zu gewinnen, aber es fielen dennoch täglich neue unangenehme Scenen vor, bei denen niemand mehr litt als die arme Angelika. Liebe und Ruhe waren das Element ihres Daseins und der zarte Faden, an dem ihr Leben noch schwebte, erzitterte oft im allerschmerzlichsten Mitgefühle bei jeder stillen Träne, jedem leisen Seufzer ihrer Vicktorine. Für den eignen Schmerz hatte sie keine Tränen mehr, sie liebte ihn sogar, denn er erschien ihr jetzt wie ein Engel des Lichts, der sie der Vollendung immer näher führte, doch bei dem Anblicke des getrübten Frühlings ihrer in voller Jugendherrlichkeit blühenden Freundin öffnete sich von neuem diese Quelle, und stieg oft mit stechendem Schmerze, wie aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust, in das verklärte Auge, das lange schon im Vorgefühl der nahen Himmelsseeligkeit nur zu lächeln gewohnt war. Inhalt einiger der Papiere, welche Anna von Falkenhayn in den verborgenen Fächern des elfenbeinernen Kästchens fand. Bernhard von Leuen an seinen Bruder Albert von Leuen. Gleich nach des Erstern Ankunft auf der Insel
Malta geschrieben.
Um Dir, guter Albert! meinen letzten Abschiedsgruss zu senden, benutze ich die Rückkehr des Schiffes, das mich mit dem günstigsten Winde wie im Fluge von Venedig hierher brachte. In dem freudigen Rausche der jetzt Dich beseeliget, hast Du, Glücklicher! hoffentlich längst schon die einzige Täuschung verschmerzt, welche ich mir jemals gegen Dich erlaubte, indem ich nicht, wie ich Dich glauben lies, von der kleinen Reise nach St*** nochmals zu Dir zurückkehrte. Warum sollte auch meine ernste, trübe Gestalt sich nochmals in das Paradies Eurer jungen Liebe stöhrend eindrängen wollen? Wer selbst nicht glücklich ist, meide ja die Gesellschaft der Glücklichen, seine Gegenwart ist unheilbringend, sie wirft erkältende Schatten in die frisch aufgehende Blüte des Lebens; denn wer dieser sich recht erfreuen soll, der darf nie daran erinnert werden, wie leicht alles anders sein könnte, und wie oft zwischen Morgen und Abend eines einzigen Tages die unerwartete Entscheidung eines ganzen Menschenlebens liegt.
Die Kluft zwischen mir und meinem vaterland ist jetzt sehr bedeutend, und meine Ruhe, das einzige Gut nach welchem ich streben kann, erfordert, dass ich alles meide, was jene Kluft mir auch nur scheinbar verkleinern könnte. Ich habe viel zu vergessen und wem es damit wahrer Ernst ist, der hüte sich vor dem Schreiben, denn die Feder ist in dieser Hinsicht die gefährlichste Vertraute. Daher wirst auch Du sogar nur selten Nachricht von mir empfangen, und vielleicht gehen Jahre darüber hin. Was könnte ich Dir auch von mir zu melden haben? Die geschichte meines Lebens ist hoffentlich abgeschlossen, und was ich über Dich und Deine Verhältnisse Dir sagen könnte, würde doch nichts anders sein, als Wiederholung der ernsten Bitten und Ermahnungen, die ich Dir während unsers kurzen Beisammenlebens unaufhörlich an das Herz legte. Selbst schon dieser Brief kann beinahe nichts anders als jene Wiederholungen entalten; bewahre ihn wohl, lies ihn zuweilen wenn Du nach mir und meinem Rate Dich sehnst, und möge Dir dann sein, als hörtest Du nochmals die warnende stimme des von der natur Dir zugegebenen Freundes, der Dich und Dein Glück im Herzen trägt und tragen wird, wenn gleich seine gegenwärtige Stimmung ihm nicht erlaubt, Dir aus der Ferne oft ein Zeichen davon zu senden.
Vor Allem lass mich die dringendste meiner Bitten Dir nochmals vortragen, die Bitte: nie, unter keinen Umständen die stille Burg unserer Väter mit einem andern Wohnorte zu vertauschen. Wer, wie Du, das hohe Glück reiner Liebe, die Krone des Lebens errungen hat, der strebe doch ja nach Einsamkeit mit der Geliebten; nur in dieser kann es wachsen und dauernd bestehen, so wie die Alpenrose sich auch nur im reinen Aeter ihrer hohen einsamen Berge in all' ihrer Pracht entfalten kann. Albert! bange sorge um Dich bewegt mein Gemüt. O fliehe die Welt, wenn Du Dein Glück Dir rein bewahren willst! lass Dich von ihrem Flitterglanze nicht verlocken. Du kennst sie nicht, Du weisst nicht, Du ahnest nicht, wie die edelste natur, das Meisterwerk des hohen Schöpfers, in jenem glänzenden Gewühle hinabgezogen, entwürdigt werden kann. Ich aber habe es erfahren! Du und Luise, ihr einfachen, fröhlichen, harmlosen Kinder, was wolltet ihr dort? Wie könntet ihr beide in Eurer glücklichen Unbefangenheit jemals ungestraft es wagen, Euch jenem schlüpfrigen Pfade anzuvertrauen, der selbst den Erfahrnen, von Jugend auf mit ihm Bekannten Verderben und Untergang droht.
Du wirst auf der Burg unserer Väter mit Deiner Luise Dich zwar einsam, doch nicht allein befinden, denn Hunderte gehören zu Euch, die durch Deine Geburt von der natur an Dich gewiesen wurden und jetzt hoffend zu Dir hinaufblicken, Du selbst hast freilich im Laufe Deines jungen Lebens noch nichts verbrechen, guter Albert, aber bei aller Deiner Schuldlosigkeit hast Du dennoch vieles gut zu machen, was in frühern zeiten Deine Vorfahren verschuldeten, ob gezwungen oder freiwillig? gilt hier gleich. Betrachte in den Dörfern, die zu Deinen Besitzungen gehören, die armen verfallnen Hütten, den elenden Zustand ihrer mehr als zur Hälfte verwilderten Bewohner; dieser Anblick wird Dich besser über das was Dir obliegt belehren, als Worte es vermöchten. Nie wird Langeweile Dir nahen, weil es Dir an Beschäftigung nie fehlen kann, wenn Du mit redlichem Eifer die Pläne zur Verbesserung des Zustandes Deiner Güter auszuführen suchst, die ich Dir vor meiner Abreise zum teil schriftlich vorlegte; auch Luise wird in heiter verständiger Tätigkeit Dir zur Seite als Deine Gehülfin sich beglückt fühlen