Blicken, und jedem, vom Herrn an bis zu dem Geringsten der Dienenden, war es so zu Mute, als dürfte dieses gar nicht anders sein.
"Es ist das verfluchte adlige Vornehmtun," dachte Herr Kleeborn, oder gab sich vielmehr Mühe es zu denken und im Ganzen half ihm dies wenig, denn er gewann dennoch nicht den Mut, mit ihr von Dingen zu reden, über die sie noch nicht Lust hatte ihn zu hören. Ihr Wunsch war, Vicktorinen erst genauer kennen zu lernen, ehe sie sich auf die Absichten einliess, welche ihr Vater mit dieser etwa haben mochte; Herr Kleeborn hingegen, der die Krankheit seiner Tochter für gar nicht so bedeutend hielt, hatte Vicktorinens Pflege eigentlich nur als Vorwand zur dringenden Einladung seiner Schwägerin gebraucht; seine eigentliche Absicht dabei war aber, durch die Tante auf Vicktorinen zu wirken, und sie in Güte seinem Willen geneigter zu stimmen. Indessen hielt er ihre Gegenwart nebenher für höchst nötig, um durch dieselbe den Glanz und die Würde der vielen Feste zu erhöhen, welche Vicktorinens Genesung sowohl, als die zu hoffende Erfüllung seiner Pläne mit ihr, bald herbeiführen mussten. Denn nächst dem Gelderwerb liebte Herr Kleeborn nichts so sehr als Glanz und Pracht in seinen Umgebungen; gern wetteiferte er hierin mit den Vornehmsten, und unerachtet seiner laut erklärten Geringschätzung des angebornen Adels, tat er sich dennoch in seinem inneren nicht wenig darauf zu gute, eine Dame von dem Range und Ansehen des Fräuleins von Falkenhayn unter seine nächsten Verwandten zählen zu dürfen. Er betrachtete oft mit innerm Behagen ihre majestätische Gestalt, den, jede ihrer Bewegungen bezeichnenden vornehmen Anstand und freute sich im voraus auf den Augenblick, wo sie in dem schönen Ordenskleide ihres Stiftes mit dem grossen diamantnen Kreuze, das sie als Pröbstin desselben trug, in seinem haus die Honneurs machen würde. Uebrigens tröstete er sich mit dem Glauben, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sei, er hoffte, dass nach Vicktorinens völliger Genesung sich schon ein günstiger Augenblick finden würde, um die Tante für sich zu gewinnen, und überliess sich täglich in vollkommner Gemütsruhe den gewohnten Erholungen nach vollbrachter Arbeit, die er jetzt ausser seinem haus aufsuchen musste, da ihm das Innere desselben in seinem durch Vicktorinens Krankheit verödeten Zustande wenig Freuden darbieten konnte. Der helle Sonnenschein eines heitern klaren Herbstmorgens, an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand, hatte die Tante mit ihrer Angelika hinaus ins Freie gelockt. Müller, der alte Buchhalter, stand eben in der Haustüre, als beide von ihrem Spaziergange zurückkehrten, und die Tante beeilte ihre Schritte, um dem Greise, den sie seit ihrer Ankunft im Kleebornischen haus noch nicht gesehen, ein paar freundliche Worte sagen zu können. Sie kannte ihn schon lange und ehrte ihn als einen treuen vieljährigen Diener des Hauses ihres Schwagers, bei dessen Vater er schon in Ehre und Ansehen gestanden hatte. Als die Damen näher traten, ging ein junger Mann mit ehrerbietigem Grüssen an ihnen vorüber, der bis dahin mit Herrn Müller in anscheinend eifrigem Gespräch begriffen gewesen war. Sein Anblick schien der Tante auf eigne Weise aufzufallen, sie sah sichtbar befangen, ihm eine Weile nach, und war sogar etwas bleicher als gewöhnlich, als sie die zum haus führenden Stufen hinauf stieg, so dass Herr Müller sie von einem plötzlichen Unwohlsein ergriffen glaubte, und ihr entgegen eilte, um sie in das zum Empfange der Fremden bestimmte Eintrittszimmer neben dem Komtoir zu führen. Dort sezte sich die Tante zwar gleich, erklärte aber dabei, dass sie sich vollkommen wohl befinde, nur habe sie am Krankenbette ihrer Nichte sich der freien Luft entwöhnt, die heute, unerachtet des hellen Sonnenscheins, ungewöhnlich scharf sei. Beruhigt ging Angelika zu Vicktorinen hinauf, während die Tante noch unten blieb, um mit Herrn Müller ein paar Minuten zu plaudern.
Wer war der junge Mann? fragte sie einigermassen eifrig, so wie Angelika die tür hinter sich angezogen hatte. Herr Müller besann sich eine Weile, denn er verstand sie nicht gleich. Der junge Holm, der eben bei mir war, meinen ihr Gnaden den?" erwiderte er ihr endlich, "ja das ist ein recht lieber, guterziger junger Mensch. Seit unser fräulein Vicktorine krank ist, versäumt er nie, alle Tage zweimal zu mir in mein Kabinet zu kommen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, denn von mir erhält er doch immer umständlichern Bericht als von den Bedienten. Nun gottlob heute konnte ich ihm recht viel Gutes sagen, er war auch darüber recht erfreut."
"Also wohl ein sehr genauer Freund des Hauses?" fragte die Tante.
"Das nun wohl nicht," war die Antwort, "denn der junge Herr Holm ist noch gar nicht selbst etablirt, und auch sonst eben nicht von Familie, ihr Gnaden. Niemand wusste, was man aus seinem seeligen Vater machen sollte, denn der war zwar ein Gelehrter, aber weder Jurist noch Mediziner. Er wohnte mit diesem seinem einzigen Sohne lange Jahre hindurch in der Vorstadt, niemand hat ihn sonderlich gekannt, denn er führte ein sehr eingezogenes Leben. Ja du lieber Gott, es ist hier ein sehr teuer Pflaster, und wer nicht reich ist, tut am besten sich ganz still zu verhalten."
"Ist der Vater lange tod?" fragte die Tante wieder, mit sichtbarem Anteil.
"Seit drei Jahren ungefähr," erwiderte Herr Müller. "Der alte Holm soll aber übrigens ein recht grundgelehrter Mann gewesen sein," sezte er hinzu, "