hing an ihm mit wahrhaft kindlicher Liebe.
Niemals, selbst nachdem er schon seit mehreren Jahren mündig geworden war, konnte Leo zu dem Entschlusse kommen, sich vom Baron Meinau unabhängig zu betrachten und die Verwaltung seines Eigentums selbst zu übernehmen. So oft dieser nur Miene machte, ihm von der Führung seiner langen Vormundschaft Rechnung ablegen zu wollen, stürmte Leo mit den dringendsten Bitten auf ihn ein, mit solch einer Zumutung ihn zu verschonen, wenigstens bis dahin, wo er von einer grossen Reise ins Ausland zurückgekehrt sein würde, die er nächstens zu unternehmen Willens sei.
Diese Reise aber ward durch die übergrosse Zärtlichkeit seiner Mutter von einem Jahre zum andern verschoben, und Meinau fuhr indessen fort, sich der Verwaltung der Güter anzunehmen, obgleich sein zunehmendes Alter ihm dieses Geschäft ziemlich zu erschweren begann.
eigentlich mochte er wohl selbst gewissermassen sich davor fürchten, das, was er so mühsam erbaut und eben dieser Mühe wegen lieb gewonnen hatte, unter der Leitung eines gutmütigen Schwächlings wieder zu grund gehen sehen zu müssen.
Indessen schien ein vernichtender Geist über dem haus der von Leuen zu walten und es dem Untergange zuführen zu wollen, denn auch Leo überlebte nicht lange den Tod seiner Mutter. Der Tag, an dem er seine immer aufgeschobene Reise wirklich antreten wollte, war bestimmt; eine grosse Jagd, zu der die ganze Nachbarschaft eingeladen wurde, sollte den Vorabend derselben feiern. Hörnergetön und Hundegebell tönten lustig durch den Wald, wie an jenem verhängnissvollen Tage, an welchem Oskar Luisen von der Wut des wilden Ebers errettet hatte; doch die allgemein herrschende Freude ward auch diesesmal, und auf noch schrecklichere Weise in Trauer und Angst umgewandelt. Ein unglücklicher Fehlschuss von der Hand eines seiner Jugendfreunde gab dem armen Leo augenblicklichen Tod; er fiel lautlos beinahe auf der nämlichen Stelle, wo seine Mutter einst in Todesgefahr geschwebt hatte.
So schien denn nun wirklich der traurige Fall eintreten zu wollen, den Bernhard vorahnend gefürchtet und durch die Vermählung seines Bruders abzuwenden gehofft hatte. Der Stamm der von Leuen war anscheinend ausgestorben und die jetzt im blühendsten Zustande sich befindenden grossen Besitzungen desselben standen, in Folge uralter Familienverträge, im Begriff, einem weit entfernten Zweige desselben zuzufallen, der einen ganz andern Namen führte, in einem ganz andern Teile von Deutschland wohnte und mit den ehemaligen Eigentümern des Schlosses Leuenstein nie in persönlicher Verbindung gestanden hatte. Auch würde die Uebergabe der Güter in kurzem erfolgt sein, wenn nicht Baron Meinau, dieser treuste Freund seiner Freunde, sich dem kräftig entgegengesetzt hätte.
Alberts Andenken war nie in Meinaus Herzen erloschen; eine leise Ahnung hatte stets ihn davon abgehalten, der Nachricht von dessem Untergange auf dem Meere unbedingten Glauben zu schenken.
Späterhin erreichten ihn dunkle Gerüchte von Leuten, die den Verlorengeglaubten bald hier bald da in fernen Städten begegnet sein wollten und bestärkten ihn in seinem Zweifel an Alberts tod. Als Oskar, der Bruder seiner Frau, ihm in einer vertrauten Stunde den Inhalt seiner letzten Unterredung mit Albert entdeckte, als endlich Luisens leidenschaftliche Neigung für den Retter ihres Lebens sich immer deutlicher offenbarte, da geriet Meinau, bei seiner genauen Kenntniss von Alberts charakter, sogar auf Vermutungen, die ihn das mehr als heldenmütige Benehmen desselben und dessen Beweggründe, beinahe ganz der Wahrheit gemäss erraten liessen. Er versuchte daher in öffentlichen Blättern, dem einzigen Wege dazu der ihm offen stand, den allzu Grossmütigen durch dringendes Bitten zur Heimkehr zu bewegen. Alles blieb indessen vergebens, Albert schien durchaus bei seinem einmal gefassten Entschlusse verharren zu wollen, und Meinau hielt sich zuletzt in seinem Gewissen für verpflichtet, ihn nicht weiter auf seinem Wege zu stören. Er schwieg also ebenfalls und setzte sich Oskars und Luisens Vermählung nicht entgegen, weil er überzeugt war, dadurch am sichersten in dem hohen Sinn seines edlen Freundes einzugehen, den er bewundernd verehren musste.
Jetzt aber waren die nun alle dahin, welche Albert durch sein Verschwinden zu beglücken gedacht hatte. Ausser dem weit entfernten Oskar lebte niemand mehr, dessen Ruhe durch das Wiedererscheinen des Verschwundenen hätte gestört werden können, und keine Rücksichten waren noch vorhanden, welche den Baron Meinau abhalten konnten alles anzuwenden, um das von ihm redlich verwaltete Eigentum seines Freundes so lange vor fremden Händen zu bewahren, als er selbst nicht von dem tod des rechtmässigen Eigners überzeugt wäre. Die Zeitung, welche den Schiffbruch gemeldet, hatte nur höchst unbestimmte Nachricht von diesem gegeben, nicht einmal den Namen des Schiffes genannt; und obgleich Albert seit langen Jahren für tot geachtet wurde, so liess sich wenigstens die Möglichkeit nicht abstreiten, dass sein damals unmündiger Sohn beim Schiffbruch gerettet und noch am Leben sei. Meinau entschloss sich daher, gleich nach dem tod seines unglücklichen Mündels zu einer Reise in die Residenz, um dort der höchsten Behörde seine Zweifel an dem völligen Erlöschen dieses Hauses vorzulegen.
Meinau war persönlich in jener Stadt sehr geachtet, es fehlte ihm nicht an bedeutenden Verbindungen und auch das Haus der von Leuen stand dort von jeher im hohen Ansehen. Selbst der Fürst hatte nicht ohne Schmerz von dessen Erlöschen gehört. Meinau erhielt also ohne grosse Schwierigkeiten den Aufschub der Uebergabe der Güter den er verlangte, bis er von dem Leben oder Sterben Alberts und seines Sohnes genügendere Beweise einziehen könne. Zugleich wurde ihm von hoher Hand die einstweilige Verwaltung der von Leuenschen Besitzungen abermals übertragen, weil man bei seiner allgemein anerkannten Redlichkeit und Einsicht überzeugt war, dass sich niemand besser dazu eigne.
Alberts Name erschien jetzt abermals, vereint mit dem seines Sohnes, in allen öffentlichen Blättern, selbst in denen