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Wahl verständig zu leiten suchen, wie es dem Vater von Rechtswegen zukommt."

Anna fühlte, dass heftiger Widerspruch den Alten leicht dahin bringen könnte ein Wort auszusprechen, welches er, wie sie ihn kannte, hernach nimmermehr zurückgenommen hätte. Sie unterdrückte daher den eignen Unmut, den seine letzten Reden in ihr erweckten.

"Ich räume Ihnen ein," sprach sie, "dass sich für Ihre Ansicht vieles sagen lässt, ich bin auch weit davon entfernt, das Gefühl zu tadeln das Sie zu diesen bestimmte. Aber ich bin auch Ihnen und den Ihrigen zu nahe verwandt und zu herzlich zugetan, als dass ich Sie nicht ebenfalls darauf aufmerksam machen sollte, wie leicht und auf welche traurige Weise Sie dennoch das Ziel verfehlen können, dass Sie sich gesetzt haben. Vicktorinens Liebe gehört nicht zu jenen phantastischen Einbildungen, mit denen junge Mädchen ihres Alters sich zuweilen selbst zu täuschen pflegen. Sie sehen sie alle Tage, darum fällt Ihnen die Veränderung in ihrem Aeussern nicht auf, ich aber bin bei meiner Ankunft darüber erschrocken; sie ist ja nur noch der Schatten von dem, was sie war. Denken Sie an die arme Angelika."

"Sagte ich es doch immer!" rief Kleeborn sichtbar beunruhigt. "Sie hat sich noch bei weitem nicht von ihrer letzten schweren Krankheit erholt. Sie sollte diesen Sommer nach Pyrmont, aber sie wollte nicht, das eigensinnige Ding. Jetzt soll aber doch auch gleich der Arzt gerufen werden!"

"Liessen Sie ihn nicht auch zur armen Angelika rufen?" sprach Anna, "musste er nicht auf Ihren Antrieb Monate lang alle seine Kunst anwenden um sie am Leben zu erhalten? und was hat es geholfen? Zeitlebens werde ich die väterliche sorge und Freundlichkeit dankbar erkennen, die Sie dem lieben kind erwiesen haben? aber Sie haben dennoch ihr langsames Erlöschen mit ansehen müssen. Angelika starb unter ihren Augen am gebrochenen Herzen, ich fürchte: Vicktorine ist auf gutem Wege ihr zu folgen, wenn Sie nicht bei zeiten der Arzt werden, der ihr allein helfen kann."

"Es ist entsetzlich!" rief Kleeborn. "Sonst war doch die verdammte Krankheit mit dem gebrochnen Herzen nur in England zu haus. Unsre Mädchen sind gar nicht wie ihre Mütter, die weinten ihr Gesetzchen, wenn es nicht nach ihren Willen ging und lebten darum doch flott weg."

Anna seufzte recht aus tiefem Herzensgrunde, der Seufzer galt dem Andenken ihrer Schwester.

"Ich muss Ihnen nur gestehen," sprach Kleeborn immer unruhiger werdend, "dass seit dem tod der guten Angelika mir schon zuweilen ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf geflogen ist, wenn ich meine Vicktorine so blass und so betrübt sah. Es hat mir schon manchen Kummer gemacht, versichre ich Sie. Ich will ihr ja aber Zeit lassen, ich will in nichts sie übereilen. Sie ist ja kaum in den Zwanzigen und war immer kerngesund. Nicht wahr? Sie denken auch, dass sie sich wieder erholen wird?"

Anna regte sich nicht und antwortete keine Silbe. Kleeborn fing an, mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, wie er immer tat, wenn er über irgend etwas mit sich selbst nicht einig werden konnte. Dann stand er vor der Tante still. "fräulein Schwester," hob er an, "es gäbe vielleicht einen Ausweg. Sie sind eine Dame, der ein Mann wohl etwas vertrauen darf. Ich habe Ihnen etwas zu bekennen, das vielleichtSie sindich binja wie gesagt, es wäre möglich, dass ein Ausweg sich fände, wenn Sie, wenn Vicktorine, wollte ich sagenoder vielmehr wenn der junge HolmAch Gott, es geht doch nicht. Ihnen gerade kann ich es gar nicht sagen, dennich will es mir noch besser überlegen, und Sie sollen davon hören, nur jetzt nicht." Hiermit verliess Kleeborn das Zimmer, und Anna blieb in der quälendsten Ungewissheit zurück. Ein eben ankommender Brief aus Amsterdam erklärte ihr das Rätsel von Raimunds unerwarteter früher Rückkehr nach Europa. Horst hatte diese veranlasst; jener Zeitungsartikel, den er zu Anfange des Sommers in Kleeborns Gartenhause las, hatte einen weit tiefern Eindruck auf ihn gemacht, als er sich damals merken lassen mochte. Er fühlte sich bewogen seinen und Raimunds Freund, den jüngern Herrn Fischer, aufzusuchen, um mit diesen sich darüber zu besprechen. Zufälligerweise hatte Anna von Falkenhayn so eben ein starkes Packet zur weitern Beförderung an Raimund eingesandt, und zugleich die Herren Fischer in einem besonderen Schreiben gebeten, diesen sobald als möglich nach Europa zurückzurufen, weil eine wichtige Familienangelegenheit seine baldige Gegenwart erforderlich mache. Dieser Brief, der Zeitungsartikel, die Bewegung, in die Vicktorine über diesen geraten war, wusste Horsts natürlicher Scharfsinn so gut mit einander zu kombiniren, dass er dadurch der Wahrheit ziemlich nahe auf die Spur geriet. Er beschloss, von seinen Vermutungen gegen Vicktorine nichts zu äussern, aber seine Bitten und Vorstellungen bewogen Herrn Fischer, an Raimund zu schreiben, dass er, wenn er dieses zu seinem eignen Besten für nötig hielt, die erste gelegenheit zu seiner Rückkehr benutzen und die gänzliche Beendigung seines dortigen, von ihm sehr glücklich eingeleiteten Geschäftes einem zuverlässigen mann übertragen möge, den man zum Gehülfen ihm mitgegeben hatte.

Ein nach Amsterdam bestimmtes Schiff lag eben in jenem Hafen seegelfertig. Raimund schiffte auf diesem sich augenblicklich ein, und kam nach einer sehr kurzen glücklichen Reise gerade zur rechten Zeit in Amsterdam an, um