nützliches und tätiges Mitglied der Gesellschaft aus ihm zu bilden. Denn wie man erst nach vollbrachter Arbeit den vollen Genuss der Ruhe lernen kann, so lernt man auch nur nach langem Treiben im Gewirre der Welt den hohen Wert der Einsamkeit erst recht empfinden. Dies wusste Raimunds Vater aus eigner Erfahrung.
Des Knaben beglückte Kindheit zog, gleich einem Frühlingstraum, an ihm vorüber und unvermerkt kam so die Zeit herbei, in welcher er zum erstenmale seinen Vater verlassen sollte, um die Universität zu beziehen.
Nichts stellt den Jüngling am Anfang seines ersten Ausflugs in die Welt so fest, so sicher, so kräftig in diese hin, als die frühere Erziehung an der Seite eines edlen, durch Geist und Gemüt ausgezeichneten Vaters, der, ohne berühmt zu sein, dennoch durch Lehre und Beispiel ihm stets gegenwärtig bleibt, und zu dessen Bilde er sich flüchtet, wenn er im Gedränge der ihm neuen Verhältnisse des Lebens Rat und hülfe bedarf. Ein durch den Vater berühmt gewordner Name ist hingegen beim ersten Eintritte in die Welt wohl eher ein Hindernis zu nennen, denn diese hängt stets am Klange des Worts. Und so wie der schuldlose Sohn eines als unwürdig bekannten Mannes, unerachtet seines eignen Werts und seiner Unschuld, dennoch stets mit tausend Vorurteilen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen hat, die einzig um seines Namens willen sich überall ihm entgegen stellen, so tritt auch dem, der sein Leben einem grossen berühmten Vater verdankt, ein Vorurteil andrer Art in den Weg. Man verlangt von einem solchen, dass er besser und geistreicher sei, als alle andere seines Gleichen, und zwingt dadurch oft eine gewisse Unsicherheit in sein Wesen hinein, die ihm, mit einem andern Namen geboren, stets ferne geblieben wäre.
Raimund hatte das Glück, auch in dieser Hinsicht ganz frei und ungehindert da zu stehen. Mit der von seinem Vater ihm mitgeteilten Ruhe alter Erfahrung zog er in blühender rüstiger Jugend aus, ein reiner Jüngling an Seele und Leib, und kehrte zur bestimmten Zeit eben so ins Vaterhaus wieder zurück. Im klaren Bewusstsein seines Zwecks hatte er die Universitätsjahre wohl angewendet, doch der Rat seines Vaters bewog ihn, sich einstweilen noch ernstlicher auf das tätige Leben vorzubereiten, teils durch stille Fortsetzung seines Strebens in wissenschaftlicher Hinsicht, teils indem er mit der geselligen Welt sich näher bekannt zu machen suchte, ehe er es wagte, in ihr als Geschäftsmann öffentlich aufzutreten. Er knüpfte auf den Rat seines Vaters manche erfreuliche Bekanntschaft in der Stadt an, besuchte Gesellschaften, Bälle, das Teater, kehrte aber jeden Abend mit gewohnter Liebe und Treue zu seinem Vater zurück. So strebte er, dessen kränkelndes Alter durch Erzählungen aus jenem bunten Treiben zu erheitern, das der Greis seit mehr als fünf und zwanzig Jahren nicht mehr sah, und das er dennoch in den Beschreibungen des Jünglings als wenig verändert wieder erkannte. Anfangs schien es, als ob Raimunds Vater in diesem genussreichen Beisammenleben mit seinem Sohne gewissermassen begönne, neue Jugendkraft wieder zu gewinnen; doch leider war dieser freudenverkündende Schein nur das letzte Aufflackern der Lampe vor dem völligen Erlöschen. Die längst in den Stürmen des Lebens erschöpften Kräfte brachen in dieser heitern Stille bald gänzlich zusammen, und Raimund blieb verwaiset und verlassen am grab seines Vaters zurück, ehe noch das zu seiner völligen Ausbildung bestimmte Jahr vorüber war.
Dieser Verlust hatte in Raimunds äussrer Lage nichts verändert, denn bei gewohnter Mässigkeit sicherte ihm das hinterlassne väterliche Vermögen zwar keine glänzende, aber dennoch eine völlig unabhängige Existenz. Dagegen fühlte er in seinem inneren nun die schmerzlichste Oede. Er hatte für niemanden mehr zu sorgen, niemanden mehr zu erfreuen, keinen einzigen Vertrauten seiner Gedanken und Empfindungen. Und gerade in jener weichen sehnsüchtigen Stimmung, in die uns ein Verlust, wie der seine, so leicht versezt, und der wir so gern nachgeben, trat Vicktorinens glänzend schöne Erscheinung zuerst ihm entgegen.
Der berühmteste Musicklehrer der Stadt hatte nach Zelters preiswürdigem Beispiel einen Singverein errichtet, der sich wöchentlich ein paarmal versammlete, und in dem fast alle, die sich dazu eigneten, eifrig teil nahmen. Raimund, dessen schöne Tenor-stimme dem Stifter der Gesellschaft längst bekannt war, durfte nicht dabei fehlen, und auch Vicktorine behauptete mit Necht den Rang der ersten Sängerin unter den Damen. Dass der erste Tenor und der erste Sopran durch ihr Talent einander näher gebracht wurden, war wohl ganz natürlich; es fehlte Beiden nicht an Anlässen, sich gegenseitig, auch über andere als bloss musikalische Gegenstände auszusprechen, und dabei den inneren Reichtum ihres Geistes vor einander zu entfalten. Raimund hatte schon früher Vicktorinen zuweilen gesehen und ihre seltene Schönheit bewundert, doch der im Kleebornschen haus herrschende grosse Ton hielt bis dahin den stolzbescheidenen Jüngling davon ab, Zutritt in demselben zu suchen. Und auch jetzt, bei näherer Bekanntschaft mit Vicktorinen, vermied er es noch immer, den Schein von Zudringlichkeit dadurch auf sich fallen zu lassen, obgleich Vicktorinens jugendlich schöne Gestalt, der dunkle Feuerstrahl ihrer Augen ihm öfter als sonst in wachen Träumen vorschwebte, und der seelenvolle Ton ihrer hellen, glockenreinen stimme hallte immer noch lange in seiner tiefsten Brust wieder, wenn er schon längst den Singverein verlassen hatte.
Ein glänzender Ball, zu dem auch Raimund geladen war, bot diesem indessen einige Zeit nach Errichtung des Singvereins gelegenheit, Vicktorinen zum erstenmal im vollen Glanze zu erblicken. Schon bei ihrem Eintritte in den Saal hörte er jenes leise Flüstern der Bewunderung, den höchsten Triumph der Schönheit, ihr entgegen rauschen, so wie die Wipfel des Waldes sich flüsternd regen