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sehr geachteten Hauses seines Vaters in Amsterdam galt, so war das eine Zeit lang so hingegangen, ohne ihm in der öffentlichen Meinung sonderlich zu schaden. Während der letzten Jahre, die er auf dem festen land zubrachte, hatte indessen sein Hang zur Verschwendung eine an Wahnsinn gränzende Höhe erreicht, er trieb mehr als fürstlichen Aufwand, und forderte zu diesem immer beträchtlichere Summen. Niemand konnte besser berechnen wohin dieses am Ende führen müsse, als sein erster Handlungsdiener, und dieser, um die gehoffte Erndte nicht zu verlieren, benutzte den ersten günstigen Augenblick, und machte mit allem Gelde, dessen er habhaft werden konnte, bei zeiten sich aus dem Staube, indem er zugleich alles übrige dem Zufall überliess. Die nächste Folge davon war, dass Sir Charles Zahlungen plötzlich eingestellt werden mussten und sein Vater, der diese Nachricht ganz unvorbereitet erhielt, sank darüber, von einem Schlagfluss getroffen, auf das Sterbebette hin."

"Müller fand ihn schon sprachlos und ohne Bewusstsein, das er auch bis an seinen Tod nicht wieder erhielt."

"Es war dem unglücklichen Alten zwar nicht verborgen geblieben, dass sein Sohn ziemlich wild in die Welt hineinlebe und viel Geld brauche, aber er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass dieses so weit gehen könne, um dessen völligen Untergang und vielleicht auch den seines Vaters herbeizuführen. Sein plötzlicher Tod, die enge Verbindung, in der er mit dem haus seines Sohnes stand, führte in seinen eigenen Angelegenheiten eine Verwirrung herbei, deren vernichtende Folgen nur durch schleuniges Hinzutreten seiner Freunde abgewendet werden konnten, namentlich des alten Müller, der sich hier sogleich für Herrn Kleeborn tätig bewies. Sir Charles liess während der Zeit nichts von sich sehen und hören, er schien von der Erde wie weggehaucht, aber es ging ein Gerücht, dass er während des Sommers in Spaa und Aachen, unter einem andern Namen, als Spieler von Handwerk aufgetreten sei."

"Ach, liebes fräulein Schwester," setzte Kleeborn dieser Erzählung hinzu, "ich bleibe zwar bei alle dem wohlbehalten, aber ich werde doch, von schweren Sorgen gedrückt, in mein Grab gehen. Auf meinem wohlerworbenen Gute muss nach dem Glauben unsrer Vorfahren der Seegen ruhen, denn kein unrecht gewonnener Taler ist dabei, aber wem soll man heute zu Tage noch vertrauen? Wem werde ich mein Kind und die Frucht meiner vieljährigen Arbeit einst hinterlassen? Wer soll den Namen ehrenvoll fortführen, den ich mit Gottes hülfe und redlichem Fleisse mir in der Handelswelt erworben habe, und auf den ich eben so viel halte, als ein Edelmann mit sechzehn Ahnen nur auf den seinen halten kann?"

Die Tante wollte ihm einigen Trost geben, aber er war nicht in der Stimmung, darauf zu hören.

"Seit ich alles dieses erlebte," fuhr er fort, "habe ich schon zuweilen daran gedacht, noch bei meinen Lebzeiten alles aufzugeben, mir Güter zu kaufen und auf dem land meine Tage zu beschliessen. Aber ich weiss, dass die Ruhe mich tödten würde. Mein Leben ist Arbeit und Arbeit ist mein Leben, Arbeit die ich verstehe und liebe. Und soll ich denn selbst einreissen was ich selbst erbaute? soll ich mein eigner Leichenstein werden? Es ist unmöglich, ich kann es nicht. Wäre Vicktorine ein Sohn, ich hätte ihn anders erzogen, als der gute aber schwache Wissmann seinen Taugenichts, und mir wäre geholfen; doch auch so ist und bleibt sie meine einzige Hoffnung auf Erden."

"Sie wird diese Hoffnung erfüllen, zweifeln Sie nicht daran," erwiderte Anna. "Nur darf der Mensch dem Glücke die Gestalt nie vorschreiben wollen, in der es ihm erscheinen soll, sonst ruft er leicht sein Unglück herbei. Indessen habe auch ich etwas wichtiges Ihnen mitzuteilen, wozu ich mir Gehör von Ihnen erbitte. Doch zürnen Sie nicht, dass ich gleich anfangs einen Ihnen verhassten Namen nennen muss, der junge Holm – – –"

"Weder er, noch sein Name sind mir verhasst," fiel Kleeborn ein. "Der junge Holm hat sich in der kurzen Zeit zu einem ausserordentlich geschickten und ehrenwerten Kaufmann ausgebildet. Er ist vor einigen Tagen in Amsterdam eingetroffen, schreibt Müller mir, er tritt dort recht verständig für die Herren Fischer ein, die mit dem Wissmannschen haus fast eben so tief verwickelt sind als ich selbst, und seiner Leitung verdanken wir es grösstenteils, dass der Name meines alten Freundes nicht noch im grab mit Schande bedeckt wird. Wie es aber zugehet, dass er eher als sein Schiff nach Europa zurückgekehrt ist, weiss ich nicht."

Anna geriet bei der Nachricht, dass Raimund schon in Amsterdam wäre, in nicht geringes Erstaunen, doch sie barg dieses so gut sie konnte, und herzlich froh über die gute Meinung welche Kleeborn eben geäussert hatte, war sie im Begriffe das angefangene Gespräch fortzusetzen.

"Verzeihen Sie, fräulein Schwester, dass ich Ihnen abermals in die Rede falle," unterbrach Kleeborn sie von neuem. "Aber ich glaube zu sehen wo Sie hinaus wollen, und da muss ich Ihnen zuvorkommen. Der junge Holm kann nie mein Schwiegersohn werden, das musste ich Ihnen sagen, ehe Sie weiter gehen. Ich gestehe es ein, dass er ein junger Mann ist, dessen ausserordentliche Geschicklichkeit in seinem Fache den Mangel an hinreichendem Vermögen allenfalls aufwiegen könnte, aber er ist der Associé der Herren Fischer, sobald er zu haus wieder anlangt. Mein Schwiegersohn muss meine Geschäfte und meinen Namen nach meinem tod fortführen. Mit