. Die Tante kannte die heftige natur dieses ihres Lieblings zu gut, um nicht den Entschluss zu fassen, die Entdeckung von Raimunds wahrem stand und Namen Vicktorinen bis zur völligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu verschweigen. Und dieses war ein Grund mehr, um fürs erste deren Nähe zu meiden; denn sie fühlte wohl, dass es ihr sehr schwer fallen würde, den unablässigen fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen. "Fast möchte ich auf meine alte Tage anfangen, recht modern abergläubig zu werden," rief Meinau der Tante entgegen, als er in ihr Zimmer trat, um sich vor seiner Abreise in die Residenz bei ihr zu beurlauben. "Ich kann es mir beinahe nicht aus dem Sinne bringen, dass es der Schutzgeist des von Leuenschen Hauses gewesen sei, der mich inspirirte die Rechte eines Unsichtbargewordenen zu verfechten, welcher, nach dem Urteil fast aller vernünftigen Leute, nur in meiner Einbildung noch existiren konnte. Auch war es gewiss nur dieser schützende Genius, der Ihnen zugleich so ganz zur rechten Zeit das elfenbeinerne Kästchen in die hände spielte. Ihre wichtige Entdekkung hätte nur um einige Wochen sich verspäten dürfen und ich befände mich jetzt in nicht geringer Verlegenheit. Denn wunderbarer Weise ist auch Raimunds nächster, lange vermisster Agnat in diesen Tagen wieder von den toten erstanden. So eben erhielt ich die Nachricht davon, die zum Glück uns jetzt ziemlich gleichgültig sein kann. Ich hoffe, er soll keinen Prozess gegen uns anstellen wollen, und tut er es ja – nun so ist das jetzt desto schlimmer für ihn."
"Wir leben doch in einer wunderlichen Zeit," erwiderte Anna. "Ich habe schon oft daran gedacht, dass es den Romanschreibern in unsern Tagen gar nicht schwer fallen kann, die seltsamsten Verwickelungen zu ersinnen, ohne Furcht der Wahrscheinlichkeit damit zu nahe zu treten. Denn Verlorengehen und wiederkommen, für Tod gehalten werden und Wiederauferstehen sind vollkommen an der Tagesordnung in der jetzigen Welt."
"Freilich," antwortete Meinau, "freilich ist die Zeit vorbei, in der man von Tausenden nur mit Gellert sagen durfte: er lebte, nahm ein Weib und starb, um ihren ganzen Lebenslauf beschrieben zu haben. Auch der Unbedeutendste hat in den letzten Jahren etwas erlebt das des Erzählens wert ist. Man muss leider nur zu viel davon hören und lesen."
"Setzen Sie hinzu," sprach Anna, "dass auch die Meisten mehr Städte und Länder gesehen haben, als ihre Grosseltern nur recht zu benennen wussten. Wer selbst nie auf Reisen ging, hatte wenigstens zwischen seinen vier Pfählen überflüssige gelegenheit, die Bewohner der entferntesten Länder kennen zu lernen. Die Welt kommt mir darüber als recht enge geworden vor, denn Rom, Moskau, London, Paris, Petersburg scheinen uns beinahe dicht vor der tür zu liegen und wir haben uns gewöhnt, die Bewohner dieser Städte fast wie Gevattersleute und Nachbarskinder anzusehen."
"Jetzt wäre es die rechte Zeit für den Kosmopolitismus, der in unsrer Jugend so Mode war wie vor kurzem die deutschen Röcke," erwiderte Meinau, "aber von der grossen Weltansicht mag niemand mehr etwas wissen, auch sie ist aus der Mode gekommen. Jeder will sich nur auf das Nächste, nur auf seine Landsmannschaft beschränken! Doch lassen wir die Welt zusehen, wie sie mit sich selbst fertig wird und erlauben Sie mir für jetzt, Ihnen ganz in der Kürze die Abenteuer des zuletzt Wiedererstandenen mitzuteilen, von denen dessen Oheim mir Nachricht gibt. Sie sind an sich seltsam genug, und können wohl einiges Interesse für den armen Klarenau erwecken, gegen dem wir alle beide doch einen kleinen Widerwillen fühlen, welchen er wahrscheinlich nicht verdient."
Die Tante willigte freundlich ein, indem sie bemerkte, dass sie sich allerdings ein wenig geneigt fühle, es dem jungen mann übel zu nehmen, dass er sich beikommen lasse noch am Leben zu sein, und Meinau fing seine Erzählung an:
"Dass Klarenau," sprach er, "sich den Lützowschen Jägern zugesellte, um gegen den allgemeinen Feind zu feld zu ziehen, ist Ihnen vielleicht bekannt. Gewiss aber haben Sie es eben so wenig wie ich selbst vergessen, auf welche unwürdige und empörende Weise diese tapfern Verfechter des Vaterlands von dessen Feinden für Räuberbanden erklärt, und mitten im Waffenstillstande überfallen, ja sogar grössten Teils vernichtet wurden. Klarenau wollte gleich beim ersten Allarm des Ueberfalls sich auf sein Pferd schwingen, der Sattel war in der Eile nicht recht befestigt worden, das sehr mutige Tier bäumte sich, er fiel, brach ein Bein, blieb in dem allgemeinen Tumult unbemerkt liegen und geriet völlig wehrlos in die Gefangenschaft der Feinde, ohne an der Seite seiner tapfern Kampfgenossen sich einen ehrenvollen Tod oder Befreiung erfechten zu können."
"Mehrere Monate hindurch wurde er als Kriegsgefangener von einem Lazarete ins andere geschleppt, ohne dass sein Leben dem unbeschreiblichen Elende erlegen wäre, das er dulden musste. Er war zu noch grösserem aufgespart. Sein Fuss heilte bei der schlechtesten Behandlung halb durch ein Wunder und er nebst mehreren seiner Unglücksgefährten wurden zuletzt nach Frankreich in die Gefangenschaft abgeführt. Von den Misshandlungen, der Not, dem grässlichen Hohn, kurz von allem, was diese Beklagenswerten auf dem langen Wege durch ein feindliches Land ertragen mussten, schweige ich, um Sie nicht zu wehmütig zu stimmen, meine geschichte wird ohnedem noch traurig genug. Die mehrsten Gefangenen starben unterwegs, wo sie in Gefängnisse, in Zuchtäusern eingeschlossen wurden, so lange sie nicht wandern mussten; nur einige wenige,