den Wipfeln ihrer hohen Buchen nur einmal zu erscheinen, und trieb dieses phantastische Spiel bis die sinkende Nacht ihn zwischen die alten dunkeln Mauern seiner väterlichen Burg wieder zurückbannte.
In ziemlich weiter Entfernung von dieser war er eines Morgens nicht lange nach seiner Ankunft, seinen Virgil in der Hand, auf einem ihm noch unbekannten Pfad geraten, der zwischen hohen Gesträuchen am Saume eines, von einem kleinen See begränzten Waldes hinführte, als ein ängstliches Rufen um hülfe ihn plötzlich aus seinen wachen Träumen aufschreckte. Es schien vom See herzukommen, Albert teilte blitzschnell das diesen ihm verbergende Gesträuch, um an das Ufer zu gelangen, und stand im nächsten Momente geblendet vor einer Göttererscheinung.
Galatea mit ihren Gespielinnen! war sein erster Gedanke, als er vier schöne junge Mädchen kaum zwanzig Schritte vom Ufer in einem kleinen Kahne sitzen sah. Doch bald ward er von ihrer irrdischen natur überzeugt, denn so wie sie seiner ansichtig wurden, streckten sie alle unter ängstlichen Klagetönen die runden weissen arme ihm entgegen. Ihnen war das Ruder entglitten, das sie ohnehin schwerlich zu führen wussten. Die armen Kinder glaubten wegen einer nicht weit davon liegenden Mühle sich in der dringendsten Todesgefahr zu befinden, obgleich der spiegelhelle, von keinem Lüftchen gekräuselte See gerade an dieser Stelle sehr flach war, und der Kahn eigentlich auf dem Sande schon fest sass.
Albert hatte zwar noch nie gelegenheit gehabt, den Umfang seiner physischen Kräfte kennen zu lernen, oder sich durch Behendigkeit und Besonnenheit aus irgend einer Verlegenheit zu ziehen, aber er bedachte sich dennoch keinen Augenblick, sich mutig den Fluten anzuvertrauen, die ihm kaum bis über die Fussknöchel reichten. Dann ergriff er einen hinter dem Kahn herschwimmenden Strick, der inwendig befestigt, diesen am Ufer anzubinden wahrscheinlich gedient hatte, und zog das Fahrzeug sammt seiner reizenden Last etwas näher ans Land; endlich suchte er grosse Steine zusammen, um den schönen Kindern eine brücke zu bauen, und so gelang es seinem Bemühen, sie alle ziemlich trocknen Fusses ans Land zu bringen.
Kaum fühlten sie festen Boden unter sich, so begannen die vier Mädchen alle zugleich, ihrem Erretter mit vielem Wortaufwande und grossem Eifer ihre Dankbarkeit bezeigen zu wollen, doch leider verstand Albert keine Silbe von dem was sie sagten und er hätte dieses auch nicht gekonnt, selbst wenn er der deutschen Sprache vollkommen mächtig gewesen wäre, denn seine Seele, alle seine Sinne waren in seinen dunkel flammenden Augen, und von der Hand aus, die zum erstenmal in seinem Leben eine Mädchenhand berührt hatte, strömte ein nie gekanntes verzehrendes Feuer durch sein ganzes Wesen hin. Erglühend und erbleichend stammelte er einige italienische Worte und verging fast in unerwartetem Entzücken, als Luise, die jüngste unter den vier Schwestern, ihm in der nämlichen Sprache antwortete. Zum erstenmal, seit der alte Giovanno ihn verlassen hatte, trafen die süssen gewohnten Töne wieder sein Ohr und von Lippen, die selbst der fehlerhaften Aussprache einen ganz eigentümlichen Reiz zu verleihen wussten. Auch die übrigen Mädchen suchten nun in der Geschwindigkeit das wenige Italienische zusammen, das sie hauptsächlich aus Opernarien erlernt hatten, um mit dem schönen schwarzgelockten Jüngling eine Art von Konversation anzuknüpfen.
Albert befand sich wie im Traume; so vielem Zauber vermochte er nicht zu widerstehen, um so weniger, da es ihm gar nicht einmal in den Sinn kam, dieses zu wollen. Entzückt, betäubt, kaum seiner selbst sich bewusst, wandelte er an Luisens Seite durch die schattigen Sternalleen des parkähnlich ausgehauenen Waldes und stand, ehe er sich dessen versah, vor einer zahlreichen, unter den Säulen eines sehr schönen modernen Landhauses versammelten Gesellschaft. Scheu wie ein Reh, wäre er gern zurück in das Gebüsch geflohen, aber da war an kein Entrinnen zu denken.
Die Mädchen hatten unterwegs seinen Namen von ihm erforscht und stellten ihn unter diesem ihren Eltern vor, indem sie zugleich recht ausführlich die grosse Gefahr, aus welcher der junge Fremde sie errettet hatte, erzählten, solche bis zum Schauderhaften vergrösserten und nicht unterliessen, Alberts bei dieser gelegenheit bewiesenen Heldenmut bis in die Wolken zu erheben. Dies musste einigen der Anwesenden ein leichtes sarkastisches Lächeln entlocken, denn der sehr verlegene Held dieser grossen Begebenheit stand, trotz der überstandenen Wassersnot, in vollkommen trockner Kleidung da.
Baron Steinau und seine Gemalin, die Eigentümer des Schlosses, ermangelten indess nicht, auf die freundlichste Weise von der Welt über die grosse Verwegenheit ihrer Töchter zu schelten, und deren noch immer verstummenden Erretter mit Danksagungen und Lobsprüchen zu überhäufen, von denen dieser in der Angst seines Herzens keine Silbe verstand. Da Baron Steinau schon früher von Alberts isolirter Lage auf dem jetzt öden Leuenstein gehört hatte, so lud er ihn in sehr fliessendem Italienisch und auf die einnehmendste Weise ein, bis zur Ankunft des ältern Herrn von Leuen bei ihm als seinem nächsten Gutsnachbar zu verweilen, und sich ohne allen Zwang als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten.
Albert hätte aus Mangel an Bekanntschaft mit den Formen des geselligen Lebens gar nicht gewusst, wie er es anfangen könne, um eine solche Einladung von sich zu weisen, selbst wenn er dazu geneigt gewesen wäre, aber er begriff schon jetzt gar nicht mehr die Möglichkeit zu leben, ohne die holde Luise zu sehen. Tief errötend verbeugte er sich vor dem Baron, ohne weiter ein Wort hervorbringen zu können, und so wurden von dieser Stunde an seine Umgebungen, sein Empfinden, seine Gedanken, ja sein ganzes Leben auf eine Weise umgestaltet, die ihm selbst bis zum Unglaublichen wunderbar geschienen hätte, wenn es ihm nur möglich