Dame sich abfordern, der er sich zum Ritter geweiht hat," setzte sie im Herausgehen mit dem ihr eignen schalkhaften Lächeln hinzu.
"Ist es nicht, als sähe man eine geknickte Lilie an eine vollblühende Zentifolie gelehnt?" sprach Horst, indem er den beiden Mädchen nachblickte. "Und Sie, Kusinchen!" setzte er hinzu, indem er sich zu Vicktorinen wandte, die ihrem so lange zusammengepressten Herzen noch immer in Tränen Luft machte, "Sie kommen mir auch gerade wie eine vom Platzregen durchnässte Nachtigal vor, die es gar nicht glauben mag, dass die Sonne wieder scheinen wird, obgleich sie schon durch die Wolken bricht. Gott mag wissen, wie ich heute zu poetischen Vergleichen komme, aber ein Wunder ist es nicht, wenn ich am Ende selbst, unter so seltsamen Leuten auch anfange, etwas seltsam zu werden. Habe ich mich doch wie ein Kind auf den jubel gefreut, der heute Abend hier unter uns laut werden sollte, und nun wird die Eine ohnmächtig und ich bekomme darüber meine Braut, die einzige recht vernünftige person unter uns, diesen Abend nicht wieder zu sehen. Die Andre, die vor Allen Ursache hat froh zu sein, will hier auf den Sopha in Tränen zerfliessen, und unsre kleine Babet dort drüben sitzt in einem Eckchen zusammengedrückt und hat Migräne. Ist das die neue gebildete Art sich zu freuen, so bleibe ich bei der alten, die mir weit besser gefällt."
Babet, welche bis jetzt schwer seufzend da sass und bald ihre Ohrringe anfühlte, bald den Kamm, den sie aus ihren Locken gezogen hatte, mit trüben Blicken betrachtete, sprang jetzt auf, ergriff ein Licht, schleuderte auf Horst den wütendsten blick, den ihre hübschen blauen Augen nur aufzubringen vermochten, und verlies mit einem halb trotzigen halb weinerlichen "Gute Nacht!" das Zimmer, Vicktorine aber reichte mit bittend freundlicher Gebehrde dem Rittmeister die schöne Hand hin, ohne vor innerer Bewegung ein Wort hervorbringen zu können.
"Gute, liebe Vicktorine!" sprach Horst, indem er freundlich ihre Hand ergriff, "ich weiss wohl, dass ein junges Mädchen die Ereignisse des Lebens mit ganz andern Augen ansieht als ein Husar, ich habe alle mögliche Ehrfurcht vor dem feineren Gefühle der Frauen und werde es nie wissentlich verletzen, aber jetzt wollte ich doch, sie sprächen zu mir, denn mir wird wahrhaftig allmählich zu Mute, als hätte ich ein böses Gewissen, und ich habe es doch mit Allen, besonders mit Ihnen recht gut gemeint, obgleich es mir jetzt vorkommen will, als hätte ich es Ihnen nicht recht gemacht. Ich bitte Sie, mir zu vergeben, wenn es so ist, obgleich ich nicht begreife wie es damit zugegangen sein kann."
"Glauben Sie mir," erwiderte jetzt Vicktorine, indem sie mit gewaltsamer Anstrengung sich zusammennahm, "glauben Sie mir, ich fühle, was ich Ihnen ewig zu verdanken haben werde, aber, guter treuer Freund! verargen Sie es mir nicht, dass ich für jetzt mich noch nicht so freuen kann wie ich sollte; lassen Sie mir Zeit, mich selbst wieder zu finden. Alles ist mir wie ein Traum, Sie und Angelika sagen: ich sei befreit. Bin ich es denn? wird mein Vater – Ach, mein Vater! wie bangt mir vor seinem Wiedersehen! und doch sehne ich mich darnach!"
"heute," erwiderte Horst, "werden Sie ihn nicht sehen, er wird die halbe Nacht hindurch auf seinem Comtoir vollauf zu tun haben, um den alten Müller, den Sie, liebe Vicktorine, weit mehr zu verdanken haben, als Sie wohl glauben, mit allen Nötigen zu seiner Reise nach Amsterdam auszurüsten."
"Müller reist nach Amsterdam!" rief die erstaunte Vicktorine.
"Noch vor Tagesanbruch und obendrein mit Kurierpferden," antwortete Horst. "Er geht, um den alten Wissmann, dem er persönlich bekannt ist, über das Benehmen seines Sohnes weit besser mündlich ins Klare zu setzen, als dieses durch Briefe geschehen könnte. Der alte Herr, der ein sehr wackrer Mann sein soll, wird gewiss selbst einsehen, dass man unter diesen Umständen Herrn Kleeborn nicht beschuldigen kann, er nähme sein Wort zurück, wenn er die Verbindung zwischen Ihnen und Sir Charles wie aufgelöset betrachtet, indem dieser während seines langen Aufentaltes bei uns noch nicht den geringsten Schritt getan hat, um ihn an die Erfüllung desselben zu erinnern und sich überdem so betragen, dass dieser Bruch, als durchaus von seiner Seite herrührend, betrachtet werden muss. Glauben Sie nun, dass es mit Ihrer Befreiung Ernst sei?"
Vicktorine vermochte nur durch freudig bejahende Zeichen zu antworten und winkte ihm, fortzufahren.
"Auf diese Weise," sprach Horst, "wird Ihr Vater der sorge entoben, seinem alten Freunde wortbrüchig zu erscheinen, und hoffentlich wird auch keine Abänderung in ihrem, durch die Zeit geheiligten, Beiden Ehre und Vorteil bringenden verhältnis entstehen. Der gute alte Müller, der Ihnen wie Ihrem ganzen haus mit unsäglicher Treue und Liebe ergeben ist, war der Erste, der diesen Vorschlag in Anregung brachte, als er den Zorn und zugleich die Verlegenheit Ihres Vaters sah. Denn ich rief ihn mir zur hülfe und durfte es, da ich wohl weis, in welchem Grade er das Vertrauen seines Herrn durch mehr als dreissigjährige Dienste sich erworben hat. Ich wünsche, Sie hätten gesehen, wie die Augen des alten Mannes glänzten, indem er versicherte,