Herbst angesetzten Hochzeitstage noch vergehen mussten. Die Kleine pflegte bei solchen Gelegenheiten sich gewaltig zu ereifern, was ihr indessen nach ihres Bräutigams Urteil recht allerliebst stand, der daher auch nie unterliess, sie zum Zorne zu reizen.
"Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt," sprach sie einst, "dass das eine ganz alberne und unnütze Rechnung ist. Wie kann ich denn heuraten ohne die Tante und wer kann vorher wissen, wenn die kommen wird. Dass sie mir den Kranz aufsetzt und keine andere, das steht nun einmal fest; doch wo sie jetzt stecken mag, wissen die Götter. Sie schreibt ja nur alle Jubeljahre einmal. Kommen aber wird sie und zur rechten Zeit auch, darauf verlasse Dich, denn sie hat es mir versprochen. Wir können schon warten bis sie Zeit dazu hat, denke ich; ein Paar Wochen oder Monate sind ja keine Ewigkeit."
Während dieses Streites hatte Vicktorine ein Zeitungsblatt ergriffen das zufällig dalag, und studirte es sehr emsig und zwar nach ächter Mädchenart nur die letzte Seite desselben, denn um politische Angelegenheiten bekümmerte sie sich nach geschlossenem Frieden nur wenig. Doch seit Raimunds Entfernung interessirten sie die Schiffsnachrichten ungemein, die gewöhnlich am Ende der Zeitungen neben den übrigen Bekanntmachungen ihren Platz finden.
"Meine gute liebe Agate," sprach Vicktorine jetzt, indem sie das Blatt niederlegte und die kleine Braut recht herzlich umarmte, "liebes, liebes Kind, glaube mir, wir sind beide vergessen. Ich weiss jetzt, dass wichtigere Dinge, Ereignisse, die ihr weit näher am Herzen liegen, die Tante so beschäftigen, dass wir die Hoffnung aufgeben müssen, sie sobald wiederzusehen. Flechte Dir selbst Deinen Kranz und drücke ihn Dir schnell in die Locken, ehe der Sturm ihn Dir entführt. Baue in Zukunft auf niemand als auf Gott und auf Dich selbst."
"Und das alles steht da in der Zeitung!" rief Agate voller Erstaunen.
"Und obendrein in einer uralten, sieh' nur selbst, vom siebenzehnten April," setzte Horst lächelnd hinzu, der indessen das Blatt aufgenommen hatte. Er fing nun an, es leise zu durchlaufen. "Schiffe angekommen – ausgelaufen – wir bitten um stille Teilnahme –" murmelte er lesend. "Unsre gestern gefeierte Verbindung – ja wer erst so weit wäre! – einem gesunden Mädchen beschenkt – Hm! da finde ich doch auf Ehre nichts. Doch halt, da ganz unten steht noch etwas mit lateinischen Lettern, das wird es sein." Mit lauter stimme las er nun eine jener an Albert und Raimund von Leuen gerichteten Aufforderungen, Nachricht von ihrem Leben und Aufentalt zu geben, welche Baron Meinau in allen Zeitungen hatte einrücken lassen. Der Inhalt derselben schien ihm aufzufallen, denn er las sie noch ein paar mal vor sich mit grosser Aufmerksamkeit durch, ehe er das Blatt wieder hinlegte.
"Ich verstehe Sie noch immer nicht, liebe Vicktorine," sprach er endlich. "Dass es mehr Leute in der Welt gibt, die Raimund getauft sind, ist längst bekannt, das einzige auffallende dabei ist nur, dass auch der Vorname des Vaters zutrifft. Vor ein paar Tagen habe ich diesen auf dem Denkmal gelesen, das sein Sohn ihm auf seinem grab hat errichten lassen, und dessen schöne einfache Form mir im Vorübergehen auffiel. Die Leute sagen: der alte Holm sei ein sonderbarer, sehr ernstafter Mann gewesen, der etwas eigenes, geheimnissvolles in seinem Wesen gehabt habe. Aber mein Gott, Kusinchen, wie bleich Sie werden! habe ich Ihre eignen Gedanken nicht getroffen, so ist ja alles was ich sagte nur ein wunderlicher Einfall, auf den Sie gewissermassen mich selbst gebracht haben."
Vicktorine antwortete wenig, das Gespräch nahm eine andere Wendung, Horst entfernte sich bald darauf, um nach haus zu reiten, und Agate begleitete ihn, um ihn zu Pferde steigen zu sehen.
"Angelika," rief Vicktorine, sobald sie mit dieser allein war, "liebe Angelika, welchen Sturm hat dieser Scherz in mir aufgeregt. Mehr als Scherz konnte Horst mit dem, was er sagte, nicht meinen; da er die geschichte der Tante nicht kennt, so fielen ihm nur die Vornamen derer, welche gesucht werden, und nicht der Name von Leuen auf. Und doch hat er, ohne es zu beabsichtigen, mich in ein Meer von Zweifeln gestürzt. Ahnungen erstehen in mir, denen meine Vernunft sich vergebens widersetzt. Dieses Blatt ist vom siebenzehnten April. Am nämlichen Tage erhielt die Tante Raimunds Brief, am nämlichen Tage kündigte sie uns ihre schon auf den nächsten Morgen bestimmte Abreise an. War es dieses Blatt, in welchem die Verwandte Ihres Bernhard gesucht werden, oder war es der Brief, was sie zu jenem schnellen Entschlusse bewog? oder erriet Horst, ohne es zu ahnen, die Wahrheit, und Brief und Blatt wirkten vereint zum nämlichen Zwecke? Ist Raimund der, den man sucht, – und tausend früher nicht beachtete Umstände drängen sich mir jetzt entgegen, um mich in dieser Ahnung zu bestärken, – ist er ein Edelmann, so wird mein Vater bei seinen uns bekannten grundsätzen um so weniger in unsre Verbindung einwilligen wollen, und ist er es nicht, und kehrt er glücklich zu mir zurück, wer wird uns dann in Schutz nehmen, wenn Anna es nicht tut? wer bei meinem Vater uns so vertreten, wie sie allein es kann? Sie bleibt uns fern, Anna wird den Bruder, den Neffen ihres