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, behalte es zu meinem Andenken, wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden sollte. Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten angefüllt, wie dieses Land sie bietet. Uebergieb diese Deiner Luise in meinem Namen; sie sind an sich beinahe ohne Wert, doch ich hoffe, Luise wird um meinetwillen sie nicht verschmähen.

Den Ring mit meinem Bildniss, den Du jenen Dingen beigefügt findest, bestimme ich Dir, denn ich weiss, es wird Dich freuen, eine so treue Kopie meiner Züge zu besitzen, doch trage ihn nie an Deiner Hand, und lass' auch Deine Luise dieses nie tun. Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knüpft sich für mich an den Anblick dieses Ringes; er darf nie zum Schmucke dienen, da er die Hand nicht schmücken durfte, für die er ursprünglich bestimmt war. Und nun lebe wohl! Gott erhalte Dir Dein jetziges Glück und segne Dich mit Kraft und Mut und Ausdauer für die Bahn, welche Du zu gehen hast.

Albert von Leuen an seinen Bruder Bernhard,

achtzehn Jahre später geschrieben.

Wenn Du diese Schriftzüge erblickst, mein edler schwer beleidigter Bernhard, so hat die alles ausgleichende Hand des Todes den Müden wirklich zur Ruhe geleitet, den Du schon vor langen Jahren zu den Verstorbenen zähltest. Dem Lebenden musstest Du zürnen, weil er, schwach und verblendet, den Pfad nicht zu halten wusste, den Du so weise als liebevoll ihm bezeichnet hattest; dem Todtgeglaubten hast Du vergeben, dies fühlte er wohl, darum mochte er Dir nie wieder nahen, im Laufe des trüben Daseins, das er in tiefer Verborgenheit auf Erden noch fortführte, und wahrscheinlich einige Jahre hindurch noch fortführen wird.

Dass Du aber dem Bruder gern ein willig Ohr leihen wirst, wenn er, gleichsam aus seinem grab herauf, Dir am Ende seiner Bahn Rechenschaft ablegen will, davon bin ich eben so überzeugt, als dass dieses Bekenntniss seiner Verirrungen wie seiner Leiden ein menschliches Herz bei Dir finden wird; denn auch sie waren menschlich. Kein Verbrechen lastet auf Deinem armen Albert, das glaube fest; der immer wache innere Richter gibt ihm das zeugnis, dass sein Streben zum Bessern stets redlich war, wenn er gleich leider weder von der natur noch durch seine Erziehung sich dazu eignete, das zu werden, was Deinem höheren geist aus ihm zu bilden möglich schien.

Und nun lass' mich noch einmal in meinem Leben wie der Bruder zum Bruder aus vollem Herzen zu Dir reden. Der letzte Ruhepunkt, den ich auf Erden zu finden bestimmt war, ist erreicht. Mein Pilgerstab hängt über dem kleinen Altar meiner Laren, und soll nicht wieder herabgenommen werden, bis er zur Gruft mich begleitet. Doch jetzt lebe ich noch, und ein unwiderstehliches Gefühl drängt mich zu Dir. Ich, der Verwaiste, Verlassenedurch Schuld oder Unglück, nenne es wie Du willstvon allem was mir einst lieb war Verbannte, ich werfe mich an Deine Brust, um Dir zu klagen, wie ich irrte und wie die Strafe jedem meiner Irrtümer auf der Ferse folgte.

Ich muss Dir auch mitteilen was mir gelang, was mich erfreute, und welche Aussicht auf eine, alles ausgleichende Zukunft sich mir eröffnet, indem doch eine Hoffnung mir fröhlich erblüht, eine von den vielen, die ich in eitle Truggebilde sich auflösen sah. Es wird nötig diesen Brief hier zu unterbrechen, um dem, was Albert seinem Bruder aus seinem spätern Leben mitteilt, eine kurze Uebersicht der frühern Ereignisse desselben einzuschalten, die Albert, als Bernharden vollkommen bekannt, übergehen musste. Zugleich wird dem Leser einiges wieder ins Gedächtniss zurückgerufen, was schon vorläufig nur flüchtig erwähnt ist.

Albert wurde bekanntlich in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, zum geistlichen stand erzogen, dem er bei den sehr gesunkenen Verhältnissen seines Hauses ohnehin gewidmet worden wäre, selbst wenn seine Eltern sich nicht nach einer kurzen, höchst unglücklichen Ehe wieder von einander getrennt hätten. Doch überdem öffnete der mächtige Schutz eines Oheims seiner Mutter dem Knaben eine der allerglänzendsten Aussichten auf der für ihn gewählten Bahn, denn als Kardinal und erklärter Liebling des damaligen Pabstes übte dieser eine fast unumschränkte Gewalt in seinem Wirkungskreise aus. Zwar lies er als ein sehr frommer, den Vorschriften seiner Kirche streng ergebener Geistliche sich nur selten einen Missbrauch seiner Macht zu schulden kommen, dem Nepotismus jedoch, dieser allgemeinen Erbsünde der höheren römischen Geistlichkeit, vermochte er nicht zu widerstehen und so benutzte er zu Gunsten seines Grossneffen dem ihm verliehenen Einfluss, indem er, mit Umgehung aller Ordensregeln, dem Knaben fast noch in der Wiege die Anwartschaft auf eine bedeutende Komturei des Malteserordens zu verschaffen wusste, welche Andre durch jahrelange Anstrengung im Dienste des Ordens sich erst erwerben müssen.

Sobald der Knabe weiblicher Pflege einigermassen entbehren konnte, ward er von seinem vornehmen Beschützer der mütterlichen Aufsicht entzogen und dem Pater Jeronimo übergeben, einem sehr gelehrten Benediktiner, der seine eigne Jugend stets in klösterlicher Einsamkeit zugebracht hatte, und mit frommer Scheu die ihm ganz unbekannte Welt als einen Sündenpfuhl betrachtete. Letzterem nicht nahen zu müssen, hielt er für das grösste Glück auf Erden.

Albert wuchs an der Seite dieses Greises in so tiefer Einsamkeit auf, als wäre er mit ihm durch einen Zauberspruch in die Tebaische Wüste versetzt worden. Er sah beinah nichts und kannte nichts als seinen Lehrer, seine Bücher und die vier engen Wände einer Zelle im Kloster oder des kleinen Zimmers im Pallaste seines Oheims, welche er gemeinschaftlich mit seinem Lehrer bewohnte. Denn Pater Jeronimo teilte seine Zeit zwischen