1823_Schopenhauer_091_120.txt

ihn gekommen, so verändert, so erhaben war in diesem Augenblick Alberts Haltung, seine ganze Gestalt; sein Auge strahlte in hoher Verklärung, wie das Auge eines Sterbenden im letzten Momente des scheidenden Lebens, welcher der Erde nicht mehr angehört. Nie zuvor sah er seinem Bruder Bernhard so ähnlich.

"Oskar," fing er mit kaum merklich bewegter stimme und sehr gemässigtem Tone an, "lieber Oskar, Sie hatten Recht, ich sehe ein, es ist gut dass Sie noch heute Ihre Schwester besuchen, und es soll meine angelegentlichste sorge sein, dass dieses ohne Gefahr für Ihre Gesundheit geschehen könne. Mein edler, hochgeliebter Freund, wir brauchen beide Zeit, um uns selbst wieder zu finden, aber glauben Sie mir nur, alles wird sich ordnen, wir werden beide ruhiger werden und Sie kehren gewiss einst und bald in froherer glücklicherer Stimmung nach Leuenstein zurück. Oskar, Sie würdigten mich eines ungemessenen Vertrauens, wo Tausende an Ihrer Stelledoch es wäre Beleidigung Sie nur mit jenen zu vergleichen. Wir beide haben in dieser schmerzlich schönen Stunde einander erkannt, auf ewig. Sie wissen jetzt, dass ich Ihres edlen Vertrauens nicht unwert bin, geben Sie mir den letzten Beweis davon, dass Sie dies glauben, indem Sie nur eine Frage noch mir offen und ohne Rückhalt beantworten. Weiss ausser mir noch jemand, weiss Meinau oder Ihre Schwester – – –" "Guter Gott, wie wäre dies möglich!" rief Oskar, "wie könnte ich Andern gestehen was ich mir selbst kaum gestand!"

"Nun dann," erwiderte Albert, indem er Oskars Hand an seine Brust drückte, "nun dann, so gewähre mir noch die Bitte, auch ferner gegen alle zu schweigen und Deiner Schwester Haus nicht zu verlassen, bis wir beide in der Stimmung sind, mit gefasstem Mut zu überlegen, welch' ein Entschluss hier zu fassen steht, der uns allen die entwichene Ruhe wiederzugeben vermag. Wir alle drei sind reines Herzens; es wird ein Ausweg sich entdecken lassen, wir haben nichts zu befürchten als in zweckloser Uebereilung die, so uns lieb sind, zu verwunden. Lass' dies uns vermeiden und mögen dann Gott, Zeit und der unbestechbare Richter, den jeder von uns im Busen trägt, über alles Andere entscheiden."

Alberts seltene, wie durch höhere Eingebung über ihn gekommene Geistesstärke, welche in des noch tiefer gebeugten Oskars Gegenwart seinen Mut erhob, und ihn in dieser erschütternden Scene aufrecht erhielt, brach zusammen, so wie er sich wieder in seinem einsamen Zimmer allein sah. Er hörte den Wagen aus dem Schlosshofe fortrollen, in welchem Oskar sich entfernte, ohne Luisen wieder gesehen zu haben, und ihm war, als gingen die Räder desselben zermalmend über seine Brust hinweg.

"Dort fährt er hin," rief Albert, übermannt vom Schmerze des Augenblicks, "dort fährt er hin, er, dessen Leben ich beraubte, noch eh' ich ihn sah, und mit ihm verlässt das ganze Glück des geliebtesten Wesens auf Erden unser verödetes Haus. Niemand bleibt der armen Luise als ich, den sie schon lange nicht mehr liebt, den sie nie lieben konnte, den sie jetzt hassen, verabscheuen muss, seit sie den Einzigen gefunden hat, der ohne mein unseeliges dazwischentraten ihr Leben zu einer Kette von Seeligkeit umgewandelt hätte! Ich bleibe, um täglich, stündlich den Vorwurf ihres Unglücks, ihr tiefes Leiden in ihren Augen zu lesen! Ich Unseeliger habe zwei Wesen getrennt, die der Himmel selbst für einander bestimmte. Und was habe ich mir gewonnen? Unaussprechlichen Jammer, ewige Reue. Oskar und Luise! wo gibt es ein Paar, diesem zu vergleichen? Sie hätten sich gefunden, sie mussten sich finden. Ohne mich blühte jetzt Luise in unentweihter voller Jugendpracht ihm entgegen, doch ich, selbstsüchtig und grausam, benutzte die jugendliche Unerfahrenheit des kindlich lieblichen Geschöpfs; ich zerstörte in der Knospe die Blume, nun wird sie an meiner Seite dahin welken! O, läge ich ruhig und still in meinem grab! Noch wäre es nicht zu spät, beiden lacht noch das Leben im Jugendglanz, beide könnten vereint noch glücklich mit einander sein. Bernhards edler Wille würde dennoch erfüllt, ich habe Söhne, unser alter edler-Name wird in ihnen fortblühen, und sie würden unter Oskars Pflege den Unglücklichen nicht vermissen, der ihnen nichts geben konnte als das Leben."

Ergriffen von diesem Gedanken, gefoltert von unbeschreiblichen Quaalen, sank Albert auf die Knie und betete mit Innbrunst um augenblicklichen Tod, den freiwillig zu wählen fromme überzeugung ihn abhielt. So glühend, so ernstlich wie er, hat vielleicht kein zum Sterben Verurteilter jemals um Leben gefleht. Dann sprang er wieder auf, tausend Entschlüsse, tausend Gedanken, tausend Möglichkeiten durchkreuzten sich verwirrend in seinem Gemüte und brachten ihn dem Wahnsinn nah. Nichts ward ihm klar als die notwendigkeit, Luisen ihre Freiheit wieder zu geben, und mit dieser die Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft an Oskars Seite. Vergebens strengte er sich an, um eine Möglichkeit zu entdecken dieses vollbringen zu können. Scheidung war hier kein Ausweg, denn Luise bekannte sich so wie er selbst zur katolischen Kirche, und diese gestattet in einem solchen Falle keine zweite Verbindung, so lange der erste Gatte noch lebt. Auch der selbst verschuldete traurige Zustand seines Vermögens und seiner von Bernharden ihm anvertrauten Güter fiel ihm ein und erhöhte seine Quaal wie seine Unentschlossenheit. So verbrachte er die Stunden des Tages in nutzlosem fürchterlichem