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dem Kloster und dem Kardinal, der ihn zu seinem Allmosenier ernannt hatte und ihn hauptsächlich deshalb auch zu Alberts Erzieher erwählte, um den Knaben weniger aus den Augen verlieren zu müssen.

Albert konnte sich nicht nach Genüssen und Freuden sehnen, die er selbst dem Namen nach nicht kannte, aber wie alle von der natur nicht ganz verwahrlosete Kinder, dürstete er nach Beschäftigung, jemehr er heran wuchs, und Jeronimo benutzte dieses, um ihn so früh als möglich in das Reich der Wissenschaften einzuführen, dem er selbst alles Glück seines stillen einförmigen Lebens verdankte. Das Talent und die unermüdliche Wissbegierde des Knaben entzückte seinen Lehrer; er brachte es bald dahin, die klassischen Schriftsteller Roms und Griechenlands mit ihm in ihrer Ursprache lesen zu können. Zu ihren Dichtern sogar ging er über, ohne dass es dem in kindlicher Unbefangenheit grau gewordnen Alten einfiel, mit welchen Ahnungen eines, von dem seinen ganz verschiedenen, genussreichen Lebens diese den Knaben erfüllen mussten, welcher zum Jüngling heranreifte. Während Pater Jeronimo mit trockner Schulgelehrsamkeit seinem Zöglinge die technischen Schönheiten eines seiner Lieblingsdichter auseinander setzte, oder in Vergleichung der verschiedenen Lesarten irgend einer dunklen Stelle sich vertiefte, führte die jugendliche Phantasie den scheinbar Aufmerksamen auf Adlersflügeln weit weg in ein magisches Land, wo alles ihn entzückte und nichts ihm deutlich war, am wenigsten seine Wünsche und Hoffnungen.

Indessen wurde Albert unter der Leitung seines Lehrers dennoch grundgelehrt. In Aten, im alten Rom, in der geschichte der Völker, unter den Sternbildern des nächtlichen himmels, war er vollkommen zu haus, doch von den Verhältnissen des wirklichen praktischen Lebens wusste er in seinem zwanzigsten Lebensjahre weit weniger, als ein gewöhnlicher Knabe von acht Jahren. Der Kardinal war indessen mit der geistigen Ausbildung seines Grossneffen vollkommen zufrieden, das übrige, meinte er, würde zu seiner Zeit schon von selbst sich finden, und er trug kein Bedenken, als Albert das dazu erforderliche Alter erreicht hatte, ihm anzukündigen, dass er zur Reise nach Malta sich bereit halten solle.

Alberts Mutter war während dieser Zeit in einem Kloster gestorben, dem sie, um den Himmel mit den Verirrungen ihres Lebens zu versöhnen, ihr ganzes Vermögen hinterliess. Ihr Sohn war nun einzig aus die Grossmut des Kardinals angewiesen, der ihn auch sehr freigebig mit allem versah, was er zu seiner Reise bedurfte, ihm sogar erlaubte, durch Deutschland zu gehen und sich in Triest einzuschiffen, weil Albert sehnlichst darnach verlangte, seinen nie gesehenen Bruder kennen zu lernen.

Die Reise selbst, auf die sich Albert, wenn gleich nicht ohne heimliches Bangen, sehr gefreut hatte, erfüllte in der Wirklichkeit durchaus nicht seine Erwartungen, besonders nachdem er die Alpen im rücken hatte. Das laute Treiben und Lärmen der im Schweisse ihres Angesichts arbeitenden Menschen, die Not der Armen, besonders aber die ihm barbarisch klingenden Töne einer ihm völlig unverständlichen Sprache, machten auf ihn den widrigsten Eindruck. Alles was er sah und hörte, kontrastirte so sehr mit seinen goldenen Träumen, dass er einem vertrauten Kammerdiener seines Oheims, welchen ihn dieser zum Begleiter mitgegeben hatte, alle Besorgungen der Reise überliess, und nur aus dem Wagen stieg, um nächtlich zu ruhen.

Durch diese Art zu reisen geschah es denn, dass er auf seinem väterlichen schloss eben so unbekannt mit der Welt und den Menschen anlangte, wie er von Rom ausgegangen war. Wer ihn sah und hörte hätte glauben können, es habe ihn ein Wolkenwagen durch die Lüfte geführt, ohne je die Erde zu berühren.

Er traf seinen Bruder nicht auf Leuenstein, man wusste nicht einmal mit Gewissheit zu sagen, wo sich dieser jetzt aufhielt, und der arme Albert fühlte sich bei dieser Nachricht so verlassen, wie nie zuvor in seinem Leben. Das einzige Erfreuliche für ihn war, dass er mit dem im schloss wohnenden Justiziar sich in französischer Sprache leidlich verständigen konnte, und dass dieser sich ziemlich bereitwillig zeigte, einstweilen für die Bequemlichkeit des jungen Herrn zu sorgen, bis Bernhard von Leuen von der Ankunft seines Bruders benachrichtigt werden konnte.

Der alte Kammerdiener Giovanno eilte sobald als möglich seiner schönen Heimat wieder zu, ohne auf Alberts Bitten zu achten, denn es schien dem verwöhnten Südländer unmöglich, zwischen den hohen, Waldbewachsnen Bergen länger zu verweilen, in deren Mitte Schloss Leuenstein auf einer bedeutenden Anhöhe lag.

Albert war nun mit einemmale von allen seinen gewohnten Umgebungen getrennt, ohne auch nur den kleinsten Ersatz für diese gefunden zu haben. Die so lange ersehnte Freiheit, welche ihm jetzt im vollsten Maasse zuteil geworden war, beängstigte den klösterlich erzogenen Jüngling statt ihn zu erfreuen, und ihm war ungefähr so zu Mute, wie es einem Kanarienvogel sein mag, der dem Käfig, in dem er aufwuchs, unbedachtsam entschlüpfte, und nun wie verloren mit ungeübtem Flügelschlage über Wiesen und Gärten ängstlich flattert. Die Welt kam ihm so weit und so unheimlich vor, dass er einige Tage dazu brauchte, ehe er nur zu dem Entschlusse kommen konnte, das Schloss zu verlassen und einsame Wanderungen in den romantisch schönen Umgebungen desselben anzustellen. Der Anblick der freien natur, den er früher beinah nie genossen hatte, verfehlte indessen nicht, auf ihn den tiefsten Eindruck zu machen; er befreundete sich gar bald mit ihr, denn in ihr fand er zuerst seine Dichter wieder, und seine frische Jugendphantasie wusste beide zu einem entzückenden Ganzen zu vereinen. Liebeglühend drückte Albert Bäume und Blumen an seiner mit süsser, namenloser Wehmut erfüllten Brust, ward nicht müde die Nympfe Echo zu wecken, rief der Dryas, ihm aus