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Frucht der Trauben so schwellend an der Sonne Liebesfülle glüht, wo die natur in ihrem stillen Geist aus tausend Blumen, tausend Quellen hold wie der Säugling aus der Wiege lächelt, hinüber, wo die Menschen um die warme Erde sich wie Pflanzen schlingen, wo die natur gleich schön ist, wenn sie durch die sanften Gründe den Bach wie holde Silberstreifen zieht, wie wenn sie aus den hohen Riesenfelsen, wo nur des Adlers kühner Fittich rauscht, die dunkeln Schauer ihres Geistes weht, wie wenn sie hohe schneeumhüllte Gipfel der alten Berge mit dem Rot der Abendsonne wie eines Greisen Haupt mit Rosen überwebt, O hinüber, hinüber! All mein Sehnen, all mein Schmerz würde enden.

Phaeton an Teodor

Mein Amor ist fertig. Wie ich die Feile aus der Hand gelegt, ach, Teodor, es war ein wunderbar Gefühl! O jene schlaflosen Nächte, wo mir der ewig wiederkehrende Gedanke die Wonne eines süssen Schlummers raubte! Sie sind belohnt, belohnt durch den einzigen Augenblick, wo das Werk, wie durch sich selbst erschaffen, vor meinen Augen stand.

Phaeton an Teodor

Alles, alles, Teodor, alles ist anders! Meine ganze Seele ist voll von Einem.

Gestern wollt' ich Dir schreiben. Ich konnte nicht.

Was war all mein Wesen bisher? Ein elend unbedeutend Stümperwerk! Wem zulieb hab ich gearbeitet? Hab ich eine Empfindung gehabt, eine, so lang ich lebe, gegen die, die jetzt wie der Äter, der ewige unveränderliche, mich umweht? Alles, alles war nichts!

War mir das Leben bisher mehr als der Diamant, der leuchtet, aber nicht erwärmt? Ach ganz, ganz hat meine Ahnung sich entüllt! So musst' es kommen.

Ich träumte wohl schon von solcher Seligkeit, aber das Erwachen war mein grösster Schmerz. Und das ist wirklich, wahrhaft!

Sahst Du die natur, wenn vom heiligen Himmel die düstern Regenwolken wie finstre Träume flohn, und durch das hellzerrissene Gewölke die Sonne wieder brach, die alte ewigschöne, und von den Blättern die Tropfen träufelten wie milde Tränen, und alles, alles übergössen war vom Leben e i n e r Schöne? So denke Dir mein Wesen!

O Gott, Gott! Noch sind meine Augen wie geblendet von all dem, was ich gesehen, was mich umgeben.

Und kann ich's Dir sagen? Ach, kann ich denn dem Augenlosen beschreiben das Bild der Morgensonne, wenn sie sich erhebt über die umschleierten Berge wie eine Braut? Soll ich nicht schweigen wie sie?

Ich will sprechen, Teodor. Ich will sprechen!

Gestern Mittag sass ich vor meinem Bild und sah es an wie die Mutter ihr Kind. Ich hatte' es umkränzt mit frischen Rosen, die mir Johannes gebracht. Ein stiller Geist umwehte mich. Ich schaukelte meine Seele in süssen Träumen auf und ab und dachte mich zurück in die schönen zeiten der Griechen. Da hört' ich einen Wagen in der Nähe. Ich sprang ans Fenster. Er kam und hielt vor meinem Hüttchen. Ich wusst' es, wer es war. Ich sprang hinaus zur tür. Meine Seele war umnebelt von einer niegefühlten Ahnung wie die grauen Berge, wann die letzten Schatten der Nacht um ihre Stirne schweben.

Ich stand am Wagen. Ach Teodor, soll ich da nicht eine Lücke lassen? Nur mein Auge könnt' es Dir sagen, wenn Du bei mir wärest.

Eine Frau schwang sich heraus von schlankem hohem Wuchs wie eine Juno. Ein langer weisser Schleier floss wie zarte Luft von ihrem Haupt herunter. Ihr erster Anblick forderte Verehrung. Ihr folgte eine weisse Gestalt. Die Zarte zitterte, und Katon hob sie schüchtern herab.

Gott! Mich überlief's!

Teodor, ich kann's nicht schildern. Erlass mir alle Worte! Ich kann's nicht schildern. Die höchste Schönheit lässt sich nicht beschreiben; die höchste Schönheit fühlt man nur.

Wer nie noch die natur gesehen im Morgenglanz ihrer himmlischen Schöne und nun zumal in ihrer höchsten Fülle sie vor sich sieht, die seelenvolle, die alliebende, und trunken in den Äter schaut, den unergründbar tiefen: so, so war mir's, wie ich sie sah vor mir stehen.

Wie der selige Geist aus dem dunkeln grab zum Himmel sich hebt, so quoll ihr schwarzes Auge schauernd aus den Wimpern.

Vergleich' ich sie mit der zarten aufschwellenden Rose, die keine Berührung leidet, die ihre glühenden Blätter öffnet wie weiche Mädchenwangen? Ihr ganzes Wesen war wie ein einziger Kuss der Liebe.

Ich stand da, besinnungslos, wie der finsterliebliche Mann die Bebende herabliess; und wie ferne verklingende Akkorde tönten endlich seine Worte: Gräfin Cäcilie und Atalanta, ihre Tochter!

Teodor, diese Schönheit! Dieses holde keusche Lächeln einer unschuldsvollen Wange! Dieses grosse schwarze Äterauge in dem reinen blendendweissen Angesicht! Diese weiche Zarteit in der schlanken Gestalt! Es ist alles, alles umsonst. Ich kann's nicht schildern.

Ich weiss nicht, was ich sprach. Mein blick war starr zur Erde geheftet. Katon schüttelte meine Hand. Ach, und warum musst' er das tun? Meine Verwirrung ward nur grösser. Die Frauen traten in das Hüttchen. Katon folgte mit mir.

Noch hatte sie nichts gesprochen; aber ihre ganze Seele schwamm im Auge wie das Bild des reinen himmels im klaren wasser. Sie standen vor dem Bilde. Mein blick hing feuertrunken an ihr, wie sie da stand vor dem schönen