1823_Schopenhauer_091_110.txt

gewesen wäre, auf einen einzigen Augenblick aus dem ewigen Freudentaumel, in welchem er schwebte, zur Rückkehr in sich selbst zu erwachen.

Das Haus des baron Steinau war in der ganzen Umgegend bei weitem das glänzendste auf viele Meilen in der Runde; die Familie desselben bestand ausser den vier Töchtern noch aus zwei Söhnen, von denen der älteste, ein vollkommen für die Welt gebildeter junger Mann, mit Albert in gleichem Alter war. Auch der verlobte Bräutigam der ältesten Tochter war zugegen, und nächstdem vergrösserten noch mehrere für den ganzen Sommer eingeladene Gäste beiderlei Geschlechts die Gesellschaft.

Die Unterhaltung, in welcher der feinste gesellige Ton vorherrschte, wurde gewöhnlich in französischer Sprache geführt, in welcher auch Albert sich auszudrücken verstand, doch sprachen Mehrere in dem Zirkel seine Muttersprache und die Töchter des Hauses, vor allen Luise, beeiferten sich, ihm deutsch zu lehren, wobei er im kurzen die auffallendsten Fortschritte machte. Alle, vom Herrn des Hauses, bis zum geringsten der Diener begegneten ihm mit der grössten Aufmerksamkeit, jedes Mitglied der Gesellschaft suchte auf das freundlichste, seinem Mangel an geselliger Gewandheit zu hülfe zu kommen. Die ältern Herrn und Damen nannten ihn lächelnd l'Ingénu, und die anmutige Naivetät mit welcher der Jüngling in die ihm so neue Welt hinein sah, flösste ihrer Seltenheit wegen Allen ein gewisses Interesse für ihn ein, und machte Jedermann ihm geneigt.

So von Allen begünstigt, so freundlich angezogen von allen Seiten, lebte und atmete Albert doch nur in Luisens Gegenwart allein. Der Funke der glühendsten leidenschaft, den ihr erster Anblick in seinem Gemüte geweckt hatte, schlug bald zur hell lodernden, nicht mehr zu erstickenden Flamme auf. Alles um ihn her trug bei, sie zu nähren und zu vergrössern, besonders der ihm ganz neue Anblick des traulichen Verhältnisses zwischen Konstanzen, der ältesten Schwester, und ihrem verlobten Bräutigam. Die mächtige leidenschaft, die aus Alberts Augen blitzte, in jeder seiner Handlungen, jedem seiner Worte unverkennbar sich aussprach, konnte nicht verfehlen, auf das junge Herz der kaum funfzehnjährigen Luise den tiefsten Eindruck zu machen und bald war sie selbst überzeugt, nicht minder heftig zu lieben, als sie geliebt wurde. Ihre Eltern, denen dieses unter ihren Augen sich entspinnende verhältnis unmöglich entgehen konnte, taten ihrerseits wenigstens keinen Schritt, um störend dazwischen zu treten. Sie wussten wenig mehr von Alberts persönlicher Lage, als dass es der jüngere Bruder sei und alles, was der allgemeine Ruf von dem ältern verkündete, bestärkte sie in der Hoffnung, dass dieser sich gewiss geneigt finden lassen würde, Alberts Glück auf jede Weise zu fördern. Da sie sich überdem die innere Zerrüttung ihres Vermögens nicht füglich länger selbst verbergen konnten, die mit einer Lebensweise entstanden war, welche die Kräfte ihres Vermögens weit überstieg, so musste jede Aussicht zur Versorgung einer ihrer Töchter ihnen unter diesen Umständen doppelt willkommen sein.

Nach mehreren Wochen, welche Albert im gastlichen haus des baron Steinau verlebt hatte, langte endlich Bernhard, gleich nach seiner Flucht von der verkannten Geliebten auf Leuenstein an, ohne eine Ahnung von des Bruders Nähe zu haben; denn sowohl die Briefe aus Rom, welche Alberten anmelden sollten, als die Boten, welche von dem Justiziar zu Leuenstein ausgeschickt worden waren, hatten durch ein eigenes Zusammentreffen mehrerer Zufälligkeiten ihn verfehlt.

Bernhards sehr trübe Stimmung erlaubte ihm nicht, Alberten persönlich in dem ihm ganz fremden Kreise des baron Steinau aufzusuchen; er begnügte sich, ihm seinen Wagen zu schicken um ihn zu sich holen zu lassen, und dieses war für den armen Albert ein allerdings sehr günstiger Zufall. Denn die Verzweiflung, mit welcher dieser die früher sehnlichst herbei gewünschte Nachricht von der Ankunft seines Bruders so anhörte, als würde sein eigenes Todesurteil ihm verkündet, hätte gewiss auf Bernhards, damals ohnehin sehr hart verletztes Gemüt, den traurigsten Eindruck machen müssen. Bleich, zitternd, verstummend im tiefsten Schmerz bestieg Albert endlich den Wagen, und sein Zustand während der kurzen Fahrt war in der Tat bedauernswürdig zu nennen. Doch seine Quaal stieg bis zum Unerträglichen als er auf Leuenstein angelangt war, und nun den blick fest an den Boden geheftet, vor dem hohen edlen mann stand, dem er angehörte, ohne ihn je gesehen oder auch nur seine Persönlichkeit sich deutlich gedacht zu haben. Er fühlte sich erdrückt von Bernhards Nähe, welche das Ende seines kurzen Glücks ihm verkündete; er konnte nicht reden, kaum atmen, und es bedurfte aller der milden Ueberredungskraft, die Bernhard in so hohem Grade besass, um den fast Vernichteten anfangs nur einiges Vertrauen einzuflössen. Doch dieses wuchs von Minute zu Minute, sobald Albert es nur einmal über sich gewann, die Augen zu dem Bruder aufzuschlagen, der mit unendlicher Liebe und Milde im blick und Herzen, ihm mit offenen Armen gegenüber stand, und der Brust voll eigener Quaalen vergass, über dem Bemühen den Zagenden aufzurichten. Mit überströmenden Augen warf Albert sich jetzt in diese arme, an diese Brust, und das geständnis seiner hoffnungslosen Leiden, seiner Verzweiflung, ergoss sich unaufhaltsam über seine Lippen mit jener Gewalt der hinreissendsten Beredsamkeit, die unwiderstehlich das Herz trifft, weil sie tief und wahr aus dem Herzen kommt.

Nie konnte Bernhards Gemüt einem Bekenntnisse dieser Art empfänglicher sein, als gerade in diesem Augenblick, wo alle Hoffnung auf eigenes Lebensglück ihm verschwunden war. Alberts und Luisens traurige Lage erregte sein inniges Mitgegefühl und forderte ihn unwiderstehlich zur Errettung des in der Blüte der Jugend hoffnungslos untergehenden Paares auf. Was er nach einigen Tagen reiflicher überlegung zu diesem