1823_Schopenhauer_091_140.txt

bei Berichtigung der Wissmannschen Angelegenheiten sich durch wohlangewandte Tätigkeit seinen wohlwollenden Freunden dankbar zu beweisen.

Glühende, kein Wanken kennende Liebe zu Vicktorinen, innige, wahrhaft kindliche Neigung und Dankbarkeit gegen Anna, sprachen laut aus jeder Zeile in Raimunds Brief, doch die Wendung, die das Geschick während seiner Abwesenheit mit ihm genommen hatte, schien ihn mehr in Erstaunen zu versetzen, als ihn zu beglücken. In dem, was er bei dieser gelegenheit aus seiner Eltern früherem Leben erfahren musste, so schonend Anna es ihm auch beigebracht hatte, lag dennoch unendlich viel Schmerzliches und Erschütterndes; die Ungewissheit, welchen Einfluss diese Veränderung seiner Lage auf das künftige Gelingen seiner sehnlichsten Wünsche haben könne, kam dazu und so war es ihm unmöglich, der Freude sogleich in seinem Herzen Raum zu gewähren.

Auch Vicktorine wurde mehr traurig als erfreut, da Anna ihren unablässigen Bitten und Forschen endlich nachgab, und ihr alles, sogar Raimunds unerwartete Wiederkehr entdeckte. Ihn allen Gefahren einer weiten Seereise glücklich entronnen zu wissen, war ihr freilich ein sehr grosser Trost, aber so ungeduldig sie früher die Entscheidung ihres Geschicks herbeigewünscht hatte, so ängstlich bebte sie jetzt ihr entgegen, da sie glauben musste ihn ganz nahe gegenüber zu stehen. Hoffnung war alles, was die Tante ihr zum Troste geben konnte, aber wir sind nie weniger geneigt, diese zu fassen, als in dem wichtigen Augenblick, wo alles auf dem Spiele steht. Anna selbst war von dem Schmerz über den Verlust ihrer Angelika zu ergriffen, als dass sie fähig gewesen wäre, Vicktorine kräftig wie sonst aufrecht zu erhalten. Ihre einzige, wenn gleich heimliche Freude war an diesem Tage, dass Vicktorine sehr bleich und mit trüben Augen bei Tische erschien, und dass Kleeborn darüber Essen und Trinken vergass, mit kaum zu verhehlender Aengstlichkeit sie betrachtete, und dann ganz gegen seine gewohnte Art stumm und in sich gekehrt da sass. Zu der Tante nicht geringem Erstaunen liess Doctor Erning sich am frühen Morgen des nächsten Tages bei ihr melden; sie war seiner Besuche nicht gewohnt, denn sie hatte sich stets davor gehütet, mit ihm in nähere Verbindung zu geraten, daher war sie auch jetzt willens ihn abweisen zu lassen; doch das ist kein Leichtes bei einem mann seiner Art. Er sah sie durch die Spalte der halb geöffneten tür in ihrem Armstuhle völlig angekleidet sitzen, und dieses war ihm genug, um sogleich in ihr Zimmer zu dringen, ohne ihre erlaubnis dazu vorher abzuwarten.

"Ich komme als geheimer Geschäftsträger," rief er gleich beim Eintreten dem sehr ernsten Empfange entgegen, der aus ihren Augen ihm zu drohen schien, "eine Dame wie Sie, hochwürdige Frau, weiss gewiss, dass diese überall das Vorrecht haben, sich ungestraft etwas überlästig zu bezeigen."

"So möchte ich mir aber doch vorher Ihr Creditiv ausbitten, ehe wir zur Conferenz schreiten," erwiderte Anna mit sehr gemess'nem Ton.

"Das liegt schon in der natur der Sache," antwortete Erning, ohne sich dadurch irren zu lassen. "Kleeborn schickt mich in der bewussten Heiratsangelegenheit an Sie ab, hochwürdige Frau. Sie wundern sich darüber? Ja, das ist nun einmal hier zu land nicht anders, ohne Erning kann nichts in Ordnung gebracht werden, er muss jung und alt aus der Klemme helfen. Die ehrliche Haut tut es auch gern."

"Ich kann aber doch nicht umhin zu glauben, dass ich mit Herrn Kleeborn so stehe, dass er Ihnen heute diese Mühe hätte füglich ersparen können," erwiderte Anna etwas vornehm.

Erning fand für gut, dieses nicht zu bemerken. "Ja, sehen Sie," sprach er, "das hat so sein ganz eigenes Bewandniss; Kleeborn hat ein ziemlich wunderliches Bekenntniss Ihnen abzulegen und fürchtet sich, wenn er dieses in person wagen wollte, auf seine alten Tage ein wenig albern vor Ihnen dazustehen. Wie das eigentlich zusammen hängt, sollen Sie gleich erfahren, wenn Sie mir erlauben wollen mich zu setzen."

Erning setzte sich, unddoch damit er dem Leser nicht eben so lästig falle, als er es der Tante war, möchte es ratsam sein das, was er bei ihr anzubringen hatte, mit Weglassung seiner eignen Art und Worte in der Kürze zusammen, zu fassen.

Der Hauptpunct davon war die Entdeckung, dass ein ausser der Ehe geborner Sohn des alten Kleeborns am Leben sei, um dessen Dasein nur wenige Vertraute wussten; dass zu diesen auch Erning gehörte war natürlich, denn diesem blieb so leicht nichts verborgen, was in dem weiten Kreise seiner Bekanntschaften vorgehen mochte. Der junge Vanderbrugge, so hatte Kleeborn seinen Sohn nach dessen Mutter genannt, war um mehrere Jahre älter als Vicktorine, und stets in Holland, wo er geboren, geblieben; seine Mutter, eine Holländerin, starb bald nach seiner Geburt. Dieser Umstand hatte seinem Vater es sehr leicht gemacht, das Dasein dieses Kindes verborgen zu halten, aber der frühe Tod des gutmütigen, wenn gleich schwachen Geschöpfs, welches ihm das Leben gegeben hatte, machte diesem dennoch viele Jahre hindurch manche trübe Stunde. Und als späterhin alle ihm in rechtmässiger Ehe gebornen Söhne nach und nach meistens noch in der Wiege hinwegstarben, und endlich nur die einzige Tochter Vicktorine, die Jüngstgeborne, am Leben blieb, so war Kleeborn oft geneigt, dieses Unglück als ein Verhängniss der strafenden Gerechtigkeit des himmels anzusehen, der so auf die empfindlichste Weise den Tod jenes armen Mädchens an ihm rächen wollte.

Um gut zu machen,