1823_Schopenhauer_091_11.txt

sehr bewandert in der Matematik und in fremden Sprachen, auch soll er ein Lexicon oder so etwas im Druck herausgegeben haben. Nun, der Sohn artet dem Vater nach, man sagt, er habe auf der Universität seine Zeit sehr gewissenhaft angewendet. Das wird ihm denn nun auch freilich in seinem jetzigen stand recht gut zu statten kommen, denn in unsern Tagen kann der Kaufmann nie zu viel wissen, und das Gelehrtsein, oder wenigstens Gelehrttun ist unter unsern jungen Herrn obendrein Mode."

"Der junge Mann war also nicht von jeher zum Kaufmann bestimmt?" fragte die Tante mit steigendem Interesse.

"Ei was wollte er!" erwiderte der Buchhalter, "nein ihr Gnaden, der junge Holm ist Doctor Juris, er hat ordentlich studirt. Erst vor kaum andertalb Jahren hat er umgesattelt, und was das sonderbarste ist, niemand hat früher die mindeste Neigung zum Kaufmannsstande an ihm bemerkt, das ist so ganz mit einemmal von selbst gekommen. Aber da sieht man recht, wie der Mensch alles kann, was er ernstlich will. Vor zwei Jahren wusste der junge Holm noch keinen Kurs zu berechnen, nicht einmal einen Wechsel ordentlich auszustellen, von Waarenkenntnis war bei ihm vollends gar nicht die Rede, und jetzt ist er der Herren Fischer et Compagnie rechte Hand. geben ihr Gnaden nur Acht, der macht gewiss noch sein Glück in der Welt." Die Tante, in immer tieferes Nachdenken versinkend, schien auf die lezten Worte des freundlichen Greises kaum zu hören, weshalb dieser denn auch mit gewohnter Ehrerbietung stille schwieg, bis sie, wie aus einem Traume erwachend, die Bemerkung hinwarf, dass der junge Holm doch wohl öfters an den Gesellschaften hier im haus Anteil nehmen müsse, da ihn die Ereignisse in demselben so zu interessiren schienen.

"Ins Komtoir kommt er zwar oft in Geschäften, seit er den Kaufmannsstand erwählt hat," erwiderte Herr Müller, "sonst aber nie ins Haus, dass ich wüsste, ausser ein paarmal bei Konzerten, denn er singt einen herrlichen Tenor. Dass er sich aber so fleissig nach der Gesundheit unsers Fräuleins erkundigt, ist dennoch ganz natürlich, da er sie doch einigermassen kennt, die halbe Stadt tut ja dasselbe. Sehen, ihr Gnaden, hier liegt der Zettel, mit den Namen derer, die nur diesen Morgen nachgefragt haben. Zwei volle Bogen, man kann die Hälfte kaum lesen, denn die Bedienten schreiben meistens so schlecht, dass es eine Schande ist. Aber hier sind doch einige zierliche Handschriften, denn die jungen Herren haben fast alle eigenhändig ihre Namen angeschrieben, weil sie gewöhnlich selbst kommen, sich nach des Fräuleins Befinden zu erkundigen. Sehen ihr Gnaden, Sir Robert Beverlei, John Simpson Esquire, Comte de Beauchamp, Graf Nordhausen, Baron Engeström, lauter Fremde die an uns addressirt sind."

Angelikas blondes Lockenköpfchen, das diese, über dem langen Ausbleiben der Tante besorgt, zur tür herein steckte, machte jetzt der Unterhaltung ein Ende.

Anna begab sich zu Vicktorinen, sie fand diese auf ihrem Sopha, von einer Schaar junger, sie besuchender Mädchen umlagert, unter denen auch Babet und Agate nicht fehlten. Alle sprachen zugleich, denn es war von gar interessanten Gegenständen die Rede, denen aber die Tante keinen Anteil abzugewinnen wusste. Sie sezte sich daher in ihren Lehnstuhl in der fernsten Ecke des Zimmers. Ihre Gedanken flogen zurück in eine längst dahin geschwundene Vergangenheit, deren Abglanz in diesem Augenblick in ungewohnter klarheit sie umschwebte. So zaubert ein einziger heller Sonnenblick uns oft mitten im Winter den Frühling mit allen seinen längst in Staub versunknen Blüten herbei. Anna gab dem schmerzlich-schönen Traume mit ganzer Seele sich hin; sie forschte nicht weiter, was gerade jetzt ihn herbeigerufen haben könne? sie versank immer tiefer in sich selbst, und achtete wenig auf das, was in dem jugendlichen Kreise, in ihrer Nähe laut genug abgehandelt ward.

Die Mädchen zählten indessen die Bälle, welche sie in den nächsten Wochen zu hoffen hatten, und jetzt waren die Tänzer an der Reihe. "Mit denen sieht es windig aus," seufzte Babet, "wenn nicht etwa der Himmel ein Einsehen hat und frische Zufuhr uns einsendet." "Leider ja," stimmte Amelie, die Tochter des benachbarten Obristen, in diese Klage ein, Teodor geht morgen fort, und auch Baron Sillborn reist nach Wien." "Und Lieutenant Horsten hat nur noch vierzehn Tage Urlaub," rief Lilli dazwischen. So währte das Herüber und Hinübersprechen noch eine feine Weile fort, der Gegenstand des Gesprächs beschäftigte alle, so dass keine dabei auf Vicktorinen Acht gab, bis die eben ins Zimmer tretende Angelika durch einen Schrei des Entsezens sie darauf aufmerksam machte, dass die arme bleich und starr gleich einer toten in ihre Kissen zurück gesunken dalag.

Der Aufruhr, der jetzt entstand, ist nicht zu beschreiben. Die Mädchen liefen vor Angst wie sinnlos durch einander, der Schellenzug riss von dem gewaltigen Sturmläuten; laut schreiend, "bon Dieu! qu'est il donc arrivé à ma pauvre petite," stürzte die Bonne herein, und dieser folgte, zum Glück bald, der schnell herbeigerufne Arzt. Vicktorinens bewusstloser Zustand, den die vielen, ohne Wahl und Zweck angewandten Mittel nur verschlimmerten, ohne dass die vor Schrecken selbst halb tote Tante dem Unheil hatte steuern können, wich endlich seinen vernünftigern Anordnungen. jetzt aber hob der wackre Mann auch eine tüchtige Strafpredigt an, während welcher sich indessen die fremden Mädchen ganz