vor seinem Zorne zagenden Erde gab, und dem Menschen dabei zu hoffen gebot. Und nun kommt bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen. Dann schlummern wir in Frieden – und träumen auch wohl."
"Sprich nicht so viel, meine Angelika," bat Vicktorine, "komm, Liebe, komm ins Haus, Du bist matt und erschöpft."
"O nein! o nein!" rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit. "Mir ist wohl, unbeschreiblich wohl, mir ist wie noch nie in meinem Leben. Sei nicht besorgt um mich," setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie Vicktorinens Aengstlichkeit bemerkte. "Meinst Du, ich sehe nicht was jetzt Dein liebes Herz beklemmt? Aber lass' Dir nicht bangen, wenn nun jetzt wohl bald auch mein Abend kommt; bangt es mir doch auch nicht, und möge er nur diesem Abende so gleichen, wie mein Leben diesem Tage glich. Ich habe noch nie mit Dir davon gesprochen, doch heute geht mir in Wonne das Herz auf. Bringe der geliebten Anna meinen letzten Gruss und meine gute Nacht, wenn es so weit sein wird. Sage ihr, dass ich mich nicht gefürchtet habe allein einzuschlafen, sage ihr, dass ich beim Entschlummern mich nicht nach ihr gesehnt habe, denn ich kenne keine sehnsucht mehr auf Erden. Aber ich freue mich, dass ihre Abwesenheit den einzigen Schmerz mildern wird, den ich mir bewusst bin, ihr jemals gegeben zu haben. Sage ihr auch noch, dass ich sie dort jubelnd empfangen werde, denn wahrscheinlich ist sie die erste unter meinen Lieben, die mir nachfolgen wird."
"Angelika, Du zerreissest mir das Herz," rief Vicktorine, und sank vor ihr hin, und verbarg das von Tränen überströmte Gesicht in ihrem Schoosse.
"liebes, liebes Herz, was bewegt Dich denn so?" sprach Angelika und strebte liebkosend, Vicktorinen zum Wiederaufstehen zu bewegen "Was fürchtest Du denn heute? Ich sage Dir ja und gewiss es ist so, mir ist in diesem Augenblick so unaussprechlich wohl, wie noch nie in meinem Leben. Ich fühle wie von Engelsflügeln mich gehoben, als wäre die Last des Lebens schon von mir genommen, als brauche ich gar nicht mehr zu atmen, so leicht ist es mir in der Brust, die mir den ganzen Tag über so enge war. Kannst Du denn wirklich mir nicht wünschen, dass mir immer so sein möge? kannst Du, Du Herz voll Liebe, Dich freuen, wenn ich noch lange jeden Atemzug mit stechendem Schmerz erringen muss, kannst Du es mir missgönnen dass ich nun bald dort, dort – – –"
Angelika verstummte und sah süss lächelnd mit träumerischen blick in die goldene Abendpracht hinaus; Vicktorine weinte still und von ihr unbemerkt, ihr zur Seite.
"Es ist seltsam," fing Angelika nach einer kleinen Pause wieder an, "oder ist Dir vielleicht auch so? Mir ist als müste ich etwas hier erwarten – jemanden – als stände etwas Grosses, Erfreuliches, mir ganz nahe bevor, als – Horch!" rief sie, plötzlich von ihrem Sitze sich erhebend, "horch! hörst Du nicht? Hörst Du die stimme?"
"Ich höre nichts," erwiderte Vicktorine, "aber Du machst mir unaussprechlich bange; komm liebe Angelika, komm hinein, die Abendluft muss Dir schaden."
"Wunderliches Kind," rief Angelika ein wenig heftig, "ich sage Dir ja, mir ist wohl. Aber den Wagen hörst Du doch?"
"Nein – doch ja –" antwortete Vicktorine, "es ist als käme ein Wagen ganz von ferne den Hügel herab. Aber Du weist, von hieraus können wir die Landstrasse nicht sehen, so nahe sie auch am Garten vorbeigeht. Jetzt höre ich das Fahren deutlicher, komm ins Haus, im vorderen Salon, da können wir – –"
"O nein, o nein," rief Angelika sie festaltend. "Wieder! – die stimme! o mein Gott! Hörst Du die stimme denn nicht? ganz nahe. Die stimme, die ich nie wieder zu hören meinte. Ganz deutlich – hörst Du? hörst Du?"
"Es ist mein Vater," erwiderte Vicktorine. "Jetzt höre ich es recht gut, der Wagen fährt in den Hof. Was kann so spät noch ihn aus der Stadt herführen? und heute' am Posttage, da pflegt er nie zu kommen."
"Hörst Du die Tritte nicht? näher und immer näher – und wieder die stimme!" flüsterte atemlos und zitternd Angelika. "Stille, stille, – die Tritte – die stimme – sein gang, seine stimme!"
"Es ist der Vater," sprach Vicktorine.
"Ich bringe Euch einen Fremden, der nach der Tante fragt," sagte Kleeborn, indem er aus dem haus hervortrat. "Es schien ihm viel daran gelegen, ihren Aufentalt auf der Stelle zu erfahren, er hat sie in ihrem Stifte aufgesucht und nicht gefunden. Du, Vicktorine, als ihre fleissige Correspondentin, kannst ihm die beste Auskunft geben. Der Abend machte sich schön, die Post hatte nicht viel gebracht, da entschloss ich mich kurz, und fuhr noch mit ihm hinaus."
Während Kleeborn so sprach, trat eine schlanke blasse Gestalt hinter den Säulen hervor. Des Fremden erster blick fiel auf Angelika. Weit vorgebogen errötend, erbleichend, im schnellsten