halten weis."
Vicktorine wollte hier das Wort nehmen, doch ihr Vater lies sie nicht dazu kommen. "Schlage dir diese und ähnliche Grillen gänzlich aus dem Sinne, Vicktorine," rief er mit zornfunkelndem blick, vor dem die Erschrockene verstummen musste. "Ich warne dich, auf nichts eigensinnig zu bestehen," fuhr er fort, "denn es hilft dir nichts, ich fordre Gehorsam. Es steht fest wie die Sonne, dass kein Baron, kein Graf, selbst kein Prinz mein Schwiegersohn wird, aber auch kein Schulfuchs, sondern ein tüchtiger Mann meines Standes, des ersten glücklichsten und ehrenvollsten in der Welt, weil er der nützlichste ist. Uebrigens hast du vergessen, mir den Namen deines Seladons zu nennen. Schweige, ich verlange auch nicht, ihn zu erfahren, weil es mir gleichgültig ist, wie ein arroganter Tor heissen mag. Du weisst jetzt meinen Willen; geh' und richte dich darnach."
Die eisige Kälte, mit welcher Herr Kleeborn dieses Urteil aussprach, und die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen dessen sichtbaren Eindruck auf das Gemüt seiner Tochter, mit welcher er dieser sich zu entfernen winkte, überzeugten Vicktorinen nur zu sehr von dem Vergeblichen jedes Versuches, den strengen Richter zu erweichen. Ueberdem war es ihr in diesem Augenblick' unmöglich, noch länger in seiner Gegenwart zu verweilen, so ergriffen fühlte sie sich von der ganz unerwarteten Aufnahme, die ihr herzliches Vertrauen gefunden hatte.
Mit unbeschreiblich-schmerzhaftem Erschrecken ward sie jetzt den von ihr nie zuvor geahneten Ernst des Schicksals der Menschen gewahr, das nie vergisst, auch seinen Günstlingen Dornen unter die Rosen zu streuen, die scheinbar den Weg bedecken. Bis jetzt war jeder Wunsch, selbst jede schnell vorübergehende Mädchenlaune der Verwöhnten in Erfüllung gegangen, nichts war ihr jemals verwehrt oder abgeschlagen worden, und nun pressten Schmerz, Zorn und bange Furcht vor der Zukunft ihr heissbrennende Tränen aus den Augen, die bis diese Stunde nur freudiges Lächeln oder Tränen des Mitleids gekannt hatten.
jetzt erst fühlte sie ganz, was Raimund ihr war; sie hatte ihn sogar nie zuvor so innig geliebt, als in diesem Moment, wo sie zum erstenmale die Möglichkeit sich dachte, von ihm getrennt werden zu können. Ihre Tränen trockneten, indem sie sich gelobte, der unbeugsamen Gewalt ihr starkes Herz voll Liebe und ihren festen feurigen Mut entgegen zu stellen. Endlich ergriff sie ohne weiteres Bedenken die Feder, um dem Geliebten das zwischen ihr und ihrem Vater Vorgegangene umständlich und offen darzustellen. Ihre Worte trugen das Gepräge einer leidenschaftlichen Glut, welche ihr bis jetzt stets fremd geblieben war, und die ein zuvor von ihr nie gekanntes Gefühl erlittnen Unrechts in ihr entzündet hatte. Sie dachte nicht daran, ihre Worte zu wählen, sie ward immer begeisterter, je länger sie schrieb, und zulezt schien ihr nichts ausdrucksvoll und glühend genug, um nur dem Freunde ihres Herzens Vertrauen in ihre Liebe und Treue einzuflössen, ihn im voraus über alles das zu trösten, was ihrem Glücke sich entgegen stellen könnte und ihm den starken Mut mitzuteilen, von dem sie sich selbst in diesem Momente durchdrungen fühlte.
"Ich bin dein, Raimund," schrieb sie nach vollen
deter Erzählung des Vorgangs zwischen ihr und ihrem Vater; "ich bin dein und bleibe es und wärst du weit über dem Meer, und leuchteten dir in einem andern Weltteil andre Sterne als mir, und ginge dir in dem Augenblick fern von mir die Sonne auf, in welchem ich sie sinken sehe. Die Mitternacht würde dann auch mein Morgen sein, den Tag würde ich verträumen, und nur in der Nacht leben, wenn ich wüsste dass du des Lichtes dich freutest und deiner Vicktorine liebend gedächtest. Habe nur Vertrauen zu mir, denn nichts kann von dir mich wenden, nicht Bitten, nicht Drohen, nicht die Macht der Zeit, viel weniger die sterbliche Gewalt."
"O könnte ich diese goldnen Ketten abstreifen, die ich jetzt so herzlich verachte. Könnte ich mit dir in verborgener Mittelmässigkeit leben, für dich arbeiten und entbehren! Du denkst vielleicht, deine vom Glück verwöhnte Vicktorine spreche nur so leichtin von Entbehrungen, die sie nicht kennt, ohne einen Begriff damit zu verbinden; aber glaube mir, mein Freund, ich weis was ich damit sage. Ich weis wohl, dass anfangs mir verzognem kind Dürftigkeit scheinen würde, was Andre als seltnen Ueberfluss hoch halten; ich weis, dass meine Erziehung mir leider schwere Fesseln angelegt hat, und dass ich gewissermassen von neuem leben lernen müsste, wenn ich aus dem Gleise hinausträte, an welches ich von meiner Geburt an gewohnt bin. Ich leugne das Opfer nicht ab, das ich damit brächte, aber bedenke auch, welches unnennbare Wonnegefühl es sein müsste, durch irgend ein Opfer und wäre es das höchste, die Seeligkeit zu erringen, an der Hand des Geliebten durchs Leben zu gehen! Durch dich, mit dir immer höher zu streben zum Urquell alles Guten und wahren und Schönen!"
"Ich bin nicht für den Schmerz gebohren, das weis ich seit heute, da ich zuerst ihn empfand; er erdrückt mich, er vernichtet mich, und nur im Sonnenscheine des Glücks kann alles das Gute, welches in mir, wie in jedem lebenden Geschöpfe liegt, zur vollen Blüte sich entfalten. Und wo ist Glück für mich als bei Dir?"
"Doch fahre hin, schöner Traum vor dem was sein könnte, ich muss Dir entsagen, denn ich darf meinen Vater nicht ohne seine