grossen Freude werde ich indessen eben gewahr, dass man sie zum nächsten Tanze wieder auffordert, und nun tanze ich selbst mit verdoppelter Lust, da der Anblick der kleinen Verlassenen mich nicht mehr quält." "Die Sie gar nicht kennen?" fragte Holm. "Die ich gar nicht kenne. Muss man denn alle Leute kennen?" erwiderte Vicktorine lachend, und hüpfte mit ihrem Tänzer davon, der in diesem Augenblick herantrat, um sie zum eben beginnenden Tanze abzuholen.
Nachdem letzterer vollendet war, setzte sich Vicktorine hin um auszuruhen, und Raimund nahte ihr von neuem. "Ich möchte wohl einmal, und wäre es auch nur für eine einzige Stunde, Sie sein, mein fräulein," sprach er lächelnd, "es ist wohl ein verwegner Wunsch, aber ich kann ihn nicht unterdrücken. Ich möchte wissen, wie jemanden zu Mute ist, der in der Gewisheit auftritt, mit jedem Lächeln, jedem blick, Freude und Bewunderung um sich her zu verbreiten."
"Sind Sie nicht kindisch!" rief Vicktorine, recht herzlich lachend. "Das wäre ja ein Bewustsein, wie es höchstens eine Prinzessin haben könnte, der man von Jugend auf solch albernes Zeug in den Kopf gesezt hat. Unser einem fällt so etwas gar nicht ein."
"fräulein, Sie sind zu bescheiden, und wenn ich dürfte, so sezte ich gerne hinzu: Sie sind auch in diesem Augenblicke nicht recht aufrichtig gegen sich selbst. Denn wie könnte Ihnen der Eindruck entgehen, den Sie durch ihr blosses erscheinen überall hervorbringen!" sprach Raimund.
"Ich bin nicht halb so bescheiden als Sie es vielleicht denken," erwiderte Vicktorine mit einer sehr gefälligen Zutraulichkeit in ihrem Wesen. "Ich wäre aber doch eine gar zu alberne Törin," fuhr sie fort, "wenn ich nicht merkte, wie viel, oder eigentlich wie wenig von dem, was Sie die allgemeine Bewunderung nennen, ich mir selbst zuzuschreiben habe. Ich weis recht gut dass ich ziemlich hässlich und sogar etwas unangenehm sein könnte, ohne dass das Betragen der Gesellschaft gegen mich sonderlich dadurch abgeändert würde, wenn alles übrige meiner Existenz, was nicht Ich ist, nur so bliebe wie es ist. Dies sage ich mir recht oft, um hübsch in der Demut zu bleiben," sezte sie mit einem angenehmen Lächeln hinzu, und eilte mit ihrem sich nahenden Tänzer wieder fort.
Raimund blickte mit einem nie zuvor gekannten Gefühl ihr nach. Ihre Schönheit, ihr Geist, ihr musikalisches Talent hatten ihn schon oft zu lebhafter Bewunderung hingerissen; doch die Güte, die ächte Bescheidenheit, die liebenswürdige Offenheit und Einfachheit ihres Wesens, die er gerade an diesem Abend an ihr entdeckte, wo sie einen Triumph feierte, der tausend andre schwindlich gemacht hätte, zeigten sie ihm im fast überirdischen Lichte. Den ganzen übrigen Abend hindurch blieb er in ihrer Nähe, er bat sie um einen Tanz, den sie ihm gleich und gern gewährte, und schwebte an ihrer Seite, wie von Himmelsflügeln getragen, in nie gekannter Seeligkeit durch den Saal. Bei Tische, wo nur die Damen sassen und die Herren sie bedienten, blieb er ihr gegenüber hinter dem stuhl des jungen Mädchens stehen, das sie in Schutz genommen hatte. Durch Vicktorinens Beispiel dazu bewogen, suchte er das noch immer von der übrigen Gesellschaft ziemlich vernachlässigte Wesen durch die feinste Aufmerksamkeit über dessen Verlassenheit zu trösten. Vicktorine lohnte ihm dies von Zeit zu Zeit mit einem freundlichen Lächeln, oder durch ein paar queer über den Tisch hin ihm zugesprochne Worte, während sie mit unabänderlichem, an Stolz gränzenden Gleichmute die Huldigungen der jungen Herren hinnahm, die den fremden Prinzen in ihrer Mitte, sich schaarenweise hinter ihrem stuhl drängten, mit einander wetteifernd um die Ehre, ihr zuweilen einen Teller oder ein Glass wasser reichen zu dürfen.
Im seeligsten Taumel kehrte Raimund vom Balle nach haus; ihm war die ganze Nacht hindurch, als schwebe er noch immer in einer bezauberten Welt. Er sah Vicktorinen wieder und wieder, sie behandelte ihn von nun an gleich einem alten Bekannten, dem man ohne ängstlichen Rückhalt sich zeigt wie man ist. Jedes Wiedersehen liess ihn tief in das Innere eines reinen Gemüts voll Liebe und Milde blicken, jedes entüllte ihm neue Beweise eines von natur hellen lebhaften Geistes, reich begabt mit den günstigsten Anlagen, stets bereit, alles Gute, Hohe und Treffliche in sich aufzunehmen. Die Heftigkeit, zu welcher das Ungewohntsein jedes Widerspruchs sie zuweilen hinriss, die an Eigensinn gränzende Festigkeit, mit der sie hielt was sie einmal ergriffen, und achtlos durchzusetzen suchte, was sie für recht und gut anerkannte, konnte er freilich an ihr nicht entdecken, weil sich ihm dazu keine gelegenheit bot.
Raimund sah nun in Vicktorinen das Wesen in entzückend blühender Jugendfülle, lebend und atmend vor sich stehen, das bis jetzt nur, gleich einem unerreichbaren Traumbilde, seiner jugendlichen Fantasie vorgeschwebt hatte. Er fühlte sich ihr zu eigen fürs ganze Leben, um so mehr, da er, ohne zu geckenhafter Einbildung herabzusinken, es sich nach wenigen Tagen nicht mehr verbergen konnte, dass auch Vicktorine ihn ebenfalls vor allen Andern auszeichnete. Ihr süsses Erröten, das freudige Aufstrahlen ihrer Augen, wenn er sich nahte, das ihr ganz ungewohnte weiche Beben der stimme, wenn sie ihn anredete, tausend kleine Züge in ihrem Benehmen, viel zu zart für jede Beschreibung, verkündeten ihm sein Glück lange ehe es ausgesprochen ward. Doch auch diese Stunde, die höchste Blüte des Lebens