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Leben in einem zwar glänzenden, aber doch sittlich beschränktem Kreise des höheren Mittelstandes kam seinen verwöhnten Sinnen allmählich so schaal und abgestanden vor, dass er es ohne anderweitige Zerstreuung nicht länger ertragen zu können glaubte. Und so lies er sich wirklich von allen diesen zu einer Handlung verleiten, welcher nicht einmal die heftigste leidenschaft hätte zur Entschuldigung dienen können. Diese war indessen durchaus nicht im Spiele, denn Sir Charles hatte Zeitlebens weder die schöne Rosabella, noch irgend ein sterbliches Wesen ausser sich selbst geliebt. Nur die unseelige Neigung, sich stets glänzend zu zeigen und durch Reichtum und persönliche Vorzüge alle Andern zu überbieten, hatten ihn bestimmt, um jeden Preis eine Verbindung mit einer person anzuknüpfen, welche während seines langen Aufentalts in Paris als eine seltsame und merkwürdige Erscheinung grosses aufsehen erregte.

Vielleicht war noch nie ein Mädchen dieser Art auf einen so sonderbaren Standpunkt in ihrer Welt hingeraten, als eben Rosabella, in dem Augenblicke, da Sir Charles ihre Bekanntschaft machte. Ihre wirklich blendende Schönheit erregte überall das grösste aufsehen; im gewöhnlichen Leben bezauberte sie alle, die ihr nahten und war stets von Männern jedes Alters umgeben, welche ihr die höchste Bewunderung zollten. Doch auf dem grossen Opernteater, wo sie unter den Tänzerinnen einen sehr untergeordneten Rang einnahm, herrschte ein seltnes Missgeschick über sie. Sobald sie die verhängnissvollen Bretter betrat, wollte ihr auch das Unbedeutendste nicht gelingen, sie stand, von aller der ihr sonst eignen Grazie verlassen, wie unkenntlich da, und trotz der angestrengtesten Bemühungen war es ihr unmöglich, auf der Bühne sich nur als den Schatten von dem zu zeigen, was sie ausser derselben wirklich war. Daher wurde ihr jedesmaliges Auftreten gleichsam das Signal zu einem ganz eignen Kampf unter den Zuschauern; die verhältnissmässig doch immer nur kleine Zahl ihrer persönlichen Verehrer suchte durch lauten Beifall ihren Mut zu erhöhn, während das grosse, durch die Leistungen der, in diesem Fach bedeutendsten Künstler verwöhnte Publikum jeden ihrer misslungnen Versuche unbarmherzig rügte. Der Parteigeist, der in Paris bei jeder gelegenheit erwacht, versäumte nicht, auch hier sich tätig zu bezeigen, und unglücklicher Weise für die arme Rosabelle war ihre Partei gewöhnlich die schwächste und erlitt schmähliche Niederlagen.

Morgens vergöttert, Abends ausgepfiffen, führte Rosabella zwischen der stillen Bewunderung ihrer Verehrer im haus und dem lauten Tadel des Publikums im Teater, ein wahrhaft trostloses Leben, und so nahm sie Sir Charles Erbieten an, sie in eine andere Lage zu versetzen. Ein ihr von ihm ausgesetztes bedeutendes Jahrgeld half ihr seine, bald darauf erfolgende Abreise nach Deutschland mit grosser Fassung ertragen, aber ihr Herz sehnte sich ewig im Stillen nach den verhängnissvollen Brettern zurück, die an Allen, welche einmal sie betraten, eine eigne, nie zu lösende Zauberkraft üben. Das magische Wort Kabale, dieser mächtige Trost aller schlechten Schauspieler und Schauspielerinnen, tröstete auch Rosabellen über ihr bisheriges Mislingen und sie folgte daher mit Entzücken dem von Sir Charles an sie abgeschickten Kammerdiener nach Deutschland, indem sie hoffte, auf den vornehmsten Bühnen dieses, ihr durchaus fremden Landes als Gastspielerin zu glänzen, und in der Ferne als eine der ersten Tänzerinnen die Lorbeeren zu erndten, welche ihr undankbares Vaterland ihr versagte, indem es, ihrer Meinung nach, ihren Wert absichtlich verkenne.

Sir Charles dachte indessen gar nicht daran, diese ihre Hoffnung zu erfüllen und sie öffentlich auftreten zu lassen, im Gegenteil waren für ihn die tausend kleinen Ränke und Künste, die er anwenden musste, um ihr Dasein zu verbergen, gerade das interessanteste. Rosabella musste es sich daher gleich bei ihrer Ankunft gefallen lassen, in einem ganz abgelegenen, wenn gleich sehr elegant eingerichteten Gartenhause in tiefer Verborgenheit ein durchaus eingezognes Leben zu führen, welches ihr gleich in den ersten Tagen die peinlichste Langeweile verursachte. Es währte nicht lange, so gähnte sie mit Sir Charles um die Wette, und dieser wusste, um dem verdrüsslichen Zustande ein Ende zu machen, keinen bessern Rat, als dass er nach und nach einige seiner näheren Bekannten bei ihr einführte. Rosabella wurde in diesem kleinen Kreise freilich für eine polnische Gräfin ausgegeben, welche, durch Familienrücksichten dazu bewogen, eine Zeit lang in tiefer Verborgenheit zu leben wünschte, aber ihr eigentliches verhältnis zu Sir Charles blieb deshalb doch niemanden ein geheimnis, um so weniger, als seine ungemessne Eitelkeit ihn selbst dazu brachte, es oft sehr deutlich erraten zu lassen. Ohne dass er etwas davon ahnete, ging die geschichte der schönen Rosabella gar bald wie ein Lauffeuer von Ohr zu Ohr, die halbe Stadt wusste darum, bewunderte die seltne Frechheit des jungen Mannes und war auf den Ausgang begierig; nur Kleeborn hörte nichts davon, weil niemand der Erste sein mochte, ihn davon zu unterrichten, und weil wir auch das, was uns zunächst betrifft, gewöhnlich zuletzt zu erfahren pflegen.

Das hohe Spiel, welches Sir Charles in diesem kleinen Kreise seiner Vertrauten einführte, gewährte zwar ihm einige Zerstreuung, da aber Rosabella keinen teil daran nahm, so geriet sie bald in die verdrüsslichste Laune, in die ein so verwöhntes Wesen nur geraten kann. Um doch einen Zeitvertreib zu haben, fing sie an, ihren Beschützer mit tausend Eifersüchteleien zu quälen, besonders in Hinsicht auf seine Braut, die er immer, um sie nur einigermassen zu beruhigen, als ein wahres Fratzenbild ihr beschrieb. Endlich verlangte sie sogar, durch den Augenschein sich zu überzeugen, dass jene wirklich so hässlich sei, als man sie ihr darstellte, und es gelang ihr, Sir Charles zu dem Versprechen zu bewegen, sie einmal