des Auslandes. Raimund las unzähligemal die Nachricht von denen im schloss Leuenstein so schnell auf einander gefolgten Todesfällen, ohne zu ahnen, dass hier von seiner Mutter und seinem Bruder die Rede sei. Noch weniger kam ein Gedanke daran in seine Seele, dass er selbst der Bernhard Raimund von Leuen sein könne, der so dringend aufgefordert wurde, von seinem Leben und Aufentalte Nachricht zu erteilen.
Auf Meinaus Veranlassung wurden indessen auch in Triest, wo Alberts Schiff ausgelaufen, und an der Küste, wo es gescheitert sein sollte, die genaueste Nachfrage angestellt. Die weite Entfernung der Oertlichkeiten, die vielen Jahre, die verstrichen waren, seit jenes Unglück sich ereignet haben sollte, erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit, ohne dass man nur irgend eine Auskunft erhalten konnte. Eben so wurde auch den Personen vergeblich nachgeforscht, die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet sein wollten. Nirgends war eine Spur von dem zu finden, was man suchte, aber man stiess auch auf keinen neuen Beweis für Alberts und Raimunds Untergang. Undurchdringliches Dunkel ruhte über Beider Geschick.
Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände war aber auch der nächste Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein für verstorben gehalten, ohne dass seine Erben gültige Beweise seines Ablebens beibringen konnten. Er war während des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermisst worden, aber niemand hatte ihn fallen sehen, niemand ihn auf der Wahlstatt unter den toten gefunden. Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem tod oder Leben gebeten, doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glücklicher als Baron Meinau in den seinigen. So gingen ein paar Jahre hin, während denen in dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde. Baron Meinau freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Kräften; doch als fortwährend keine Aussicht für die Erfüllung seiner Wünsche sich zeigen wollte, so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen in seinem Gemüte auf, die ihn mutles zu machen drohten.
Wie freudig musste ihn daher ein Kurier überraschen, der aus dem Stifte von Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt, ihm von ihr die Nachricht überbrachte, dass Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sei; dass er zwar für den Augenblick sich in einem fremden Weltteile befinde, jedoch hoffentlich bald wieder nach Europa zurückkehren werde. Rasch wie ein Jüngling, trotz seiner siebenzig Jahre und seiner Silberlocken, warf sich Baron Meinau augenblicklich in den Reisewagen, um zu ihr, die ihm eine so frohe Botschaft sandte, hinzueilen und sich von den nähern Umständen ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen. Zwar hatte er Anna noch nie gesehen, aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards Briefen kannte er sie genugsam, um sie innig zu verehren und von ihrer Teilnahme an dem haus von Leuen fest überzeugt zu sein. Auch Anna ehrte und liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklärten, sie wusste dass dieser ihm bis an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte, und sah ihn und seine nähere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen.
So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war, eilte diese ihm den Inhalt des elfenbeinernen Kästchens vorzulegen und zu seiner grössten Freude fand er darin Beweise für Raimunds Ansprüche, welche ihm unwiderleglich scheinen mussten. Sogar das Taufzeugniss desselben fehlte nicht, denn Albert hatte in der Nacht, da er von Leuenstein sich auf immer entfernte, dieses zufälliger Weise unter den Documenten mitgenommen, die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des Kardinals brauchte. Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in Beratschlagungen zu über die Schritte, welche sie während Raimunds Abwesenheit zur Verteidigung seiner Rechte gemeinschaftlich tun wollten. Auch die Beweise für seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht. Meinau konnte nicht umhin, den seltnen Geist, den geübten Scharfblick zu bewundern, welchen Anna bei dieser gelegenheit an den Tag legte. Die Leichtigkeit, mit welcher sie bei einem Geschäfte, das so weit ausser dem gewohnten Bereich der Frauen lag, das Verworrenste zu durchschauen vermochte, setzte ihn oft in Erstaunen, doch noch weit inniger fühlte er sich bewegt, wenn der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie für den Augenblick weit weg von dem gegenstand, der Beide beschäftigte, in das dämmernde Reich der Erinnerung zurückführte. Dann feierte er mit ihr in mancher schönen ernsten Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes, dessen Bild auch er noch immer im treuen Herzen bewahrte. Beide tauschten gegen einander manchen schönen Zug aus seinem Leben aus, und das Gespräch schien nimmer enden zu wollen, bis sie verstummend, vom Gefühle inniger Wehmut überwältigt, von einander scheiden mussten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zurückzog, um ungesehen zu weinen.
Meinau rüstete sich endlich zur Abreise in die Residenz, wohin Anna ihm auf einige Tage zu folgen versprach; denn für den Augenblick hielten ihre eignen Verpflichtungen sie ab, sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu entfernen. Sie war bereit, sobald dieses nötig würde, als Zeuge für Raimund aufzutreten und die wichtigen Verbindungen, in denen sie selbst mit dem regierenden Fürstenhause stand, konnten allerdings, wenigstens zur Beschleunigung beitragen.
Uebrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen haus unbesorgt. Angelikas Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit, und Vicktorine, das wusste sie, bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles für den Augenblick ihrer Gegenwart nicht, obgleich diese über der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen führte und sie auf das dringendste beschwor, bald wieder zu ihr zurückzukehren