1823_Schopenhauer_091_129.txt

und Klarenau unter diesen, langten an ihrem fürchterlichen Bestimmungsort, dem Arsenal von Toulon an, in welchem viele tausende von Galeerensclaven jeden Tag die Sonne anklagen, dass sie über solche Gräuel aufgehen mag."

"In diesen Aufentaltsort für schwere Verbrecher wurden damals mehrere deutsche Gefangene gesendet, denn man nannte sie Räuber, Brigands, eben weil sie ihr Vaterland von Räubern zu befreien aufgestanden waren."

"Solch unermesslich hartes los traf auch Klarenau. Gehüllt in elende Lumpen, den kahlgeschornen Kopf mit der roten platten Mütze bedeckt, die den Galeerensclaven bezeichnet, wurde hier der unglückliche Jüngling von seinen Landsleuten sogleich getrennt."

"Alle Galeerensclaven werden gewöhnlich zu zweien und zweien vermittelst einer langen Kette aneinander geschmiedet, und auch er erhielt einen abscheuerregenden Missetäter auf diese Weise zum gefährten, von dem er jetzt Tag und Nacht unzertrennlich blieb. Trocknes hartes Brod, wasser, höchstens eine elende Wassersuppe, ist die einzige Nahrung jener Unglücklichen, sie war auch die seine und bei dieser musste er arbeiten verrichten, wie man sie kaum einem Lasttiere aufbürden sollte. Jedem seiner schrecklichen Tage folgte eine noch weit furchtbarere Nacht in dem untern raum einer der Galeeren, denen alle diese Gefangene jeden Abend zugetrieben werden. In diesem düstern Aufentalt, den die Hölle kaum an Grässlichkeit übertreffen kann, musste Klarenau, um nächtlich zu ruhen, mit seinem entsetzlichen gefährten eine hölzerne enge Bank teilen, zusammengeschichtet mit mehreren Hunderten von Elenden, die hinabgesunken zu dumpfer Tierheit oder schaamloser Frechheit – – – hochwürdige Frau, es sind beinahe vierzig Jahre dass ich in meiner Jugend als neugieriger Reisender auch in diesen Abgrund aller Greuel einen blick geworfen habe, und noch steht das Bild davon unauslöschlich in meiner Seele. Ihre Phantasie mag ich nicht damit beflecken, genug ich bin überzeugt, dass die wegen der Behandlung ihrer Christensclaven so übel berüchtigten Raubnester an der afrikanischen Küste, nichts entsetzlicheres aufzuweisen haben können."

"Klarenau sank eines Tages unter einer schweren Last, die ihm aufgebürdet worden war, ohnmächtig zusammen, denn seine Kräfte waren völlig erschöpft. Er wurde für krank erklärt und in eines der für die Galeerensclaven bestimmten Lazarete abgeführt, einen dumpfen, düstern, grabähnlichen Kerker. Monate lang schmachtete er hier zwischen Leben und Sterben. Paris wurde indessen erobert, Deutschlands Befreiung war erfochten, die Kriegsgefangenen wurden losgegeben, er erfuhr nichts von alle dem und war vergessen. Die wenigen seiner Leidensgefährten, die in ihrem tiefen Elende diesen grossen Tag erlebten, gedachten bei ihrer Befreiung seiner nicht mehr, oder zählten auch ihn zu den toten, den sie seit ihrem ersten Eintritt in diesen Schreckensort nicht wieder sahen."

"Abermals genas Klarenau, unerachtet alles Mangels und Elends, in seinem traurigen Verpflegungsorte. Er wurde wieder an das Tageslicht gelassen, und musste jetzt denen im Arsenal arbeitenden Handwerkern zur Hand gehen, da man ihn für schwere arbeiten untauglich fand. Doch blieb er immer noch in Ketten und allnächtlich erwartete ihn noch immer die schreckliche Ruhestätte in der Galeere. Wer er sei, warum er hierher geführt worden, hatten seine durch den täglichen Anblick des höchsten menschlichen Jammers bis zur vollkommensten Gleichgültigkeit verhärteten Aufseher längst vergessen oder es nie erfahren. Keine Seele wandte teilnehmend sich ihm zu, und so blieb alles Grosse und herrliche ihm verborgen, was während seines Aufentalts im Lazaret die halbe Welt in einen Taumel von freudigem Entzücken versetzt hatte. Hoffnungslos schleppte er noch lange Zeit sein trauriges Dasein und seine Ketten von einem Tage zum andern, ehe auch ihm die Stunde der Befreiung schlug."

"Doch endlich kam sie heran. Einer der angesehensten Beamten, der über die grossen hydraulischen arbeiten im Arsenal die Aufsicht führte, begegnete ihm eines Tages zufälliger Weise. Die Gestalt des Unglücklichen fiel ihm auf, er redete ihn an und erfuhr mit wahrem Entsetzen, wer er sei und wie schuldlos er leide. Der menschenfreundliche Mann eilte sogleich in die Stadt, um die Entdeckung anzuzeigen, dass noch ein Kriegsgefangener, vergessen, auf der Galeere schmachte, und er brachte es wirklich dahin, dass Klarenau schon am folgenden Tage die Jahrelang entbehrte Freiheit wieder erhielt. Sein gütiger Befreier versah ihn nicht nur mit der nötigen Kleidung, sondern auch mit einer kleinen Summe Geldes, die Klarenau zu ersetzen versprach, sobald er die Heimat wieder erreicht habe. Schnell, als glühe der Weg ihm unter den Sohlen, floh er nun durch Toulon durch, hinaus ins Freie, um nur die Türme dieser ihm entsetzlichen Stadt nicht länger sehen zu müssen, zu denen er aus seinem tiefen Elende so oft hoffnungslos hinaufgeblickt hatte. Denn ehe er sie aus dem gesicht verlor, konnte er nicht mit voller Seele an seine wiedererlangte Freiheit glauben."

"Seine Kräfte, die dem fürchterlichsten Unglücke widerstanden hatten, erlagen dem freudigen Gefühle, mit dem er sich endlich am Ufer des Meeres, frei wie ein Vogel in der Luft, wiederfand. Mitleidige Fischer nahmen den bis zum umsinken Ermatteten in ihre kleine, von Olivenbäume umschattete Hütte auf, die unerachtet des darin vorherrschenden südlichen Schmutzes ihm ein Paradies zu sein dünkte. Er sah sich genötigt, mehrere Monate bei diesen guten Leuten zu verweilen, ehe er sich genugsam erholt hatte, um die weite Reise in das nun befreite Vaterland antreten zu können. In dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe an seine Verwandte in Deutschland. Die Fischer nahmen sie mit, wenn sie ihre Fische nach Toulon zum Markte trugen, und versprachen sie dort auf die Post zu geben; denn ihn selbst hielt ein unüberwindlicher Abscheu davon zurück, sich dem Schauplatze seines