sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte, bemerkte Albert nicht, sondern fuhr aus der Fülle seines liebenden argwohnlosen Gemüts zu reden fort. "Es darf nicht sein," sprach er recht herzlich bittend, "Sie dürfen uns noch nicht verlassen und auf diese Weise nun vollends gar nicht. Was zwischen Ihnen und meiner Luise vorgefallen sein mag, verlange ich nicht zu wissen, aber das weis ich, dass Sie es nicht auf diese Weise aufnehmen würden, wenn Sie das liebenswürdige geschöpf so kennten als ich. Ich möchte sogar keine der kleinen Launen meiner Luise an ihr vermissen, denn sie ist doch ein Engel der Güte. Ich gehe zu ihr, sie selbst wird eilen, alles wieder gut zu machen, sie selbst wird Sie bitten uns nicht zu verlassen, ich weis, da können Sie unmöglich widerstehen."
Albert eilte zu Luisen, ehe Oskar so viel Fassung gewann, ihn daran hindern zu können. Er fand sie auf ihrem Sofa in Tränen. Bei seinem Eintritt verhüllte sie ihr Gesicht und unterdrückte nur halb einen Schrei des schmerzlichsten Erschreckens.
"Du weisst es also schon, ich sehe es," sprach Albert, "er will fort, in dieser entsetzlichen Kälte, die ihm den Tod geben kann. Das darf nicht sein, nicht war Luise? Nur Du kannst es hindern. Komm, liebe Luise, sei gut, vergiss was zwischen Euch vorgefallen sein mag, und hilf mir ihn erbitten. Bezwinge diese kleine Aufwallung, mein geliebtes Weib, denke: er ist der Retter unseres Lebens, ein freundliches Wort von Dir und alles ist wieder gut; komm meine Luise." Albert wollte ihre Hand fassen, doch sie entriss sie ihm mit ungewohnter Heftigkeit, drückte laut schluchzend das Gesicht noch tiefer in die Sofakissen hinein und winkte ihm, abwehrend, fortzugehen.
"O über die grossen erwachsenen Kinder!" rief Albert halb entrüstet, halb traurig, indem er Oskar wieder aufsuchte; er fand ihn vertieft in schmerzlicher Betrachtung vor Luisens Büste stehen und begann nun, ihn mit Bitten zu bestürmen, ein Paar Menschen nicht zu verlassen, die in ihm ihren Schutzengel entfliehen sähen. Alles was unbegränzte Dankbarkeit, tiefgefühlte Hochachtung, innige Freundschaft und der heisseste Wunsch des Gelingens nur eingeben können, brachte er mit jener unwiderstehlichen Beredsamkeit vor, die ihm stets eigen war, sobald er von den Regungen seines tiefen Gemütes sich hinreissen lies. Er beschwor Oskar bei allem, was ihm heilig sei, Luisens vorübergehenden, gewiss nur aus Kränklichkeit entstandenen Unmut nicht so schwer an ihm und ihr zu ahnden. Er versicherte ihm, dass sie gewiss mit Entzücken dem sich ihr wieder zuwendenden Freunde entgegen eilen und alles daran setzen würde, um nur den heldenmütigen Retter ihres Lebens zum Verzeihen und zum Vergessen zu bewegen.
Was auch Oskar ihm einzuwenden versuchte, alles war verloren. Albert hörte nicht darauf und ward immer wärmer, immer unwiderstehlicher, je länger er sprach, so dass Oskar endlich die Unmöglichkeit fühlte, sich hier länger in den Schranken zu halten, die er sich gesetzt hatte, um seinen edlen Freund zu schonen.
"Albert! lass ab von mir, ich beschwöre Dich," rief er zuletzt in höchster Spannung, hingerissen von seinem Gefühl, "lass ab von mir, und höre auch mich, Du unerbittlicher Feind Deiner Selbst. Edle, argwohnlose, kindlich reine Seele!" setzte er unendlich weich hinzu, "höre mich endlich an. Ich kann Dich betrüben, aber betrügen kann ich Dich nicht. Und müsste ich Dein schönes Gemüt noch tiefer verwunden, ich kann gegen Dich dennoch nicht unwahr sein. So erfahre denn durch mich, wovon kein Gedanke in Deine ahnungsfreie Seele kam, ich liebe Luise, Deine Luise, Dein Weib! ich liebe sie mit verzehrender Glut, ich lebe, ich atme nur in dieser Liebe, die ihr erster Anblick in mir entflammte, und die ich dennoch zu spät mit unsäglichem Schrecken erkannte. Albert, ich kämpfe seit vier Tagen den fürchterlichsten Kampf mit mir selbst, umsonst, ich liebe nur sie, ich kann nichts denken, nichts fühlen als diese Liebe. Trennung ist Tod. Ich beschloss zu bleiben, mein geheimnis in tiefster Brust zu begraben. Ich unseeliger Tor, wie konnte ich ihr zu verbergen hoffen, was mir selbst jetzt offenbar war! Ein unglückseeliger Zufall entriss mir diesen Morgen ein geständnis, das mich – – Luise weiss alles! Albert, bestehst Du noch darauf mich hier fest halten zu wollen?"
Albert stand regungslos wie eine Bildsäule. "Luise weiss Alles, sagst Du, Alles! – Und sie?" hauchte er fast unhörbar, mit kaum bewegter Lippe. "Und sie?" wiederholte er dringender, und sein Auge suchte mit dem Ausdruck unaussprechlicher Angst in Oskars Zügen zu lesen.
"Lass' mich fliehen, dränge selbst mich über Deine Schwelle," rief Oskar in wilder Verzweiflung. "Verbanne mich! lass' mich elend sein aber schuldlos; dränge mich mit Gewalt fort! fort! fort! um Luisenswillen, um Deinetwillen, fort von hier, verstosse mich, verbanne mich." Seine noch nicht ganz wiederhergestellten Kräfte verliessen ihn, er sank in einen Sessel und verhüllte mit beiden Händen sein Gesicht.
Albert betrachtete ihn eine Weile schweigend und ging dann einigemal mit immer fester werdendem Schritte im Zimmer auf und ab. Dann stand er wieder vor Oskar still und ergriff dessen fast leblose Hand. Als sei ein neuerer, höherer Geist über