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, dass Frau von Meinau mit nicht geringern Ansprüchen an das Leben in die Welt getreten sei als sie selbst, auch sie hatte vor ihrer Vermählung im haus ihrer reichen angesehenen Eltern in der Residenz und sogar am hof mitten in den glänzendsten Zirkeln gelebt, deren schönste Zierde sie war; sie hatte Talente und überhaupt eine weitumfassende geistige Bildung sich erworben, welche Luise nicht besass und klagte dennoch nie über die Einsamkeit des Landlebens und stand dennoch mit nie ermüdender Tätigkeit ihrem Hauswesen und der Erziehung ihrer Kinder vor, ohne je damit prunken zu wollen. Wenn sie Abends an ihrem schönen Wiener Pianoforte, dem einzigen glänzenden Hausgerät das sie besass, ihre Zuhörer bezauberte, oder im kleinen Kreise ihrer Bekannten am Teetisch die Seele der Unterhaltung war, so merkte niemand es ihr an, wie sie den Tag über in ihrem Haushalte sich beschäftigt hatte und oft selbst mit Hand anlegte, wenn ihr dieses nötig zu werden schien.

Ein zweites Verdienst um Luisen, welches diese ihr noch inniger verdankte, erwarb Frau von Meinau sich dadurch, dass auf ihre Veranlassung das Leben auf dem land sich im Laufe der länger werdenden Abende weit freundlicher gestaltete, als Luise erwartet hatte. Keine Woche verging, in der nicht beide Familien wechselseitig einander mehreremale besuchten. Einige Prediger und Beamte aus der Nachbarschaft, Leute von deren Existenz Luise bis jetzt gar keine Notiz genommen hatte, vergrösserten zuweilen mit ihren, zum teil recht gebildeten Frauen und Töchtern den kleinen Kreis. Musik, gemeinschaftliches Lesen oder erheiterndes Gespräch füllten die langen Abende aus. Luise vergass sehr oft in diesen anspruchslosen Umgebungen der früheren rauschenden Freuden und entzückte Alle durch ihre jugendliche Heiterkeit. Doch leider kehrte freilich die alte Leere wieder in ihr Herz zurück, sobald sie einige Tage mit Albert allein ohne andre Gesellschaft verleben musste. Dann vermochte sie es nicht über sich, ihre Unzufriedenheit mit ihrer jetzigen Lage ihm zu verbergen, und der arme Albert flüchtete sich gewöhnlich in sein einsames Zimmer, um sich dort ungestört und ohne Zeugen dem bittern Schmerze zu überlassen, der verzehrend und langsam an seinem Leben nagte.

So mochten denn, wechselnd zwischen gute und böse, einige Monate seit Bernhards Abreise hingegangen sein, als eines Morgens einige Landleute sich auf Leuenstein meldeten, um über die Verwüstungen zu klagen, die ein wilder Eber auf ihren Feldern anrichtete. Schon seit geraumer Zeit waren alle Tiere dieser Art in jenen Gegenden ausgerottet worden, und die Erscheinung eines einzelnen, das sich wahrscheinlich aus einem andern fernen Gebiete hinüber verirrt hatte, setzte gerade ihrer Seltenheit wegen die Leute in um so grössere Angst. Meinau war eben zugegen und riet eine grosse allgemeine Jagd anzustellen; die ganze Nachbarschaft ward aufgeboten, um das Tier zu erlegen. Alle zogen am frühsten Morgen des folgenden Tages mit Hunden und Jägern, begleitet von fröhlicher Jagdmusik, von Leuenstein aus in den herbstlich gefärbten Wald, an dessen Zweigen nur einzelne Blätter noch gelb und rötlich im Sonnenschein spielten.

Der Mittag nahte heran; Luise hatte mit hülfe ihrer Freundin alles zum Empfange der wahrscheinlich sehr ermüdeten Jäger vorbereitet, und beide Frauen sassen nun mit ihrer Arbeit an einem Fenster, von welchem sie die in den Wald ausgehauene lange Allee überschauen konnten, durch die jene zurückkommen mussten. – "Horch!" rief Luise, "hörst Du Hallalli blasen? die Jagd ist aus, sie müssen bald hier sein."

Frau von Meinau öffnete das Fenster. "In der Tat," sprach sie, "ich höre Hörnergetöne aus der Ferne. Und wie mild und erquickend die Luft vom Tannenwalde herüberweht! komm Luise, der Tag ist zu schön um ihn ganz im Zimmer zu verleben; lass' uns den Männern bis zu dem runden platz entgegen gehen, wo alle die Alleen sich kreuzen; dort können wir sie unmöglich verfehlen."

Beide Frauen wandelten nun Arm in Arm durch den Garten dem wald zu, und hatten den bestimmten Platz bald erreicht, an welchem sie zu verweilen beschlossen. Frau von Meinau vertiefte sich rechts ins Gesträuch, um von den Zweigen einer jungen, noch mit allen ihren Blättern prangenden Eiche einen Kranz für den Sieger zu flechten; Luise blieb mitten auf dem Platz stehen, und sah einem Eichhörnchen zu, das sich mit lustigen Sprüngen von einem der hohen, im Sonnenstrahl erglühenden Tannenwipfel zum andern schwang. Hundegebell und Hörnergetön schallten aus der Ferne, die Jagd schien näher zu kommen, ein Schuss fiel und wenige Augenblicke darauf knisterte und rasselte es ungefähr dreissig Schritte vor Luisen im Gesträuch zur linken Hand; der durch eine leichte Wunde zur entsetzlichsten Wut aufgereizte Eber brach hervor und rannte, schäumend vor Schmerz und Zorn, gerade auf die Wehrlose zu. Sie wollte seitwärts zu ihrer Freundin fliehen, ihr Fuss verwickelte sich in Brombeerranken, die über ihren Weg sich ausbreiteten, sie fiel und verlor das Bewusstsein. Der Eber eilte noch immer auf sie zu, schon war er nur wenige Schritte noch von ihr entfernt, sie rettungslos dem greuelvollsten tod verfallen, als ein Reuter im gestrecktesten Galopp aus einer Seitenallee, welche nach Meinaus Besitzungen führte, sich zwischen sie und das wütende Tier warf.

Der Eber wandte nun seine Wut gegen diesen neuen Ankömmling, der nur, mit einer Reitgerte bewaffnet, ihr nichts entgegensetzen konnte. Im Nu verwundeten die furchtbaren Hauer des Ungeheuers das edle durch gewaltiges Spornen ohnehin sehr wild gewordene Pferd, dies bäumte und überschlug sich mit seinem Reiter, der unter dasselbe zu liegen kam. Glücklicherweise war ein teil der Jagd indessen herbeigekommen, zwei gewaltige Saufänger packten den Eber noch