, und nur die strahlende Höhe, auf welcher ihr dankbares Gefühl ihn stellte, hatte vielleicht früher das Aufkeimen einer weit zartern innigern Liebe in ihrem Herzen erstickt, als sie je für Albert empfunden hatte.
Ueberdem war Luise jetzt kaum ein und zwanzig Jahre alt, und in diesem Alter pflegt eine an sich gutgeartete natur sich nicht leicht gegen die warnende stimme eines, als wohlwollend anerkannten Freundes zu verhärten.
Sanft weinend aber willig gelobte sie daher, dem Rat ihres edlen und weisen Beschützers nach besten Kräften zu folgen und von der ihr von ihm vorgezeichneten Bahn zum stillen häuslichen Glück sich hinfort so wenig als möglich wieder abzuwenden. Bernhard wagte zwar nicht, diesem Versprechen unbedingten Glauben zu schenken, aber er war dennoch wenigstens von ihrem guten Willen überzeugt. Zum zweitenmal legte er in dieser Stunde ihre Hand in die seines Bruders, drückte beide mit glänzenden Augen an seine von tausend verschiedenen Empfindungen bestürmte Brust, und wandte sich dann von ihnen, um seine treue sorge für ihre glücklichere Zukunft fortzusetzen. Die unabänderlich vorher bestimmte Kürze seines Aufentalts hatte ihn gleich bei seiner Ankunft auf Leuenstein abgehalten, den Zustand der höchst verworrenen Angelegenheiten seines Bruders genauer zu untersuchen, aber er hatte in seinem Herzen beschlossen, diesem einen erfahrnen wohlgesinnten Freund zuzuführen, der eben so geschickt als willig sei, sich seiner anzunehmen.
Seine Wahl war dabei auf den Baron Meinau, einer seiner früheren Jugendfreunde gefallen, der seit wenigen Jahren ein mässiges, nur wenige Stunden von Leuenstein entferntes Landgut bewohnte, dessen ursprünglichen Wert er, nach dem Urteil aller in diesem Fache Erfahrnen, durch Fleiss und wohl angewandte ökonomische Kenntnisse während der kurzen Zeit fast verdoppelt hatte. Zu diesem führte Bernhard am letzten Tage seines Aufentalts in der Burg seiner Väter Albert und Luisen, und schon auf dem Wege fielen ihm die blühenden Felder, die üppigen Wiesen, die freundlichen Dörfer auf, welche Meinaus Besitzungen vor andern der Nachbarschaft auszeichneten.
Sein alter Freund erkannte ihn sogleich und empfing ihn mit offenen Armen und ungeheuchelter Freude; auch Albert und Luise fanden die freundlichste Aufnahme, und während Frau von Meinau Luisen mit jener anspruchlosen Zuvorkommenheit zu unterhalten suchte, welche sogleich die Herzen gewinnt, fand Bernhard gelegenheit, dem Baron Meinau in Alberts Beisein das wichtige Anliegen zu eröffnen, das ihm besonders am Herzen lag. Er hatte früher gelegenheit gehabt, diesem sehr bedeutende Dienste zu leisten, und obgleich er es selbst längst vergessen zu haben schien, so ergriff Meinau doch mit herzlicher Freude die gelegenheit, die so ganz unerwartet sich ihm bot, um Bernhard durch mehr als Worte zu beweisen, dass er jener Vergangenheit noch immer dankbar gedächte. Er zeigte sich daher sehr bereitwillig, alle Zeit, die er von seinen eigenen Geschäften abmüssigen könne, Alberten zu widmen, und versprach diesen überall durch Rat und Tat, so viel er dieses vermöchte, zu unterstützen.
Mit sehr erleichtertem Herzen kehrte Bernhard, Albert und Luise nach Leuenstein zurück und brachten noch einige Stunden im traulichen gespräche zu, bis der Morgen graute. Dann drückte Bernhard noch einmal seine Lieben an sein Herz, entfernte sich stumm und warf sich auf sein bereit stehendes Pferd, um nun endlich seiner ernsten Bestimmung entgegen zu eilen.
Gleich nach Bernhards Abreise bemühte sich Baron Meinau, das seinem Freunde gegebene Wort im vollsten Sinne desselben zu erfüllen, doch leider stellte ihm die überall in Alberts Angelegenheiten herrschende Verwirrung Schwierigkeiten dabei entgegen, die er so gross sich nimmer gedacht hatte. Er wandte jede seiner freien Stunden daran, nur fürs erste den Betrag der auf den von Leuenschen Gütern ruhenden Schuldenlast zu erforschen, aber es währte sehr lange, ehe er nur damit zu stand kommen konnte, und endlich ward er mit Schrecken gewahr, dass die von Albert in der letzten Zeit aufgenommenen Summen dessen eigne unvollkommene Angabe derselben um mehr als die Hälfte überstiegen. Ueberdem musste diese Schuld sich mit jedem Jahre beträchtlich vermehren, wenn man nicht bald Mittel und Wege fand, einige bösartige Wucherer zu befriedigen, denen Albert teils aus Unerfahrenheit, teils verleitet durch den Rat seines gewissenlosen Justiziars, in die hände gefallen war.
Meinau sah für den Augenblick keine Möglichkeit, die dazu nötigen sehr bedeutenden Summen aufzubringen; er konnte es nicht unterlassen, seine daraus entstehende Besorgniss gegen Albert zu äussern, und obgleich er dabei so schonend als möglich verfuhr, so drückte er damit doch den Stachel der Reue immer tiefer in das Herz des Armen, das durch die täglich steigende Gewissheit von Luisens Gleichgültigkeit ohnehin schmerzlich verwundet war, so dass Meinau alle Mühe hatte, seinen Mut nur etwas zu erheben und ihn durch freundliche Trostgründe vor gänzlicher Hoffnungslosigkeit zu bewahren.
Während der weise wohlmeinende Freund, welchen Bernhard seinen Bruder geschenkt hatte, sich so tätig für dessen Wohl bemühte, fühlte auch seine Gattin sich von ihrem Herzen gezogen ihm zu helfen: denn diese wirklich liebenswerte Frau war zu gewohnt, ihrem Gatten in allem hülfreich zur Seite zu stehen, als dass sie dieses nicht auch in einer Angelegenheit hätte versuchen sollen, die ihm so sehr am Herzen zu liegen schien. Sie begann daher ganz unvermerkt Luisens sich anzunehmen, gegen die sie mit ihren acht und zwanzig bis dreissig Jahren sich ohnehin recht matronenartig vorkam. Halb scherzend, halb im Ernst suchte sie die junge Frau zu bewegen, der Verwaltung des inneren Hausstandes sich mehr als sonst anzunehmen, und da sie ihr hierin überall mit dem besten Beispiele voranging, so lernte Luise auch bald, wenigstens in der Gegenwart ihrer neuen Freundin, sich ihrer bisherigen Nachlässigkeit zu schämen.
Luise konnte es sich nicht verhehlen