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auf Vicktorinens inständiges Bitten, die letzte Ruhestätte bereiten lassen. Ferdinand blieb die Nacht hindurch allein an ihrem Hügel. Am folgenden Tage bezog er ein kleines Haus, dicht neben demselben, das sonst wegen seiner herrlichen Aussicht zuweilen zu ländlichen Festen gedient hatte, und das Kleeborn ihm willig einräumte. Dort wohnte Klarenau von nun an in ungestörter Einsamkeit, er fühlte seine in den unerhörten Stürmen seines Lebens erschöpften Kräfte mit jedem Morgen tiefer sinken, und freute sich der ihm immer näher tretenden Hoffnung, bald neben der Geliebten auszuruhen. Sein Schmerz gewann dadurch jenen stillen rührenden Ausdruck, der, weit entfernt von Bitterkeit und Hadern mit Gott und der Welt, auf ein fromm ergebenes Gemüt deutet. Er floh die Gesellschaft, doch nicht die Menschen; oft sass er Stundenlang mit Vicktorinen an Angelikas Hügel und liess sich von dem schönen Zusammenleben der beiden Freundinnen erzählen, oder er sprach zu Vicktorinen von Raimund und seiner Errettung durch diesen, und von dem sehnlichen Wunsche, ihn noch einmal im Leben zu sehen, dessen Gestalt nur wie ein dunkles Traumbild aus seinen Fieberphantasien ihm vorschwebte. Den wackern Horst und dessen fröhliche Braut sah er ebenfalls gern und freute sich des frisch erblühenden Lebens dieser Beiden; sogar der alte Kleeborn war ihm lieb geworden, denn dieser fühlte das tiefste Mitleid für den Armen und trat immer so leise an ihn heran, als befände er sich in einer Kirche.

So ward er allen ein lieber milder Gefährte, und jeder ehrte seinen Schmerz, weil er auf so edle Weise ihn zu tragen wusste und niemanden durch denselben lästig fiel. Sie besuchten ihn gern an seinem stillen Hügel, zwischen dessen dunklen Cypressen sich unter seiner Leitung ein grosses einfaches Kreuz von weissem Marmor erhob. Nur Babet ging ihm aus dem Wege, aber sie liess es dennoch an schönen rührenden Redensarten nicht fehlen, wenn sie so glücklich war, durch Erzählung seiner traurigen geschichte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft sich zuwenden zu können.

Horst hatte den schweren Auftrag erhalten, der Tante den Verlust ihrer Angelika zu melden, denn Vicktorine vermochte es in den ersten Tagen nicht die Feder zu führen. Er suchte auf die schonendste Weise ihr die traurige Nachricht zu verkünden, aber Annas Herz blutete dennoch bei dieser Botschaft aus tausend Wunden.

Mein süsses Kind! meine holde weisse Rose! ach warum musste ich fern von Dir sein, als Du das schöne Haupt zum ewigen Schlummer neigtest, schrieb Anna in ihrer Antwort an den Rittmeister. Jetzt erst verstehe ich, was mich immer so vorahnend ergriff, wenn ich den Namen Klarenau nennen hörte. Immer musste ich denn aufzufinden suchen, wo ich früher ihn gehört, was mir ihn merkwürdig gemacht haben könne, und doch kam ich nie darüber zum klaren Bewusstsein. Ganze Nächte hindurch hat dieser Name mich verfolgt, jetzt weiss ich, dass Baron von Sternwald ihn mir einmal genannt hat, als er Angelikas hartes Geschick mir vertraute. Sie selbst nannte den Geliebten nie so, sie sprach immer nur von Ferdinand, und war von seinem Untergange so fest überzeugt, dass auch in mir kein Zweifel daran aufkommen konnte. Hätte man mir in dieser Zeit, da ich wegen einer Angelegenheit, in die auch ich verwickelt bin, ihn oft nennen hörte, nur ein einzigesmal als Ferdinand von Klarenau ihn bezeichnet, und dabei die lange Reihe seiner übrigen Vornamen weggelassen, die mich irre machten, ich glaube, dass mein Gedächtniss wieder erwacht wäre. Dann hätte ich die arme Angelika auf das Glück vorbereiten können, das ihr so nahe bevorstand, und die überraschende Freude hätte das weiche, nur an Leiden gewohnte Herz nicht gebrochen. Angelika lebte nochach wahrscheinlich doch nur, um einige Wochen oder Monate später die Welt mit bangem Widerstreben, im harten Kampfe zu verlassen, die Ferdinands Liebe ihr erst zum Paradiese umgewandelt hätte!

O meine Angelika! im höchsten Lichtpunkt Deines sonst immer trüben Lebens, dem kein zweiter in solcher Herrlichkeit folgen kann, schlang Dein reiner Geist sich hinauf, Dein Herz brach in Wonne! Wer möchte nicht sterben wie Du?

Nach dem, was Sie, lieber Horst, von des armen Klarenau jetzigem Zustande mir schreiben, und dem, was ich sonst noch von seinem frühern Geschicke erfuhr, darf er hoffen, nicht lange mehr über den Hügel zu trauern, unter dem das Leben seines Lebens ruht. Seine Leiden während der fürchterlichen Gefangenschaft, in der er Jahre lang schmachtete, mussten seine Lebenskraft ohne Rettung untergraben.

Ach, ich weine um meine Angelika und dennoch fiel ihr auch in dieser Hinsicht ein glückliches los.

Du weiche sanfte Seele, wie hättest Du es tragen wollen, den Geliebten zweimal zu überleben. Der Winter kam heran, doch weder Bitten noch Vorstellungen vermochten es, den armen Klarenau zu bewegen, sich von seinem Cypressenhügel und der kleinen wohnung in der Nähe desselben zu trennen; seine Freunde mussten sich entschliessen, ihn einsam zurückzulassen, als sie ihr Haus in der Stadt wieder bezogen.

Agatens Hochzeit war durch den Tod der von allen betrauerten Angelika verschoben worden, selbst Horst hatte sich mit guter Art darin ergeben, denn die ihm eigne Gutmütigkeit erlaubte ihm nicht, in der Nähe eines so Unglücklichen, wie Klarenau, ein fröhliches fest zu begehen. Jetzt aber wurde, zu Anfange des Winters, der feierliche Tag von Herrn Kleeborn unwiderruflich bestimmt, so viel auch Agate dagegen einwenden mochte, die durchaus erst die Ankunft der Tante abwarten wollte.

Selbst am Hochzeitsmorgen war indessen Agate noch fest überzeugt, dass Anna sich zur rechten Zeit einstellen werde