bestimmte, diesen Entschluss zu beschleunigen. Albert weinte schmerzlich bittre Tränen am grab der treuen Pflegerin seines Sohnes; sie war die einzige, die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte, und er fühlte sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset, als je zuvor. Er ermannte sich indessen wieder, nahm seinen Knaben, der jetzt beinahe fünf Jahre alt, der weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte, und trat mit ihm, von einem einzigen Diener begleitet eine Reise an, um irgendwo in Deutschland einen Ort aufzufinden, in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit, doch dem grösseren Wirkungskreise der Welt nahe genug leben könne, um seinen Sohn die Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen, die der einzige Grund seines verfehlten Daseins und aller seiner frühern Leiden gewesen war. Beschluss des oben abgebrochenen Briefes von Albert
an seinen Bruder Bernhard.
In dieser grossen lebensreichen Handelsstadt, in welcher ich nun schon seit zwölf Jahren einheimisch bin, denke ich auch den Rest meiner Tage vollends abzuspinnen, so lange es Gott gefällt.
Wenn aber nun wirklich meine letzte Träne geweint, mein letzter Seufzer verhallt ist, und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem Rasenhügel ausruhe, den ich unfern meiner bescheidenen wohnung im duftigen Schatten einer uralten Linde mir längst zum letzten Asyl erwählt habe, dann, mein Bruder, mein hochgeliebter Bernhard, dann wird ein Dir unbekannter Jüngling vor Dich hintreten und Du wirst wähnen, Dich selbst durch ein Wunder wieder in neu erblühter Jugend zu sehen. Nimm ihn in Deine arme, an Dein Herz, denn dieser Jüngling ist mein Sohn, ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen. Vergönnt es die ewige Weisheit, welche das unsichtbare Reich dort drüben, wie hier unten das sichtbare allmächtig beherrscht, so umschwebt in jener heiligen Stunde mein entfesselter Geist Euch, teure Beide! und Du fühlst das Wehen seiner, unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkündenden Nähe. Von jenem Augenblicke an lege ich die Bestimmung des künftigen Geschicks meines Raimunds in Deine hände, des einzigen Wesens, das mein sonst so freudenarmes Dasein durch einen Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte. Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem Tage die treffendste Aehnlichkeit mit Dir, mein Bernhard, und täuscht mich nicht die Liebe des Vaters zum Sohne, die so oft und gern unsern blick verblendet, so ist es nicht nur die edle schöne Gestalt, die er von Dir ererbte, sondern es glüht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem inneren und in seiner Brust schlägt ein Herz, dem Deinen gleich. Liebe mich in ihm, wie ich Dich in ihm immer geliebt habe. Ach sein Anblick allein erleichterte mir den herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung, und wenn er sprach, drang mir in seiner stimme der milde tröstende Ton der Deinen tief ins Herz, der stimme, die nie, nie wieder hören zu dürfen mein trauriges los auf Erden ist.
Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kästchen Dir wieder zurück, das Du von Malta aus an mich sandtest. In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fächern desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon längst der Welt Abgestorbenen nieder, nebst allem was einst dazu dienen kann, meinem Sohne das Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten, den seine Geburt ihm verlieh. Er selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm, und Dir mein Bruder bleibt es überlassen zu entscheiden: ob er jemals erfahren soll, welch einem ehrwürdigen Stamme er entsprossen ist, oder ob er noch ferner nur auf sich selbst zurückgewiesen, als der Sohn eines unbekannten dunkeln Bürgers, für den er sich hält, die Bahn verfolgen soll, für die ich ihn erzogen habe. Auch auf ihr kann er einst als ein geachtetes, nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft sich Ehre, Ansehn und alles, was man im gewöhnlichen Leben Glück nennt, erwerben; es wird ihm dieses sogar leichter gelingen können, als es dem nicht reichen, jüngsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen könnte.
Noch ein Bekenntniss bin ich Dir schuldig und warum sollte ich länger anstehen, es Dir freimütig abzulegen? Ich habe meinen Sohn im Glauben der Kirche erzogen, die seines Vaters haus jetzt am nächsten steht. Raimund ist Protestant, ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universität verliess, obgleich ich nie öffentlich zu jener Kirche überging. In meinem jetzigen Wohnorte konnte kein äusseres Bedingniss zu einem solchen Schritte mich zwingen, gegen den ich immer eine Abneigung fühlte, und warum sollte der Mensch das Heiligste was er hat, seinen Glauben, ohne Not und ohne Beruf den Augen der Welt darlegen wollen? Dich aber, mein Bruder! und Deinen milden vorurteilsfreien Sinn kenne ich zu gut, um zu fürchten dass Du mir zürnen könntest, weil ich hier von der Bahn unsrer Väter und auch von der Deinen abgewichen bin. Du traust mir gewiss zu, dass nur wahre innere überzeugung mich bestimmen konnte, und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben, weil sein Vater bei dessen Erziehung dieser überzeugung gefolgt ist.
Ob Du aber aus Familienrücksichten es nun nicht geratner finden wirst, Raimund, den ersten Protestanten in unserem haus, in der Dunkelheit seines bürgerlichen Namens verharren zu lassen, darüber vermag ich, aus Unbekanntschaft mit den Gründen, die dabei vorwalten könnten, nicht zu entscheiden. Du wirst wie immer das Beste zu wählen wissen und ich überlasse Dich hierin mit der vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl, denn ich weiss, dass Raimunds wahres Glück nicht von der Veränderung seines Namens abhängig ist. Nur Deiner Liebe bedarf er, wenn