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; "denn," sagte sie, "sie hat es einmal versprochen und den Tag weiss sie auch. Glaubt mir nur, sie kommt gewiss und daher könnt ihr es mit dem Anziehen noch immer anstehen lassen, ihr versteht es doch alle nicht wie sie, und wenn die Tante mich heute nicht anziehen soll, so braucht meinetwegen gar nichts daraus zu werden, heute."

Jedoch die Zeit verging, die Stunde der Trauung rückte immer näher, das um Agaten versammelte Heer der Jugendfreundinnen, das nicht minder zahlreiche der Kammerjungfern wurde immer dringender in seinen Ermahnungen. Schon griff Babet mit sauersüsser Miene zu den Myrten, um den Kranz daraus zu flechten und Agate wurde recht ängstlich und betrübt, weil niemand mehr auf sie hören wollte. Da erscholl mit einemmal ein lautes Freudengeschrei von allen Lippen, alles schwirrte im fröhlichsten Aufruhr durcheinander, denn die Tante stand plötzlich mitten unter ihnen. Sprachlos für Freude und Schmerz lag Vicktorine in ihren Armen, Agate lachte und weinte in einem Atem und erdrückte die geliebte Frau beinahe mit ihren Liebkosungen.

Anna war mild und freundlich wie immer, sie begrüsste alle mit gewohnter Anmut, doch ihr sonst helles Auge war von Wehmut getrübt, sie wollte Angelika nicht erwähnen, um die junge Braut nicht zur Traurigkeit zu stimmen, aber es wurde ihr sehr schwer zu verbergen, wie schmerzlich sie in diesem frohen jugendlichen Kreise ihren stillen Liebling vermisse.

"Wer hatte nun Recht?" jubelte Agate, als die Tante wirklich anfing, das ihr übertragene Amt zu verwalten; "aber da wollte niemand mir Glauben schenken, nicht einmal Vicktorine. Niemand hier kennt Sie so gut als ich, liebe Tante, denn Sie sehen es selbst, niemand baut so fest auf Sie als Ihre Agate. Könnte ich Ihnen nur sagen wie lieb ich Sie habe, aber wo die Zeit dazu hernehmen? Erst anziehen, dann getraut werden, dann Ball bis zum hellen lichten Morgen. Ich mache mir heute nicht viel aus dem Tanzen, aber der Onkel und Mamsell Virnot lassen sich das nun einmal nicht nehmen. Und hernach entführt mich der Schwarze auf der Stelle nach B**. Wie werde ich das alles nur überstehen? Getraut werden ist doch gar zu erschrecklich," schluchzte sie zuletzt, und die hellen Tränen rollten ihr dabei aus den unschuldigen Kinderaugen.

Anna sprach ihr Mut ein und band ihr dabei ihr Hochzeitsgeschenk, eine Schnur der schönsten Perlen, um den runden weissen Hals. Agate war gleich wieder das fröhliche Kind, welches seiner Freude kein Ende wusste, weil die Tante ihr etwas mitgebracht hatte. "Die Perlen sind köstlich, aber meinetwegen könnten es römische Glasperlen sein, sie wären mir nicht minder lieb," rief sie einmal über das andere.

"Und ich arme? was bringen Sie mir?" flüsterte leise schmeichelnd Vicktorine.

"Hoffnung und auch sonst noch Manches," antwortete Anna ziemlich ernstaft. "Du hast aber an mir und meiner Liebe gezweifelt, Vicktorine, darfst Du es läugnen?" Vicktorine küsste errötend mit zitternder Lippe ihre Hand. "Darum musst Du warten bis morgen, heute ist Agate die Königin des Tages," setzte Anna freundlicher hinzu.

Das fest verging, wie solche Feste es pflegen, unter Weinen und lachen. Der Ball, von dem Kleeborn sich wirklich nicht hatte abbringen lassen wollen, währte, bis mit grauendem Morgen der Wagen vorfuhr, der das junge Paar nach Horsts jetzigem Wohnorte bringen sollte. Anna, nebst einem grossen teil der übrigen Gesellschaft begleitete die in Tränen schwimmende Agate und den hocherfreuten Bräutigam bis an denselben.

"Ich bin recht froh darüber," sprach Anna zu Kleeborn, nachdem der Wagen fort war, "dass die jungen Leute den vernünftigen Entschluss gefasst haben, sogleich in ihre Häuslichkeit einzuziehen, statt nach der neuesten Mode, sobald sie getraut waren, auf Reisen zu gehen. Die Freude am Wirtshausleben und die Sucht dem Glück auf der Poststrasse nachjagen zu wollen, gewinnt jetzt unter allen Ständen nur zu sehr die Ueberhand; wenn das so fortgeht, so glaube ich, dass nach funfzig Jahren niemand mehr einer eigenen wohnung bedürfen wird, alles wird immer von Ort zu Ort ziehen, wie die wandernden Tartaren."

"Ach, es geht doch nichts über das Reisen," rief ein junges Mädchen, welches diese Bemerkung mit anhörte und die Türme seiner Vaterstadt noch nie aus dem gesicht verloren hatte.

"Nichts als die Freude sich wieder zu haus zu finden," erwiderte Anna, "aber um dieses zu fühlen muss man freilich erst gereist sein." Kleeborn benutzte die erste ruhige Stunde des folgenden Tages zu einer ernsten vertrauten Unterredung mit der Tante, deren unerwartete Ankunft auch ihm sehr willkommen war.

"Ich habe Sie immer als eine ungemein kluge verständige Dame verehrt," hob er an, "jetzt aber muss ich mehr wie jemals Ihre tiefe Einsicht bewundern. Was wäre jetzt aus Vicktorinen geworden, wenn nicht nach Ihrem Rat die Verlobung meiner Tochter mit dem nichtswürdigen Sir Charles sich so verzögert hätte! Ich habe von unserem Müller die traurigsten Nachrichten aus Amsterdam erhalten; mein alter würdiger Freund Wissmann ist nicht mehr, er ist vor Kummer gestorben." Dem Alten gingen bei diesen Worten die Augen über, er nahm sich aber zusammen, um der Tante den Inhalt von Müllers Berichten mitzuteilen.

"Von jeher hatte Sir Charles seinen kaufmännischen Geschäften mit der grössten Nachlässigkeit vorgestanden und sie fremden Händen meistens übertragen. Da aber sein Etablissement in London als ein Nebenzweig des