in der Stille fortschlichen; er schrieb Vicktorinens Zufall einzig dem lärmenden Besuche zu, und empfahl nochmals die ungestörteste Ruhe und Stille in der Nähe der Kranken. Babet und Agate wurden gänzlich aus dem Zimmer derselben verbannt, jeder fremde Besuch hoch verpönt, und nur Angelika, für deren stilles Betragen sich die Tante verbürgte, erhielt die Erlaubnis nach wie vor die sorge für Vicktorinens Pflege mit ihrer geliebten Wohltäterin zu teilen. Es war schon später Abend, und die Tante sass ganz allein an Vicktorinens Bette, als diese aus ihrem unruhigen Schlummer auffahrend, die Vorhänge zurückschlug, und mit ängstlicher Hast im ganzen Zimmer umher sah.
"Tante!" flüsterte sie leise und beklommen, "Tante, sind wir allein? werden wir es bleiben?" Die Tante versicherte sie dessen, und bat sie, nur ruhig sich zu verhalten. "Ruhig! ruhig!" erwiderte Vicktorine mit ungewohnter Heftigkeit, "gebieten sie doch auch dem Sturm, der eben heulend das Haus umtobt, dass er ruhig sei, oder dem Meere, oder der Flamme, die verzehrend wütet." "Kind, geliebtes Kind," unterbrach die Tante sie "du richtest dich und mich und uns alle zu grund, wenn du so fortfährst! komm, sei mein gutes Mädchen, lege dich wieder, sei geduldig und ich verspreche dir – –" "Was? –" rief Vicktorine "was können sie mir versprechen für mein Leben, Tante, für die Ruhe meines Lebens, für all' mein Glück auf Erden, und vielleicht auch dort! Nein Sie müssen mich hören, Sie müssen jetzt mich hören, in dieser Minute, wenn Sie mich nicht wollen wahnsinnig werden lassen. Sie werden mich hören, Sie werden mich retten, denn Sie sind ja die einzige Schwester meiner lieben, lieben Mutter!" Schwer und einzeln rollten grosse Tränen aus Vicktorinens weit offnen starren Augen über die glühenden Wangen, auf die krampfhaft zitternde Brust hinab, die Tante hielt schmeichelnd sie umfasst und bat sie in den zärtlichsten Worten nur jetzt sich zu schonen. "Ich will dich ja hören, ich will ja alles tun, ich will dich retten, dir helfen, für dich nur leben" sprach sie, "ich bin ja nur deinetwegen hier, aber halte dich jetzt nur ruhig, damit du Kräfte gewinnst, späterhin, Morgen vielleicht" – – "Späterhin ist zu spät," rief Vicktorine mit immer steigender Heftigkeit "späterhin, wenn alles vorüber ist, was für Trost, was für hülfe können Sie mir dann gewähren, wenn Gott selbst das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen kann. Nein jetzt, jetzt in dieser Stunde." Vergebens suchte die Tante durch Erinnerung an das Verbot des Arztes sie zum Schweigen, zur Schonung ihrer Kräfte, zu bewegen. "Was weis der Arzt, der überkluge Tor! was wissen sie Alle," rief Vicktorine, "Sie sehen es ja Tante, sie müssen es sehen, ich habe Kraft, aber Schweigen in dieser Stunde vernichtet mich; diese gränzenlose Angst kann ich nicht verschliessen, sie zersprengt mir die Brust; Sie müssen mich hören, wenn Sie vom Untergange mich retten wollen."
Vicktorinens immer heisseres Bitten, die zunehmende Fieberglut, die aus ihren Augen blizte, bewogen endlich die Tante, sich mit ihr auf Bedingungen einzulassen, um sie nur einigermassen zu beruhigen. "So sprich denn, meine Vicktorine," bat sie schmeichelnd, "sage mir, was ich in diesem Augenblick tun soll um dich zu beruhigen. Ich will es vollbringen, wenn es zu vollbringen ist, doch was ich nicht jetzt gleich wissen muss, das spare für eine bessre Stunde auf, wenn du ruhiger, kräftiger bist, nur unter dieser Bedingung will ich es wagen, des Arztes Gebot zu überschreiten und dich reden zu lassen."
"Wohlan denn," rief Vicktorine, "lassen Sie den alten Müller herauf kommen, hier herauf, ins Nebenzimmer dort, und die tür muss offen stehen, und flüstern Sie nicht etwa mit ihm, ich muss alles hören, jedes Wort, das Sie miteinander sprechen; ich will nicht getäuscht sein." "Was denn Vicktorine, was willst du wissen?" fragte die Tante. "Ob er nach Odessa geht, o Gott! o Gott! er ist vielleicht schon fort!" rief laut jammernd Vicktorine.
Die Tante erschrack heftig, denn sie glaubte jetzt in der Tat, zum wenigsten eine in fieberhaften Träumen Verlorne vor sich zu haben. "So besinne dich doch, so fasse dich doch, Liebe," redete sie Vicktorinen begütigend zu; "was willst du mit Odessa? was soll der gute alte Müller dort?" –
"Wer spricht von dem!" rief zürnend Vicktorine, "Raimund, Tante, Raimund Holm geht nach Odessa, ist vielleicht schon dort! hörten Sie es denn nicht? Es klang doch so laut! so furchtbar! mir war, als ob die Decke des Zimmers sich in dem Momente zusammen brechend über mich herabsenkte, und Sie hörten es nicht? Luzie sprach es aus, als die Mädchen ihre Tänzer aufzählten; "der beste von allen," sprach sie, "Holm geht heute oder morgen nach Odessa ab."
Die Tante blickte jetzt mit unbeschreiblicher Wehmut auf das arme Mädchen hin, das in wilder Angst sie anstarrte, dann das Gesicht verhüllend, "er ist fort! er ist fort! auf ewig fort!"