unvergesslichen Elendes wieder zu nähern, das sich noch immer, so wie er die Augen schloss, in den allergrässlichsten Traumbildern ihm erneuerte. Wahrscheinlich aber müssen seine Hausleute mit dem Bestellen der Briefe nicht recht umzugehen gewusst haben, denn kein einziger hat je den Ort seiner Bestimmung erreicht."
"Klarenaus abgeschorne Locken waren indessen wieder gewachsen, seine Gesundheit erstarkte bei der gesünderen Kost und in der alles belebenden Seeluft, die mit erquickenden Düften beladen ihn umwehte. Müde des Wartens, da noch immer keine Antwort auf seine Briefe kam, ergriff er endlich den Wanderstab und machte sich zu Fuss auf den Weg, ohne zu wissen wie er, selbst bei dieser wohlfeilen Art zu reisen, mit den wenigen Franken auskommen werde, die er von dem durch seinen grossmütigen Befreier ihm vorgestreckten Gelde noch übrig behalten hatte. Er verliess sich dabei auf das Glück, das seit kurzem sich ihm wieder zuwenden zu wollen schien. Es war ihm auch günstig, wenn gleich es ihm zuerst diese Gunst ein wenig unsanft bewies."
"Der Wanderer war noch nicht weit von Toulon auf dem Wege nach Marseille fortgeschritten, als er sich plötzlich in einer als unsicher berüchtigten Gegend von Räubern umringt sah; ein Schlag auf den Kopf streckte ihn bewusstlos hin, rein ausgeplündert blieb er regungslos liegen, während die Räuber, die ihn für getödtet halten mussten, mit seiner wenigen Habe entflohen. Wahrscheinlich wäre er nie wieder zum Leben erwacht, wenn nicht ein junger deutscher Kaufmann, der zufällig des Weges reisete – – –"
"Ihn mitleidig aufgenommen hätte," fiel hier Anna ein, die so lange mit immer steigender Aufmerksamkeit zugehört hatte. "Dieser Samariter," fuhr sie fort, ohne durch Meinaus Erstaunen sich stöhren zu lassen, "dieser mitleidige Samariter liess den Verwundeten fürs erste nach dem nahen Dörfchen Oliulles und dann nach Toulon ins Malteserkreuz tragen, wo er selbst abgestiegen war. Dort pflegte er seiner mit grosser Sorgfalt, bis er selbst nach einigen Tagen wieder abreisen musste; bei seiner Abreise übergab er ihn einem sehr angesehenen wackern in Toulon etablirten deutschen Kaufmann, Namens Weiler, in dessen Familie der arme ebenfalls mit Herzlichkeit aufgenommen und mit der grössten Aufmerksamkeit verpflegt wurde, bis er völlig genesen, ausgerüstet mit Geld und Empfehlungen – – –"
"Hochwürdige Frau!" unterbrach Meinau sie jetzt, der sich in seiner Verwunderung nicht länger mässigen konnte.
"Raimund war es!" rief Anna, helle Freudentränen im Auge und ohne ihm weiter zum Worte kommen zu lassen. "Raimund Holm, Raimund Bernhard von Leuen!" Sie eilte jetzt, dessen Brief herbeizuholen, und dem Baron die auf dieses Ereigniss Bezug habende Stelle daraus mitzuteilen.
"Nun wahrhaftig, das kommt immer besser!" rief Meinau jetzt fröhlich aus, als Anna zu lesen aufgehört hatte. "So wäre denn der Roman völlig fertig, nur etwas Liebe muss noch hinein, die findet sich. Der gehörige Edelmut wird auch am Ende nicht ausbleiben, denn hoffentlich wird doch Klarenau nicht mit dem Erretter seines Lebens einen Process anfangen wollen, um diesen um sein rechtmässig ererbtes Eigentum zu bringen; und so wären wir ja mit einemmale aller Furcht vor Streit und Aerger entledigt." Der Aufentalt in Kleeborns sehr schönem Landhause, das er während der Sommerzeit mit den Seinen gewöhnlich zu bewohnen pflegte, gewährte den beiden Freundinnen Angelika und Vicktorine wenigstens ein ruhigeres Dasein, als das Leben in der Stadt ihnen bieten konnte. An jedem schönen Abende wandelten sie Arm in Arm auf der hohen Terrasse vor dem haus auf und nieder, bis die sinkende Nacht die weite Aussicht über Strom und Land und Meer mit ihrem dunkeln Schleier verhüllte.
Sehnsuchtsvoll blickte Vicktorine dem majestätischen Laufe der mächtigen Schiffe nach, wenn sie auf dem prächtigen breiten Strome, der dicht am Garten vorüberfloss, mit geschwellten, von Abendschein geröteten Seegeln dem lange ersehnten Hafen zueilten. Dann wandte sie seufzend das umdüsterte Auge der dämmernden Ferne zu, wo der Strom dem Meere sich vereint, bis es' in Tränen überfloss und Himmel und Erde und Meer in eins ihr verschwammen.
Angelika betrachtete vor allem gerne den tiefblauen Himmel, wenn an ihm ein Stern nach dem andern auftauchte. Auch ihrer müden Brust entrang sich dann manch leiser Seufzer, und ein trübes Lächeln schwebte um die bleiche Wange und den lieblichen festgeschlossenen Mund, der keiner Klage sich mehr öffnete. Beide Freundinnen suchten die Heimat ihrer Liebe auf, die eine dort oben, im glänzenden geheimnissvollen Reiche, von Tausenden im ewigen Sphärentanz einander umkreisenden fernen Sonnen; die andere zwar noch auf der grünenden blühenden Erde, aber weit, weit weg, jenseits der immer bewegten Wogen, die, wie der nächtliche Himmel, dem Sterblichen ein Bild der Unendlichkeit sind.
Agate umflatterte zuweilen die Beiden, so wie ein leichter luftiger Schmetterling fröhlich die rote und die weisse Rose umtanzt, welche die Kunst des Gärtners einem einzigen Stocke entblühen lies. Aber sie wusste doch dabei die zu schonen, welche nicht so glücklich waren als sie selbst, und hütete sich sorgsam davor, sie durch unzeitig angebrachten Scherz zu verletzen. Ihr Lieblingsplätzchen im Garten war eine kleine Anhöhe, von der sie den Weg übersehen konnte, welchen Horst gewöhnlich kam, wenn er sie besuchen wollte. Mehr als zehnmal des Tages erstieg sie diese, sogar wenn sie wusste dass er heute unmöglich kommen könne, und war er nun da, so schalt sie ihn tapfer aus, denn er fing gewöhnlich an, die Tage und Wochen zu berechnen, die bis zu dem im