1823_Schopenhauer_091_132.txt

Bernhards wiederfinden, die ihrem Herzen weit näher stehen als wir. Wir sind vergessen!"

"Armes, liebes, unruhiges Herz, wie sinnreich bist Du, zu Deiner eigenen Quaal!" unterbrach sie Angelika. "Anna vergisst Dich nicht, das glaube fest. Wie konnte nur je in Deinem eignen treuen Gemüt ein so frevelhafter Gedanke aufkommen?"

Jeder Trost, den Angelika aufbringen konnte, ging indessen an Vicktorinen verloren, denn zufolge ihrer ungeduldigen natur konnte diese eher alles andere ertragen als Ungewissheit. Die Tante war ihr von jeher der sichtbare Schutzgeist ihrer Liebe gewesen, von ihrer Gegenwart unterstützt, war Vicktorine fähig zu hoffen; doch nun war nicht nur sie, sondern zugleich mit ihr jede Spur von Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden, und sie fand eine Art grausamer Freude darin, sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich selbst hinzugeben. Auch die gegenwärtige Stimmung ihres Vaters trug in dieser Zeit nicht wenig dazu bei, sie in Angst und Unruhe zu versetzen. Dieser war freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden, als er es bald nach der Auflösung ihres Verhältnisses zu Sir Charles gewesen war; die Liebe zu seinem einzigen kind schien nicht nur in dem Gemüte des Alten wieder erwacht, sondern sie äusserte sich zuweilen ganz eigen, auf eine Weise, die bei seiner gewohnten Heftigkeit um so rührender erschien, je mehr sie gegen die rauhe Behandlung abstach, die Vicktorine früher von ihm zu erdulden gehabt hatte. Eben diese Veränderung in seinem Wesen, deren Grund sie vergebens zu erraten suchte, erweckte aber in Vicktorinens, dem Vater kindlich ergebenem Gemüte Besorgnisse, die nicht ganz ungegründet zu sein schienen.

Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst, auch oft in Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrübt. Der alte Müller kehrte noch immer nicht von Amsterdam zurück und Vicktorine glaubte zu bemerken, dass ihres Vaters trübe Stimmung mit der verlängerten Abwesenheit desselben in Zusammenhang stünde; doch aus leicht zu erratenden Gründen vermied sie es, hierüber eine Frage zu wagen. Die drückendste Schwüle hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der natur gelastet, schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen Himmelsgegenden auf und standen, oft kämpfend, einander gegenüber. Die hohen Linden vor dem haus beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt, vom schwarzumzogenen Himmel stürzten Wolkenbrüchen ähnliche Regenströme herab, gelbe Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Bäume, und die Erde schien in ihren Vesten vor der lauten stimme des Donners zu erzittern. Dann ward es wieder Friede in der natur, die kämpfenden Elemente schienen versöhnt bis neue Wolkengebürge sich auftürmten, neue Donner diese zerrissen und der eben beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte.

Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zerteilten endlich den Wolkenschleier, der sie fast den ganzen Tag über verhüllt hatte. Zurückgerollt zu beiden Seiten, bildete er ein hochgewölbtes, in den glühendsten Farben prangendes Flammentor, in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem Horizonte zuneigte. Jede einzelne Woge des breiten majestätisch hinrollenden Stromes prangte in goldigem Purpur, Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf der grünen Erde, jedes Blatt, jede Blume, jeder Grashalm glänzte in mehr als königlicher Pracht, berauschende Düfte entströmten den blühenden Orangenbäumen auf der Terrasse, den Levkoyenbeeten, den dunkeln Nachtviolen, und drüben im Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander, in so hoher seltner Farbenpracht, dass man nicht unterscheiden konnte, welcher der Abglanz des andern sei. Es war als wollten sie mit jenem westlichen, immer glühender sich wölbenden Tore wetteifern, unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte.

"O welch ein Abend!" sprach tiefaufatmend Angelika, indem sie, auf Vicktorinens Arm gelehnt, unter die hohen Säulen vor dem haus hinaustrat. "Lass mich hier Luft schöpfen, ich habe den Tag über ihrer so wenig gehabt, die Brust war mir so enge. Lass mich jetzt in langen Zügen die balsamisch erquickende Kühle trinken."

Sorgsam führte Vicktorine die aeterisch verklärte Gestalt einem bequemen Sitze unter den Säulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz. In Andacht und stiller Bewunderung versunken, blickten beide eine Weile hinaus in die wundervolle Pracht, welche sie umgab.

"Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens? der ewigen Hoffnung?" sprach endlich Angelika, "und täuscht mein Auge mich vielleichtes tut es jetzt zuweilenoder sind es wirklich ihrer drei?"

"Es sind ihrer drei," erwiderte Vicktorine, die jetzt mit immer steigender Besorgniss den ungewöhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr wurde, welche den ganzen Tag über von der schwülen Luft sehr bedrückt gewesen war.

"Es sind wirklich ihrer drei," wiederholte Anlika. "wunderbar! nie zuvor habe ich diese seltne Pracht gesehen. Und dort die Sonne! Liebe Vicktorine, welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag. Immer musste ich daran denken. Zuerst der trübe beklemmende Morgen. Dann die kurzen Sonnenblicke, der Regen, das Ungewitter, und nun die köstliche himmlische Ruhe dieses glanzerfüllten Abends! Sieh', Liebe, ist es nicht als wolle dort im Westen der Himmel sich öffnen, und uns einen blick in das Reich seiner Herrlichkeit gewähren? und die untergehende Sonne, will sie uns nicht nach Osten hinweisen, wo sie noch immer wieder aufgehen wird, wenn sie mir schon lange nicht mehr leuchtet? Nach dem Osten, den sie jetzt, indem sie von uns Abschied nimmt, so überherrlich mit dem tröstlichen Bilde schmückt, das Gott einst der