er nun ohne mich allein in der Welt steht, nur diese entziehe ihm nicht, und möge er immer, wenn Du es so willst, dem süssen Wahn überlassen bleiben, dass er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren, dass in diesem auch die stimme, des Bluts für ihn spreche.
Indessen könnten aber doch einst Zustände eintreten, die Dich bestimmten Raimund als den, der er seiner Geburt nach ist, in der Welt auftreten zu lassen. Ist dieses jemals der Fall, so beschwöre ich Dich, mein Bruder, bei allem was Dir heilig ist, bei Deiner künftigen Ruhe, bei Deiner Hoffnung auf eine seelige Zukunft: gieb nie zu, nie, unter keiner Bedingung, dass dies geschehe so lange seine Mutter noch lebt. Was würde aus Luisen, was aus Oskar werden, wenn sie von der Verlängerung meines traurigen Daseins Kunde bekämen! und wie könnte dieses ihnen dann noch verborgen bleiben, wenn Raimund wieder ans Licht träte? Nein, nein, lasse sie bis an ihr Ende in dem Wahne verharren der sie beseeligt, den ich mit meinem Leben ihnen erkaufte. Alles, alles was ich erstrebte, Luisens innrer Friede, das ganze Glück ihres Daseins wären bei einer solchen Entdeckung auf immer verloren. Raimunds Wiedererstehen böte seiner Mutter keinen Ersatz, er war nie das Kind ihrer Liebe, die sich einzig auf ihren Erstgebornen beschränkte und ihre Tränen um ihn, wie die um mich – sind längst schon getrocknet.
Ich habe vollendet und scheide jetzt von Dir. Bald, mir sagt es ein unbezwingliches Vorgefühl meines nahen Scheidens aus dieser Welt, bald, recht bald werden diese Blätter in Deinen Händen sein. Lass keine bittre Träne des Schmerzes sie netzen, halte fest an der tröstenden Gewissheit: dass sobald Dein Auge auf ihnen ruht, Dein armer lange verbannter Albert endlich durch Nacht und Dunkel zu der ewigen lichtellen Heimat den Weg fand, wo er freudig Deiner harret, um Dich nie wieder zu verlieren. Die Liebe aber, die dann in Deiner Brust aufs neue gewiss für ihn erwachen wird, beglücke seinen Sohn; sie ist das herrlichste Erbteil, das sein Vater ihm hinterlassen konnte. Feire zuweilen mit ihm das Andenken Deines Bruders und freue Dich, dass dieser endlich hinüber gelangt ist, ins Land der ewigen Ruhe.
Albert von Leuen.
Alberts Hoffnung hatte ihn abermals getäuscht, er musste noch den grossen Schmerz erfahren, seinen Bruder Bernhard zu überleben, ohne an dessen grab weinen zu können. Alle verjährten Schmerzen seines verarmten Lebens erwachten in ihm von neuem bei dieser Todesnachricht; jeder seiner Tage bildete von nun an ein Glied der langen Kette trüber Erinnerungen, die Mut und Atem raubend, ihn immer fester umschlang bis an sein Grab.
Es ist schwer zu erraten, was er während seiner übrigen Lebenszeit bei dieser traurigen Veränderung der Dinge mit den Papieren beabsichtigte, welche er in den elfenbeinernen Kästchen niedergelegt hatte! Sie zu vernichten verhinderte ihn wahrscheinlich jenes heimliche Grauen, das wohl ein jeder bei ähnlichen, wenn gleich vielleicht minder wichtigen Gelegenheiten schon empfand. Denn das geschriebene Wort steht ausser uns und sieht gar fremd und wundersam uns an, als ob Geister die toten Züge bewachten und mit unsichtbarer Gewalt die Hand fesselten, die schon zum Zerstören gehoben ward. Aus einigen, in Alberts Nachlass vorgefundenen Papieren scheint hervorzugehen, dass er zuweilen Willens war, sich das Kästchen mit ins Grab geben zu lassen, aus andern aber, dass er mit dem Gedanken umging, es an einem sicheren Orte zu deponiren und dabei einen weit entfernten Zeitpunct, den Luise aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben konnte, zu bestimmen, in welchem Raimund es zurücknehmen und eröffnen sollte. So viel ist indessen gewiss, dass der Tod ihn übereilte, eh' er hierüber mit sich selbst einig geworden war, und dass der für Raimund so wichtige Inhalt desselben diesem wahrscheinlich auf immer ein geheimnis geblieben wäre, wenn nicht Anna zufälligerweise ihn entdeckt hätte.
Auch Luise überlebte Bernhard nicht lange, den sie noch immer dankbar verehrte; sie starb wenige Monate später als ihr erster Gemahl, an den Folgen einer heftigen Erkältung. Oskar, der jetzt an Leuenstein keine Ansprüche mehr hatte, verliess diese Gegend, um in weiter Ferne Vergessenheit eines Glücks zu suchen, dessen er sich nie mit vollem Genusse und ganz reinem Bewusstsein hatte erfreuen können. Denn Alberts bleiche trübe Gestalt stieg oft vor seinem inneren Sinne auf, und der Gedanke, durch das unzeitige Bekenntniss seiner Liebe zu Luisen den frühen Untergang dieser edlen, nur zu weichen natur herbeigeführt zu haben, drang sich ihm bei jedem Anlasse auf und liess nie ganz von ihm ab.
Leo Bernhard, Alberts ältester Sohn und Meinaus Zögling, blieb also vor der Hand der einzige anerkannte Eigentümer der weitläuftigen Besitzungen, die unter der Aufsicht seines trefflichen Vormundes und mit hülfe der beträchtlichen Summen, welche Albert diesem übermacht hatte, wieder in den blühendsten Zustand versetzt worden waren. Meinau hatte während seiner langen Vormundschaft mit mehr als väterlicher Sorgfalt über die Erziehung des ihm anvertrauten Mündels gewacht, doch kein ganz glücklicher wenn gleich auch kein ganz niederschlagender Erfolg lohnte sein edles Bemühen. Leo war im Aeussern wie im inneren ganz das Ebenbild seiner Mutter, er besass die ihr eigene Liebenswürdigkeit und Grazie, aber auch die ihr eigene Indolenz, die es ihr von jeher unmöglich gemacht hatte, sich ernst und anhaltend zu beschäftigen. Vergebens strebte Meinau diesem Characterzuge seines Mündels entgegen, Leo blieb wie er war, aber er schenkte wenigstens seinem edlen Pflegevater das innigste Vertrauen, und