1823_Schopenhauer_091_138.txt

Wissmann war es so, der wäre mit der Zeit hier an meine Stelle getreten, für dessen Londonner Etablissement war schon ein Andrer bestimmt, ich und das Haus in Amsterdamach es war ein schöner grosser Plan, ich darf gar nicht daran denken. Nun es ist vorbei! – Dass ich aber einer kindischen Liebesgeschichte zu Gefallen so unrechtlich handeln sollte, den Herren Fischer ihren besten Arbeiter abspenstig zu machen, der sich obendrein in ihrem haus gebildet hat, das werden Sie doch gewiss dem alten Kleeborn nicht zumuten wollen, der Ihnen wohl zuweilen wie ein wunderlicher Kautz vorkommen mag, der aber doch dabei immer auf Ehre hält, trotz dem ersten Edelmann."

"hören Sie mich aber endlich einmal an, lieber Kleeborn, was ich Ihnen zu sagen habe ist ganz andrer Art als Sie wohl vermuten," sprach Anna, indem sie ein grosses Packet Papiere vor sich auf den Tisch hinlegte. Kleeborns gewohnte Ehrfurcht vor allem, was einem Geschäfte ähnlich sah, bewog ihn, bei diesem Anblicke ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken, die sie nur verlangen konnte; er unterbrach sie nicht ein einzigesmal, während sie Alberts und dessen Sohnes geschichte ihm teils erzählte, teils durch Vorlesung einzelner Stellen aus den vor ihr liegenden Papieren ihm deutlicher machte. Zuletzt legte sie ihm noch eine Abschrift der Anerkennungs-Urkunde des Lehnhofes vor, durch welche Raimund Holm als der letzte Zweig der von Leuen in den Besitz des Erbteils seiner Väter eingesetzt ward, und einen Anschlag seiner jetzt ganz schuldenfreien Güter.

"Sie sehen wohl ein," sprach Anna lächelnd, während Kleeborn die ihm vorgelegten Documente sehr aufmerksam durchging, "Sie sehen wohl ein, dass jetzt von des jungen von Leuen Verbindlichkeiten gegen Herrn Fischer nicht mehr die Rede sein kann, und auch, dass bei dessen noch immer bestehender treuen Liebe zu Ihrer Tochter kein niedriger Eigennutz im Spiele ist; um so weniger, da das von seinem Vater ererbte Vermögen des jungen Mannes bedeutender ist, als Sie wohl glauben, und ich mich auch jetzt in meinem Gewissen für verpflichtet halte, ihn zum Erben des grössten Teils meiner Habe einzusetzen. Sie wissen, ich bin wohlhabend, aber ich verdanke dies einem Vermächtnisse des ältern Herrn von Leuen, der damals nicht wusste, dass sein Bruder, der Vater dieses Raimunds, noch am Leben sei, welcher sonst dessen natürlicher Erbe gewesen wäre."

"Ich sehe, fräulein Schwester," erwiderte Kleeborn recht freundlich, "dass Sie mir hier eine Partie für meine Tochter anbieten, die alles weit übertrifft, was ich jemals für das Mädchen erwarten konnte. Und dennoch bin ich gezwungen, sie zurückzuweisen."

Anna erschrack gewaltig über diese deutlich ausgesprochene Erklärung, doch Kleeborn fuhr ganz gelassen fort zu reden. "Von allem dem Merkwürdigen, was ich heute von Ihnen vernommen habe, hat nichts einen tiefern Eindruck auf mich gemacht, als der Brief jenes Herrn Bernhard von Leuen, der ein sehr respektabler Mann gewesen sein muss. Was er von den Verpflichtungen schreibt, die von solchen grossen Besitzungen unzertrennlich sind, hat meinen vollkommensten Beifall. Was indessen damals dem Vater galt, muss jetzt dem Sohne gelten, er kann nicht mehr daran denken, Kaufmann bleiben zu wollen. Wenn er rechtlich handeln will, darf er um Vicktorinens willen den ihn angebornen Pflichten nicht entsagen. Zwischen dem Gutsbesitzer und dem Kaufmann darf er sich nicht teilen wollen, denn dieser besonders erfordert einen ganzen Mann, namentlich in unsern Tagen, wo alles auf die Spitze gestellt wird."

"Aber, lieber Herr Bruder, so bedenken Sie doch das Glück Ihres einzigen Kindes!" rief Anna.

"Glauben Sie nicht," fuhr Kleeborn fort, der einmal ins Reden gekommen war, "glauben Sie nicht, dass ich aus blinder anhänglichkeit an meinen gewiss nicht ungegründeten Widerwillen gegen Verbindungen Adliger mit Bürgerlichen hier so entscheidend spreche. Keine Regel ohne Ausnahme, pflege ich immer zu sagen, und wäre Vicktorine nicht meine einzige Erbin, nun soaber wie die Sache steht ist es unmöglich. Was der alte Herr von Leuen in seinem Briefe über die Erhaltung seines alten edlen Namens schreibt, ist mir ebenfalls wie aus der Seele gesprochen. Zwar habe ich keine Gallerie von Ahnenbildern aufzuweisen, ich weiss kaum, wer der Vater meines Grossvaters war, aber was nicht ist, kann werden; warum sollte nach hundert oder zweihundert Jahren eine rechtliche bürgerliche Familie nicht auch mit Stolz auf ihre Vorfahren zurück sehen können? Wir haben schon der Beispiele. Ich will der Stammvater meines Hauses sein, so gut als der erste von Leuen es der des seinigen war, den Ihr verstorbener Freund mit Recht über alle seine Nachfolger erhebt, und der vielleicht von seinem Eltervater weniger wusste als ich von dem meinen. Mein Name, meine Firma dürfen nicht untergehen. Vicktorine muss sich darin ergeben."

"Einem Namen, einem blossen Schalle soll die arme geopfert werden!" rief Anna, hingerissen von ihrem Gefühl, auch wohl ein wenig vom Zorne gegen sich selbst, weil sie, ohne es zu denken, dem alten Kleeborn die Waffen in die hände gegeben hatte, die er jetzt ganz unerwartet gegen sie wandte.

"Handelten denn nicht in tausend ähnlichen Fällen Ihre Standesgenossen eben so?" erwiderte Kleeborn ebenfalls etwas gereizt. "Vicktorine aber wird nicht geopfert, fräulein Schwester. Ich denke Kleeborns Tochter soll auch ferner noch unter Vielen die Wahl haben, wie sie bis jetzt sie gehabt hat, und ich will nichts weiter, als diese