Brust drückte, statt, wie sonst, sich mit ihr des Lebens in der schönen, sonnenhellen Welt heiteren Sinnes zu freuen.
Albert sah den Kummer der noch immer Heissgeliebten, und fühlte mit unnennbarem Weh, dass es nicht in seiner Macht stand, ihn völlig zu heben; indessen wollte er es doch versuchen, ihn wenigstens einigermassen zu zerstreuen. Er bemühte sich ihre kleinen Wünsche zu erforschen, um durch deren Erfüllung ihr Leben zu erheitern. Sie liebte die zierliche Eleganz der häuslichen Umgebungen, an die sie in ihrer Eltern haus von Jugend auf gewöhnt worden war, und Albert überraschte sie freudig mit manchem Geschenk dieser Art. Doch jedes von diesen machte wieder andre Dinge notwendig, weil es zu dem von alten zeiten her vorhandenen Geräte nicht passte; Albert sah sich dadurch unmerklich zu sehr bedeutenden Ausgaben verleitet, denn nach und nach wurde das ganze Schloss mit modernem Hausgeräte versehen, welches mit grossen Kosten aus der ziemlich entfernten Residenz herbeigeschaft werden musste. Das neue Ameublement erforderte auch eine neue Einrichtung der Zimmer; Tapezirer, Maler, Handwerker aller Art wurden verschrieben, überall ward gehämmert, vergoldet, gemalt, bis das von Aussen noch immer uralte Schloss von innen einem Feenpallaste glich, aus dem beinahe jede Spur seiner frühern ehrwürdigen Altertümlichkeit verschwunden war.
Alberts blick trübte sich oft und sein Herz war ihm schwer, wenn er diese, so ganz ausser Bernhards Plänen liegende Umwandlung betrachtete, doch Luise lächelte wieder, laut schallte ihr Gesang durch das Haus, wenn sie in liebenswürdiger Geschäftigkeit von einem Zimmer zum andern eilte, um dieses oder jenes Neue anzuordnen; es war ihm unmöglich, den Himmel dieses geliebten Wesens von neuem zu trüben, er freute sich ihrer Freude und trug sorge und Kummer gern allein.
Die tiefe Einsamkeit, in der Luise an der Seite eines stets in Geschäften sich abmühenden Gatten lebte, machte es allerdings wünschenswert, ihr eine erheiternde Gesellschaft gewähren zu können, und Albert selbst fiel zuerst auf den Gedanken, einige ihrer Jugendfreundinnen einzeln und abwechselnd zu ihr einzuladen. Diesen folgten bald mehrere Besuche, Luisens Eltern versäumten nicht nach und nach alle ihre Bekannten in dem haus ihrer Tochter einzuführen, und Albert sah sich bald von dem Geräusche der grossen Welt in seinem eignen schloss umringt, das nie aufzusuchen er seinem Bruder feierlich gelobt hatte. Jeder Gedanke an häusliche Stille verschwand vor dem immer mehr sich vergrössernden Schwarme von Besuchenden, die oft wochenlang auf Leuenstein verweilten; Luisens Eltern trugen alles dazu bei, den Ton in Alberts haus immer höher zu steigern, ohne dass Albert den Mut hatte, sich diesem Unheil zu widersetzen. Er fürchtete Luisen dadurch zu betrüben, die ihre Eltern zärtlich liebte und in deren Seele keine Ahnung davon kam, dass Baron Steinau es sehr angenehm und bequem finde, bei seiner Tochter eine Lebensweise fortführen zu können, an welche er gewöhnt war und die er selbst im eignen haus nicht länger ausführbar zu machen vermochte.
Ein zahlloses Heer französischer Emigranten überschwemmte um diese Zeit Deutschland und wusste mit seiner tiefen Verdorbenheit, seiner Frivolität, seiner Anmassung, aber auch mit seinem unübertrefflichen Talent für die feinste Geselligkeit sich überall Eingang zu verschaffen. Auch Alberts Schloss wurde von dieser allgemeinen Landplage nicht verschont, denn Baron Steinau hatte seinem unbesonnenen Betrogen dadurch die Krone aufgesetzt, dass er einige dieser gefährlichen Gäste als ihm besonders lieb gewordene Hausfreunde bei seinen Kindern einführte, und überall, wo es nur einem einzigen Emigranten gelungen war festen Fuss zu fassen, folgten bald mehrere nach, die mit unbeschreiblicher Gewandheit in kurzer Zeit dort unumschränkt zu herrschen wussten, wo sie zuerst als unglückliche Verbannte mitleidige Aufnahme fanden. Vom Morgen bis zum Abend musste Albert jetzt seine junge schöne Luise von Marquis und Vicomtes umschwärmt sehen, welche das ganze Schloss umkehrten, um alles auf den Ton der elegantesten Zirkel von Paris oder Versailles umzustimmen. Ihn selbst aber schienen sie wie einen Fremden zu betrachten, dessen düstre Aussenseite freilich sehr schlecht hieher passe, den man aber dulden müsse und nicht ganz degoutiren dürfe, weil er doch einmal der Gemahl der Dame vom haus sei. Bei der ihm zur zweiten natur gewordenen Anspruchslosigkeit verlor Albert in diesen Umgebungen das wenige Selbstvertrauen gänzlich, das er noch besass; er fühlte sich ungewandt und unbeholfen in der Mitte dieser glänzenden Fremdlinge, die nichts hatten und nichts achteten als den äussern Schein; er konnte es sich nicht ableugnen, dass diese ihn selbst in den Augen seiner Luise verdunkelten und verdunkeln mussten; er glaubte zu sehen wie Luisens Herz sich immer mehr von ihm abwende, und ward leider immer weniger liebenswürdig, je mehr die überzeugung, nicht mehr geliebt zu sein, in seiner Seele sich festsetzte, wie das leider immer zu geschehen pflegt.
Es braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden, dass Alberts häusliche Lage nicht urplötzlich, sondern allmählich während dem Laufe mehrerer Jahre diese traurige Umwandlung erlitt. Luise hatte ihm während dieser Zeit mehrere Kinder geboren, von denen nur das älteste, ein Knabe von etwa fünf Jahren, am Leben blieb; ein jüngerer war erst wenige Wochen alt, als Bernhard zum zweitenmal von Malta nach Deutschland zurückkehrte, um sich zu der Armee der alliirten Mächte zu begeben, welche zu jener Zeit im Begriff stand, den Feldzug gegen die französischen Demokraten zu eröffnen. Damals, wie Bernhard ein Jahr nach seiner Flucht nach Malta zurück eilte, um seine heissgeliebte Anna noch einmal wieder zu sehen, als ihm in ihrer Rähe die früher ungeahnete Grösse des Opfers klar wurde, durch welches er, viel zu voreilig für die ganze Seeligkeit seines