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" rief Vicktorine noch immer sehr beklommen. "Wie werde ich morgen meinem Vater finden? Wie wird Sir Charles sich ferner gegen uns benehmen? Ach wäre die Tante mir zur Seite, ohne Sie irre ich wie verloren und weis nicht was ich ergreifen soll."

"Ich wollte auch, sie wäre bei uns, die würdige liebe Dame, erwiderte Horst, wenn ich gleich vielleicht Ihnen diesmal in Ihrem geist raten kann. Geduld und Kurage, glauben Sie mir, Kusinchen, damit kommt man in der Welt überall durch und die Tante selbst vermöchte es nicht, Ihnen etwas besseres zu empfehlen. Von dem fremden Narren werden Sie hoffentlich nichts mehr hören oder sehen, denn ich wüsste doch nicht, wie er, trotz seiner Frechheit es anfangen wollte, nach einem so öffentlichen Scandale sich noch hier im haus zu zeigen. Und im höchsten Notfall ist Horst auch noch bei der Hand. Beim Papa wird wohl schlecht Wetter im Kalender stehen, aber wenn das nun auch einige Tage oder Wochen hindurch währte – –"

"Alles, alles will ich mit der kindlichsten Unterwerfung ertragen," fiel Vicktorine lebhaft ein. "Ich weis ja, welch ein lang gehegter Lieblingsplan ihm zu grund gegangen ist. Wie sollte ich da nicht alles tun, um meinem Vater zu beweisen, dass ich mit wahrem Schmerze mein Glück auf Kosten seiner Zufriedenheit erkauft sehe:"

"So ist's Recht," sprach Horst, "die Tante selbst könnte nicht vernünftiger Ihnen raten. Bleiben Sie dabei, Kusinchen, und lassen Sie für das Uebrige den lieben Gott sorgen." Alle Fenster der Hauptetage im Hotel d'Angleterre standen am folgenden Morgen weit offen, und man sah deutlich das geschäftige Walten der Besen und Borstwische im inneren der Zimmer, denn Sir Charles und sein ganzes Gefolge waren über Nacht so vollkommen daraus verschwunden, wie die bunten Bilder einer Laterna-Magika von einer weissen Wand, wenn Licht herein gebracht wird. Keine Spur war von dem ganzen lustigen Treiben übrig geblieben, nur ein geschäftiger Lohnbedienter galoppirte noch durch die Strassen, um in den angesehensten Häusern der Stadt die zierlichsten mit Sir Charles Namen und p. p. c. bezeichneten Karten auszuteilen, und auch bei Herrn Kleeborn wurde eine ganze Hand voll derselben abgegeben.

So hatte denn auch für diesesmal der zweite Roman der schmerzlich betrübten Babet sein Ende erreicht, ohne dass ihr weiter etwas davon übrig geblieben wäre, als ein solches buntpapiernes, mit goldnem rand verziertes Denkmal seeliger Täuschungen, und sie unterlies auch diesesmal nicht, es reichlich mit ihren Tränen zu benetzen, ehe sie es zu Teodors Abschiedskarte legte.

Nach reiflicher überlegung hatte Sir Charles am vorigen Abend es denn doch aufgegeben, Herrn Kleeborn über sein erscheinen im Teater zur Rede zu stellen, wie er es anfangs willens gewesen war. Wilkinson und der Kammerdiener, seine beide Vertrauten, fühlten so gut als er selbst, dass dabei wenig Ehre zu erlangen sein würde; sie rieten ihm daher nach Kräften davon ab, und brachten ihn lieber auf den Gedanken, plötzlich die Stadt zu verlassen, um sich auf diese Weise in den Augen des Publikums das Ansehen zu geben, als habe er absichtlich eine Verbindung auf eine so beleidigende Weise abgebrochen, die er, ihrer äussern Vorteile willen, doch im grund seines Herzens sehr ungern aufgab und gern wieder angeknüpft hätte, wenn dieses nur einigermassen als möglich ihm erschienen wäre.

Auch die sogenannte polnische Gräfin verschwand mit ihm um die nämliche Stunde aus ihrer wohnung, doch scheint sie sich bald darauf von ihm getrennt zu haben, denn nach wenigen Wochen las man in öffentlichen Blättern von ihrem Auftreten als Tänzerin auf einigen der grössten Teater in Deutschland, wo sie indessen auch nicht die erwartete Anerkennung ihres Talents gefunden zu haben schien.

Vicktorine hatte freilich noch eine harte Scene mit ihrem Vater zu bestehen, der sie, was lange nicht geschehen war, in sein Kabinet rufen lies, um ihr anzukündigen, dass ihre Verbindung mit Sir Charles völlig aufgehoben sei. Er unterlies es nicht, sie dabei mit Vorwürfen über ihr wohlberechnetes kaltes Benehmen gegen diesen zu überhäufen, welches, wie er ihr Schuld gab, den jungen Mann angereizt habe, sie sowohl als ihren Vater absichtlich zu beleidigen. Vicktorine trug alles mit Geduld, wie sie es sich vorgenommen hatte, und wagte es sogar nicht auch nur eine Silbe ihm entgegen zu stellen, als er sie zuletzt warnte, sich ja nicht durch diesen Vorfall nur um einen halben Schritt einer Verbindung mit dem jungen Holm näher gebracht zu glauben. Er redete sich selbst immer tiefer in seinen Zorn hinein, je länger er sprach und die demütige Ergebenheit, mit der sie alles über sich ergehen lies, brachte ihn immer mehr auf, bis er sie endlich entlies, weil er nichts mehr zu sagen wusste und sich obendrein heiser gesprochen hatte.

Die Art, mit der viele der geachtetsten Männer der Stadt gegen Herrn Kleeborn Sir Charles letztes Bekragen erwähnten, trug viel dazu bei, ihn heiterer zu stimmen, und wenigstens den Wahn einer durch dasselbe erlittenen Beschimpfung ihm zu benehmen, aber dennoch vergingen viele Wochen, ehe er es über sich gewinnen konnte, Vicktorinen mit gewohnter Freundlichkeit zu begegnen. Geschah dieses ja einmal in einem Augengenblicke des Vergessens, so suchte er gewiss im nächsten dieses versehen durch verdoppelte Härte wieder zu verbessern.

Vicktorine blieb sich in ihrem Betragen immer gleich, und suchte durch die kindlichste Ergebung, und nie ermüdende Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wünsche, das Herz des Vaters sich wieder