bleiben? Willst Du mich niemals verlassen?" Das Kind schlang lächelnd ihm beide Aermchen um den Nacken. Es war zu viel für sein Herz, er gab es der Wärterin zurück und weinte laut.
Ohne Plan für sich selbst war Albert in die Welt hinausgezogen, nur des Entschlusses sich bewusst, von allem was ihm teuer war zu scheiden. Doch der Anblick seines Kindes gab ihn sich selbst wieder zurück. In dem rastlosen kummervollen Leben das er bis jetzt geführt hatte, war ihm wenig Raum für die Beschäftigung mit seinen Kindern geblieben und oft waren ganze Wochen vergangen, ohne dass er sie zu gesicht bekam. Doch jetzt beim Anblicke dieses wirklich sehr schönen muntern Knaben, der so ganz unerwartet sein Reisegefährte geworden war, regte sich die Vaterliebe mächtig in ihm und erwärmte wohltätig sein fast erstorbenes Gemüt. Die Reise kam ihm nach dem heftigen Kampfe, der ihr voranging, wie Ausruhen vor und es gelang ihm, sich im Laufe derselben zu sammeln und eine Ansicht dessen zu gewinnen, was jetzt für ihn am nächsten zu ergreifen sei.
So wie sie B**, dem Wohnorte von Luisens Eltern sich näherten, kündigte er der treuen Renate an, dass er willens sei durch diese Stadt gerade durchzufahren und sie mit dem Knaben noch weiter mit sich zu nehmen. Die gute Frau war damit ausserordentlich zufrieden, indem die Reise dem Kleinen sehr wohl zu bekommen schien und sie sich überdem von dem Aufentalt bei der Frau Grossmama nicht viel versprach, die gerade gegen diesen ihren jüngsten Enkel niemals grosse Liebe bezeigt hatte.
Nach wenigen Tagen langten die Reisenden glücklich in St*** an, wo Albert zuerst darauf bedacht war, das reiche Geschenk seines erblichenen Wohltäters sich auszahlen zu lassen, was ohne alle Schwierigkeiten vollbracht wurde. Dann setzte er unter den gehörigen Formalitäten seinen letzten Willen auf und legte ihn gerichtlich nieder, nachdem er eine Abschrift davon nehmen lies, die er an seinen Freund Meinau zu senden Willens war. In diesem Testamente übertrug er dem Baron Meinau die Vormundschaft über seinen ältesten in Leuenstein zurückgelassenen Sohn, und bestimmte ein Dritteil der Einkünfte seiner Güter für die Erziehung desselben, zwei Dritteile aber, nebst der wohnung in Leuenstein überlies er seiner Gattin auf Lebenslang, sogar, wie er ausdrükklich hinzusetzte, im Fall sie sich zum zweitenmale vermählen sollte.
Dem Baron Meinau sandte er, nebst der Abschrift dieses Testaments, eine unumschränkte Vollmacht für die Zeit in welcher er selbst abwesend wäre; zugleich übermachte er ihm die Hälfte der von seinem Oheim ererbten Summe, bat seinen edlen Freund, diese nach bestem Wissen zur Verbesserung seiner Besitzungen anzuwenden, benachrichtigte ihn von dem Absterben des Kardinals und trug ihm zugleich auf, Luisen zu melden, dass er nach Italien zu gehen gedenke, um dort das Grab des väterlichen Beschützers seiner Jugend zu besuchen. Er bat sie, ihm zu verzeihen, dass er seinen Sohn mit sich auf die Reise nähme, indem das Kind ihm jetzt zu lieb geworden wäre, als dass es ihm unmöglich sei, sich von ihm zu trennen. Der zweiten Hälfte der so unverhofft ererbten Summe erwähnte Albert in diesem Briefe nicht, denn diese glaubte er, mit Recht ausschliessend als sein Eigentum und als das künftige Erbteil seines jüngern Sohnes betrachten zu können; aber er empfahl nochmals seine Luise in den dringendsten, rührendsten Ausdrücken dem Schutze seines Freundes und bat ihn zugleich, Oskar seiner unveränderten Liebe und Dankbarkeit zu versichern und ihm zu sagen, dass er fest darauf rechne, ihn bei seiner Heimkehr noch in der Nachbarschaft von Leuenstein anzutreffen.
Der Brief ward versiegelt und abgeschickt, und Albert fühlte sich von diesem Augenblick an von seiner ganzen Existenz, von allen ihren Freuden und Hoffnungen, von allen ihren Schmerzen und Sorgen auf ewig geschieden, ein heimatloser Wanderer auf Erden. Die überzeugung, jetzt einzig an sich selbst gewiesen zu sein, ohne eine Seele die ihm nahe genug geblieben wäre, um ihm auf seinem ferneren Wege eine leitende Hand zu reichen, gab ihm eine Selbstständigkeit, die er sich nie zugetrauet hätte. Er glich einem kind, welches gehen lernt und immer weniger schwankend vorwärts schreitet, sobald es sich nur einmal entschliessen konnte, die Gegenstände loszulassen, an die es bis dahin sich ängstlich angeklammert hielt.
Alberts Hauptsorge war jetzt, sein Dasein Allen, die früher ihn gekannt hatten, zu verbergen, um sowohl vor den Augen der Welt als derer, die durch engere Bande an ihn gefesselt waren, spurlos zu verschwinden. Unerachtet seiner bisherigen Unerfahrenheit in allem, was zum practischen Leben gehört, gelang es ihm, dieses auf die zweckmässigste Weise auszuführen. Den einzigen Bedienten, der ihn von Leuenstein aus begleitet hatte, schickte er in St*** unter einem wohl ersonnenen Vorwande zurück, ehe er noch selbst diese Stadt verliess, um angeblich die Reise nach Rom anzutreten. Unterwegs wandte er sich in gerad entgegengesetzter Richtung von dem Wege ab, von dem man glauben musste, dass er ihn genommen habe; mit grosser Vorsicht verwandelte er seinen alten adlichen Namen, sobald er dieses sicher und unbemerkt wagen durfte, in einem unbekannten bürgerlichen und eilte nun, so schnell er konnte, der von Leuenstein entferntesten Gegend in Deutschland zu, das er nicht ohne Not zu verlassen entschlossen war.
Die treue Renata, die er, so viel dies schicklich und möglich war, in einen teil seines Geheimnisses einweihte, liess sich leicht bewegen, durch einen heiligen Eid zum ewigen Verschweigen seines wahren Namens und Standes sich zu verbinden, da er ihr gelobte, sie nie von dem kind zu trennen,