lies, um selbst die verwöhntesten ihrer Gäste zu befriedigen, und ein stiller Triumph strahlte aus ihren Augen, wenn irgend einer derselben überlaut versicherte, bei ihr wäre alles deliziös, tout comme à Paris. Ihr ältestes Kind, ein Knabe von etwa fünf Jahren, ward von ihr wie ein Spielzeug betrachtet, das sie zu nicht geringer Unbequemlichkeit der Gesellschaft fast nie von ihrer Seite lies. Das ganze Haus fürchtete die Ungezogenheit des kleinen Plagegeistes, nur die Franzosen nicht. Diese fütterten ihn mit Bonbon, nannten ihn un charmant petit Lutin, lachten über seine Unarten und halfen ihm neue ersinnen, alles pour faire rire Madame sa mère. Das jüngste Kind kam noch gar nicht in Betracht, es war erst wenige Wochen alt und im grund besser versorgt, als alles Uebrige im haus, denn es hatte eine ausgezeichnet gute Amme, die es recht mütterlich liebte und pflegte.
Bernhard vermochte nicht ohne den tiefsten Schmerz den fast hoffnungslosen Verfall des häuslichen Glücks zu überschauen, das er so felsenfest gegründet zu haben vermeinte. Sein Zorn, der sich bei manchen Anlässen stets von neuem wieder in ihm regte, lös'te sich jedesmal in tiefes Mitleid auf, wenn er seinen Bruder sah und hörte. Unaufgefordert ergriff dieser die erste vertrauliche Stunde, um ihn ganz unumwunden zu gestehen, wie er Leben und Glück in zweckloser, keine Ruhe kennender Tätigkeit zersplittern, und unerachtet seines angestrengtesten Bemühens die auf seinen Gütern ruhende Schuldenlast vermehrt habe, statt sie zu vermindern. "Ich weiss, Bernhard," sprach er, "Du bist gerecht, Du wirst meiner Versicherung glauben, dass dieses glänzende Elend, in welchem ich leben muss, mir noch nie auch nur einen genussreichen Augenblick gewährt hat. Aber durfte ich meiner Luise etwas versagen, das ihr durch meine Schuld getrübtes Dasein erheitern kann? Ich fühle es, meine Liebe kann sie nicht mehr beglücken, ich sehe das liebliche Wesen an meiner Seite in Missmut vergehen, das, hingerissen von meiner wilden Leidenschaftlichkeit, mich zu lieben glaubte und so in jugendlicher Unerfahrenheit sich mir opferte. Täglich fühle ich, bitter bereuend, wie so ganz verschieden sich ihr Dasein an der Seite eines andern Mannes gestaltet hätte. Luise bedarf einer festen leitenden Hand, um sich zum Vortrefflichsten zu erheben, und ich bin unfähig, sie ihr zu reichen. Was bin ich? ein durch seine frühere mönchische Erziehung für das Leben auf ewig Verdorbener. Nie hätte ich es wagen sollen, an mein von Grund aus verfehltes Dasein das Glück Anderer knüpfen zu wollen, nie hätte ich, von Liebe betört, mich in Luisens schönes Jugendleben eindrängen müssen! schweigend und duldend hätte ich bleiben sollen was ich halb schon war, ein dunkler, einsamer Mönch. Luise wäre dann glücklich und frei; das Erbteil unserer Väter, dessen ich unwert bin, wäre in Deinen Händen wieder geworden was es früher gewesen ist und ich – unbeweint und vergessen in meiner stillen Gruft, ruhte ich schon längst von aller der sehnsucht, von allen den Schmerzen aus, die ich in reiner verschwiegener Brust getragen hätte, bis sie mich hinabzogen. Die Palme des ewigen Friedens wäre dort oben schon längst der hohe Lohn meiner Entsagung auf Erden!"
Bernhard hörte seinen Bruder ohne alle Unterbrechung schweigend an; seine Klagen drangen bis in die tiefsten Tiefen seines Gemüts, denn sie waren ihm nur der laut werdende Nachhall leiser Vorwürfe, die schon ohnehin zu oft und zu schmerzlich in seinem inneren sich regten. Indessen gewann er es doch über sich, den Mut des tiefgebeugten Bruders durch ernstes männliches Zureden fürs erste wieder zu erheben und dann ernstlich auf Mittel zu sinnen, um wieder gut zu machen, was noch gut zu machen möglich sei.
Vor allen Dingen suchte Bernhard jetzt Luisens Eltern ohne grosse Umschweife von der eigentlichen Lage Alberts zu unterrichten, und legte es ihnen sehr fest und bestimmt ans Herz, wie es ihre Pflicht sei, durch Rat und Beispiel ihre Kinder auf den rechten Weg zu ihrem Glücke zurückzuleiten, statt sie zu neuen grösseren Verirrungen zu veranlassen, die endlich ihren gänzlichen Untergang herbeiführen müssten. Doch er fand nur halbes Gehör.
Steinau und seine Frau waren von jeher gewohnt, über alles Unangenehme leicht hinweg zu schlüpfen, und Bernhards sehr ernste Vorstellungen schienen ihnen deshalb, wenn nicht beleidigend, doch wenigstens sehr unbequem. Sie suchten ihnen daher für den Augenblick zu entgehen und erfanden noch am nämlichen Abend einen Vorwand, um zur Stadt zurückzukehren, wo sie jetzt für immer ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten; denn ihr eigenes Gut war schon längst in den Händen ihrer Gläubiger und wurde zu deren Besten administrirt.
Einige der Gäste, die mit ihnen gekommen waren, begleiteten sie, die übrigen folgten ihnen am andern Tage; denn Allen war gleich beim ersten Anblick des ernst umherblickenden Maltesers unheimlich zu Mute geworden. Selbst die Emigranten bequemten sich, Bernhards ziemlich deutlich ausgedrückte Wünsche zu verstehen und ihm einige ruhige Tage in der Mitte der Seinen zu gewähren. Und so war denn die lange vermisste Ruhe auf Leuenstein wieder eingekehrt und Bernhard hatte Raum gewonnen, den Schleier so schonend als möglich zu heben, der Luisen gegen ihr eigenes und ihres Gatten Wohl verblendete.
Luise hörte den ernsten Warner mit grösserer Fassung an als er es erwartet hätte, denn der Eindruck seines frühern Edelmuts war noch bei weitem nicht in ihrem Gemüte erloschen. Bernhards Bild schwebte ihr noch immer, selbst während seiner Abwesenheit, als das Ideal aller männlichen Liebenswürdigkeit, Hoheit und Würde vor, sie gedachte seiner nie ohne Bewunderung und Verehrung