, blieb nicht aus; aber wie sie herbeigeführt ward, was er sprach, was Vicktorine antwortete, wusste diese der Tante selbst nicht ausführlich zu vertrauen. Die Glücklichen hatten fast wortlos einander verstanden, fast wortlos hatten sie den Bund der Treue fürs ganze Leben geschlossen.
Das höchste ihm denkbare Ziel des Glückes so nahe vor Augen, beschloss Raimund jetzt, ohne Aufschub die Kenntnisse, die er sich erworben, im bürgerlichen Leben tätig geltend zu machen, und dann bei Vicktorinens Vater um ihre Hand zu werben. Freilich war Kleeborns Abneigung, sie einem andern, als einem Kaufmanne zu geben, zu stadtkundig geworden, als dass Raimund nichts davon hätte erfahren sollen; doch Vicktorine war überzeugt, oder wollte es sein, dass ihr Vater unter diesem Vorwande nur die Anträge ihrer adlichen Verehrer zu entfernen gesucht habe, weil er nur gegen diese stets einen unbesiegbaren Widerwillen laut aussprach, ohne dabei der andern bürgerlichen Stände zu erwähnen. Raimund glaubte Vicktorinen gerne, denn was glaubt hoffende Liebe nicht? In der freien Re chsstadt, in welcher sie lebten, konnte Raimund auf dem Wege, den er einzuschlagen gedachte, zu den höchsten Ehrenstellen gelangen, und er durfte um so eher hoffen alles zu erreichen, was er in dieser Hinsicht wünschen konnte, da er keine bedeutende Mitbewerber um sich sah, die ihm den Preis streitig gemacht hätten. Freilich stand das Ziel, das er zu erreichen streben wollte, ihm noch fern, doch beide, er und Vicktorine, waren nicht nur jung genug um die Zeit ihrer völligen Vereinigung ruhig abwarten zu können, sondern auch zu seelig in der Gegenwart, um über diese nicht gern die Zukunft zu vergessen. Und überdem, welcher glückliche ging nicht jedem Wechsel seines Zustandes mit einem heimlichen Bangen entgegen, selbst wenn diese Veränderung zu noch Höherem zu führen verheisst!
Bei alle dem verhehlte Raimund es sich nicht, dass sein kleines Vermögen gegen den fürstlichen Reichtum, der Vicktorinen einst zufallen sollte, durchaus nicht in Anschlag gebracht werden könne; doch sein heller reiner Sinn war weit über jene edelmütig sein wollende Armseeligkeit erhaben, die nicht minder ängstlich berechnend als der Eigennutz, das Geld der Geliebten wägt und zählt, und es höher stellt als ihre Liebe, um nur, wäre es auch auf Kosten ihres Glückkes, mit romanhaft grosmütiger Entsagung prunken zu können.
Vicktorine war sein, sie selbst hatte sich ihm gegeben; auch arm hätte er sie nicht weniger geliebt, und so konnte die Goldmasse, die einst als Eigentum ihr zufallen sollte, den Wert dieses Geschenks in seinen Augen weder erhöhen noch sein Necht daran vermindern. Auch fühlte er in sich Kraft, Mut und Talent mehr als hinlänglich, um die Geliebte seines Herzens in jedem Falle nicht nur vor Mangel zu schützen, sondern ihr auch alles zu verschaffen, was man zu einem bequemen, ehrenvollen Leben bedarf. Wie die Welt ihn beurteilen könne? kam ihm dabei gar nicht in den Sinn, und wenn er auch daran gedacht hätte, sein Vater hatte ihm gelehrt, auf das Gespräch der Leute nicht mehr Wert zu legen, als es verdient, ihm durchaus nie ein entscheidendes Urteil über seine Handlungen einzuräumen, wenn es das Glück eines ganzen Lebens galt.
Während Raimund zum Eintritt in das tätige Leben eines Geschäftsmannes die ernstlichsten Vorkehrungen traf, fasste Vicktorine ihrer Seits den Entschluss, ihm diesen Schritt dadurch zu erleichtern, dass sie ihrer Beider Hoffnung so sicher zu stellen suchte als möglich. Niemand wusste bis jetzt um ihre Liebe, denn sie hatte keine einzige jener Vertrauten, die im gewöhnlichen Laufe der Dinge in der Mädchenwelt eben so unentbehrlich sind, als auf dem französischen Teater. Vicktorine hatte nie jenes Bedürfniss gekannt, von sich und ihren Gefühlen unablässig zu reden oder gar lange Briefe darüber zu schreiben, welches so Viele verlockt, wa hre oder eingebildete Liebesgeschichten an- und auszuspinnen, um nur in den Augen ihrer Vertrauten als die Heldin eines kleinen Romans zu glänzen. Hingegen war aber auch ihrem offnen Gemüt alles Heimlichtun durchaus verhasst, und sie beschloss daher, die erste schickliche gelegenheit zu ergreifen, um ihrem Vater das stille geheimnis ihres Herzens zu entdecken, und ihn im Voraus durch Bitten und Gründe für ihre Liebe zu gewinnen.
Der ihr für dieses geständnis günstig scheinende Moment blieb nicht lange aus. Sie war mit ihrem Vater allein, und fand ihn in einer sehr freundlichen Stimmung, doch ihr Vertrauen ward leider ganz gegen ihre Erwartung erwiedert.
"So! du hast Romane gelesen, mein Kind, und sie sind dir, wie ich sehe, schlecht bekommen" antwortete ihr Herr Kleeborn, sobald er nur erst begriff was sie meinte, und dies mit einer Art ironischer Gelassenheit, die Vicktorinen, gleich einem Dolchstiche, wehe tat. "Doch das tut nichts, es wird sich schon wieder geben, denn du bist noch jung und kannst noch vieles lernen," fuhr er im nemlichen Tone fort. "Du wirst schon mit der Zeit einsehen," sezte er hinzu, "dass die Welt anders aussieht, als es in deinen Büchern steht. Indessen du magst dies bald begreifen, oder spät, oder auch gar nicht, so präge dir wenigstens fest in den Sinn, dass dein Vater nie auf den törichten Einfall kommen kann, seine der ganzen Welt rühmlichst bekannte Firma mit seinem tod erlöschen zu lassen, und sein einziges Kind nebst allem, was er mit Mühe und sorge erworben hat, einem Federhelden zu übergeben, der ein so beträchtliches Vermögen weder zu verwalten noch zusammen zu