ins Teater zu führen, um ihr Vicktorinen von ferne zu zeigen.
Dieser verhängnissvolle Abend, an welchem die neue Oper gegeben ward, schien Sir Charles zur Erfüllung eines Versprechens, an welches er zu seinem grossen Ueberdrusse täglich gemahnt ward, ganz auserlesen zu sein, denn das Gespräch am Morgen hatte ihn fest überzeugt, es werde niemand aus dem Kleebornschen haus das Teater besuchen. Er führte also die Schöne wirklich hinein, bezeichnete ihr das hässlichste junge Mädchen, dessen er in den ersten Rang Logen ansichtig werden konnte, als die ihm bestimmte Braut, und ergötzte sich heimlich an der wirkung seiner wohl ausgesonnenen List, bis der Anblick der wahren Vicktorine ihn in einen Abgrund von Zorn und Verlegenheit stürzte, in welchem er die sonst gewohnte Fassung völlig verlor.
Er schäumte beinahe vor Wut, indem er Rosabella den Arm bot und sie, ohne auf ihre Gegenrede zu hören, die Logentreppe mehr hinabriss, als dass er sie geführt hätte. Unten hob er sie wie im Fluge in seinen Wagen und befahl, sie in ihre wohnung zurück zu führen. Im heftigsten Kampfe mit sich selbst lief er nun noch einigemale unter den Arkaden vor dem Schauspielhause auf und ab, um zu überlegen, ob es ratsam sei, den Erfolg dieser Begebenheit ruhig abzuwarten, oder gleich jetzt zu dem alten Kleeborn zu gehen, ihm entweder wegen des niedrigen Belauerns seiner Schritte zur Rede zu stellen, oder auch, – nachdem nun die Stimmung wäre, in der er ihn treffen würde – zu suchen, auf eine gute Art allen Verdacht von sich abzuwenden.
Rosabella fuhr inzwischen nach haus, ohne recht zu wissen wie ihr geschehen sei, und suchte nur zu begreifen, warum sie die Oper nicht hatte bis ans Ende sehen dürfen, was sie recht von Herzen bedauerte. Ihre Hoffnung, auf deutschen Teatern als ein Stern erster Grösse zu glänzen, war durch den Anblick einiger Statistinnen sehr hoch gestiegen, welche an diesem Abend auf ziemlich ungeschickte Weise durch ganz gewöhnliche Tänze das fehlende Ballet zu ersetzen gesucht hatten, und Rosabella, fest überzeugt, dass man in Deutschland nichts besseres kenne, wiegte sich eben in goldenen Träumen von ihrem künftigen teatralischen Glanz, als Sir Charles, noch immer wie ein Wütender, zu ihr hineinstürzte, sie mit Vorwürfen und Drohungen überhäufte, ihr befahl, auf der Stelle zur Abreise sich zu bereiten, und dann wieder in der nächsten Minute ihr verbot, sich nur vom platz zu bewegen.
Rosabella hörte und sah ihm eine Weile ganz verschüchtert zu und war dabei in nicht geringer Angst, denn sie fürchtete wirklich, dass ein plötzlicher Unfall ihn seines Verstandes beraubt habe. Doch als mitten im Zorne die Erklärung der Ursache desselben ihm entschlüpfte, und er sogar ihr verriet, wie er sie zu täuschen gemeint habe, da hielt die lebhafte Französin sich nicht länger. Die verzweiflungsvolle Lage ihres Geliebten erschien ihr mit einemmal in einem so komischen Lichte, dass sie darüber in lautes Gelächter ausbrach, welches immer unaufhaltsamer wurde, je mehr Sir Charles sich darüber erzürnte. Selbst nachdem er beim Fortgehen die tür so unsanft hinter sich zugeschlagen hatte, dass das ganze Haus davon erbebte, lachte Rosabella noch immer fort, und es währte sehr lange, ehe sie sich wieder einigermassen zu fassen vermochte. Der Rittmeister erwartete indessen Vicktorinen an der tür ihres väterlichen Hauses und trug die Zitternde in der Freude seines ehrlichen Herzens beinahe die Treppe hinauf, ohne diesesmal um seine Agate sich zu bekümmern. "Horst!" flüsterte Vicktorine, atemlos vor Furcht, den erzürnten Vater unter die Augen zu treten, – "Horst was haben sie angestellt!"
"Befreit habe ich Sie, Kusinchen, mein der Tante gegebenes Wort habe ich gelöset," erwiderte er ihr jubelnd, indem er sie ins Wohnzimmer führte, wo sie zu ihrer grossen Beruhigung niemanden antraf als Angelika, die ihr freudig entgegeneilte.
"Du bist befreit, meine Vicktorine, ich hoffe Du bist es und wirst es bleiben," sprach Angelika und drückte sie liebevoll an ihr Herz. "Anna wird, wenn sie heimkehrt, den Trost haben, ihren Liebling fröhlicher, hoffnungsreicher wieder zu finden, als sie ihn verliess, ihre Tränen werden schneller versiegen wenn sie – O Vicktorine," setzte sie schnell abbrechend hinzu, "ich selbst bin in diesem Augenblicke so seelig, so innig erfreut, vor allem darüber, dass die schwere Wahl von Dir genommen ist, dem Vater widerstreben zu müssen, oder die heilige Treue zu verletzen."
Vicktorinens Augen flossen vor Wehmut über, indem sie die Freundin betrachtete, die jetzt plötzlich sehr bleich werdend, in ihre arme sank, und mit dem Abglanz des himmels im fast brechenden blick, zu ihr hinauf sah. Die arme war unglücklicher Weise Zeuge eines sehr stürmischen Auftritts zwischen Horst und dem alten Kleeborn gewesen, als beide aus dem Teater nach haus kamen; Schrecken und Furcht hatten sie dabei weit gewaltsamer ergriffen, als ihre schwachen Kräfte es zu tragen vermochten und obgleich Horst die erste freie Minute benutzte, um sie zu beruhigen, so vermochte sie es dennoch nur mit der grössten Anstrengung, bis zu Vicktorinens Heimkehr sich aufrecht zu erhalten.
Freundlich wie immer eilte Agate augenblicklich herbei, sie zu unterstützen. "Lass mich das müde Kind zur Ruhe bringen," sprach sie, indem sie sorgsam sie fortführte, "überlasst sie ruhig meiner Pflege, ich wanke und weiche die ganze Nacht nicht von ihr. Horst mag indessen hier der Verkündiger seiner eignen Taten sein und den Dank der