, er hat mich ja immer geliebt?"

Es war der erste Brief, den Vicktorine jemals an Raimund geschrieben hatte, und sie sendete ihn verborgen in einem Pakete Musikalien an ihn ab, ohne dadurch Argwohn zu erregen; denn der Singverein veranlasste oft solche Sendungen.

Dass Raimund das Schreiben erhalten habe, war nicht zu bezweifeln, doch viele Tage vergingen, ohne dass er ihr antwortete. Vergebens hoffte Vicktorine im Singverein ihn zu treffen, vergebens suchte ihr Auge ihn auf der Promenade, im Konzert, im Teater, er fehlte überall, wo sie sonst gewohnt war, wenigstens aus der Ferne seinen Gruss zu erwiedern. Sie verging beinahe vor innrer Unruhe; tausend, immer abenteuerlicher werdende Besorgnisse drängten sich ihr auf und füllten ihre Fantasie mit Schreckbildern. Und doch war jeder Versuch, aus dieser beängstigten Lage zu kommen, ihr unmöglich, denn es fehlte ihr der Mut, nur Raimunds Namen zu nennen, vielweniger mochte sie es wagen, bei Bekannten nach ihm sich zu erkundigen. Endlich nach mehreren, in unaussprechlicher Bangigkeit verlebten Tagen erhielt auch sie ein Paket Musikalien, sie erbrach es mit zitternder Hand, es entielt das, wonach sie so lange sich gesehnt, einen Brief des Geliebten. Raimund schrieb:

"Du, meine Vicktorine! Du, deren schöne Seele so wahr, so glühend es empfindet, welche Seeligkeit es sei, der Liebe alles zu opfern, freue Dich mit Deinem Freunde, dass er der glückliche ist, dem die strenge Pflicht erlaubt, was sie Dir verbietet."

"Ja, ich habe im festen, heiligen Vertrauen auf Dich alles von mir geworfen; meine Aussichten für die Zukunft, meine Pläne, die ganze bisherige Tendenz meines Lebens; sogar meiner Unabhängigkeit habe ich, für einige Zeit wenigstens, entsagt, um nur die Hoffnung mir zu gewinnen, Dich mir einst erwerben zu können; dennseit zwei Tagen arbeite ich im Komtoir des Kommerzienrats Fischer, dessen Sohn, wie Du weist, einer meiner Universitätsfreunde ist."

"Du erbleichst, Dein schönes Auge füllen Tränen und bange Furcht bemeistert sich Deiner, indem Du dieses liesest. Fasse Mut, meine Vicktorine, zage nicht, zweifle auch nicht; ich habe den Schritt, den ich tat, wohl überlegt. Um dieses zu können, vermied ich es sogar in diesen Tagen, Dich zu sehen, denn ich wollte den wichtigen Kampf mit mir ganz allein in ungestörter Stille auskämpfen; ich schrieb Dir nicht, bis ich, mit mir selbst völlig einig, Dir sagen konnte: das habe ich getan, statt Dir zu melden: das gedenke ich zu tun. Ich bin nicht minder offen als Du; ich werde es gegen Dich immer so sein, und darum will ich nicht einmal das Dir verhehlen, dass auch ich nicht ohne Schmerz von allem Gewohnten mich losreissen und die von meinem Vater für mich gewählte Bahn verlassen konnte, um mich in das Gewirre und Getreibe einer Welt zu werfen, die nie die meine war. Doch glaube mir: ich bin unfähig, je zu bereuen, was ich nur nach vielfacher überlegung unternahm, und werde gewiss von nun an alle Pflichten des an sich ehrenwerten Standes erfüllen, den ich selbst mir erwählte, ja den ich mir erwählen musste, um gegen mich selbst gerecht zu sein."

"Teure Vicktorine, ich habe mich in dieser Zeit sehr strenge geprüft, ich bin mit mir selbst offen zu Werke gegangen, was so schwer ist; denn wen täuscht man lieber und leichter, als sich selbst