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die wenigen Jahrtausende gewesen. Unsere Welt bleibt noch mehr als Millionen Jahre in ihrer Gestalt. Es wäre sonst zu kleinlich für den Riesenschöpfer.

Es gab eine Zeit, wo mir die Erde zu gross war für den Gedanken. Jetzt ist sie mir zu klein.

Oft wenn ich hinausblicke bei Nacht und brennen sehe' am Bogen des dunkeln himmels all die flammenden Welten und sehe, wie die eine wieder verlöscht und die andere funkelnd hervortritt, wenn ich schaue jenes bleiche Meer von Körpern, das aus der Fülle der schaffenden Gotteit strömt wie aus den Brüsten einer Mutter, und erkenne den grossen erhabenen Geist der Ordnung und Weisheit, der diese gewaltigen Riesenschöpfungen zusammenhält, wenn ich mir die Erde denke, wie auch sie, von jenen Sternen aus ein schwachglimmendes Pünktchen, im Ozean der Unendlichkeit schwimmt, und ich mir vorstelle, wie ich selbst gegen diese kleine Erde nur bin, was sie gegen die ungemessene Schar der sichtbaren Welten, ach, da möchte' ich mich zernichten, weil ich nur so ein kleiner teil bin vom unendlichen All.

Und doch schwingt sich mein beflügelter Geist empor und schwärmt durch die Räume der Unendlichkeit wie Bienen durch die Blumen.

Und doch bin ich unsterblich und werde' einst mit allen meinen Brüdern, diesen unendlich kleinen Teilen der Weltseele, zusammenfliessen in Eins mit ihr.

Es gab ja Menschen, die eine Welt aus sich gebaren, Urbilder der Menschheit, zusammenfliessend mit Gott. Die neuere Zeit kennt nur drei solche Geister: Raffael, Shakespeare und Mozart.

O, denke Dir den Prometeus in der grössten aller Tragödien an der himmelragenden Stirne des Kaukasus hängen wie eine kleine Welt im raum der Unendlichkeit. Und wenn auch diese ewige Urkraft gefesselt ist an die starre notwendigkeit, es lebt in ihr eine Fülle, die allen andringenden Gewalten ihren Busen voll Unsterblichkeit entgegenstemmt, mit der Titanenkraft des Willens selbst dem Ewigen trotzt und, wann zuletzt die allverzehrende Flammenlocke herabgeschleudert wird, wann sich die Erde losreisst, aus der Wurzeln Fugen von der Windsbraut Hauch gerüttelt, da kann sie untersinken samt dem Felsen unterm wirbelnden Zusammenströmen aller Elemente, aber sterben kann sie nicht.

Fussnoten

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1 Κοσμον τον αυτων απαντων ουτε τες εος ουτε αν

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ρωπων επυιησε, αλλ’η αει εδε και εται. Aristoteles.

Phaeton an Teodor

Sieh, das ist doch nicht recht, Teodor, dass ich so absterbe für jede unschuldige Freude und immer weniger Kind werde!

Es ist ein fest heute im Dorf. Alles freut sich. Alles e i n e Seele! Die muntern Leute tanzen um die Linde. Überall klingen Flöten und Schallmeien. Ich sass wieder unter meiner Eiche. Der offene Platz um die Linde lag frei vor mir. Auch mein Johannes war unter der Masse. Nur ein paarmal sah ich ihn, wie er, seinen Arm um das schlanke Mädchen geschlungen, den fröhlichen Reigen tanzte. Alles, alles e i n jubel! Teodor, und ich nahm keinen teil daran! Was sollt' ich auch unter ihnen tun? Mich liebt ja niemand! Es hätt' ihnen ihre Freude nur gestört, hätten sie den trauernden Jüngling gesehen. Und lass mich's Dir nur gestehn: ich sah ihre Freude mit Neid, wollte mich zwingen, traurig zu sein, und wäre doch so gerne fröhlich gewesen.

Ach, glücklicher Johannes! seufzt' ich, hättest Du ein Königreich zu Deinem liebenden Mädchen und liessest mir die Wahl, was ich möchte: ich nähme das liebe zarte geschöpf.

Und ich ward wieder still. Ja, ja, rief ich dann wieder aus, ich will mir's nur recht oft vorsagen: ich bin ungeliebt, ungeliebt! Ich war wie aufgelöst, konnte mich nimmer halten. Ich Armer weinte laut. O Teodor, aus der Welt hätt' ich mögen gehen!

Phaeton an Teodor

In ein paar Tagen bin ich fertig mit meinem Werke. Ich habe die idee, nun die Polyxena zu bilden.

Der ganze Geist der Griechen weht durch diese Dichtung. Der Peleione liebt die schöne zarte Phrygerin. Am Brauttag muss er niedersteigen in des Hades Reich. Priams Veste fällt, und ihre schwarzen Trümmer starren wie schaurige Geister aus der Asche. Da steigt der Äakide wieder aus dem Grab, vom Gold der Rüstung seine Felsenbrust umschimmert, und zürnend will der grosse Geist zum Opfer die Geliebte. Die heldenmütige Schöne kniet, entüllt dem Mordstahl ihren reinen Busen und sinkt für Hellas Wohl wie die Abendsonn' ins goldene Gebirg in voller Jugendanmut in ihr Grab.

Welch liebes Herz, welch rührende Gemütskraft liegt in dieser stillen Ergebung!

Sie müsste knien mit einem Fuss. Ein leicht Gewand umhüllte sie in sanften Falten. Der obere teil nur wär' entblösst. Eine Hand zeigte auf den nackten jugendlichen Busen, die andre müsste sich bedeutsam senken. Vom rundgewölbten Nacken aus erhübe sich der zarte Hals, und das kleine von langem Gelock umflossene Haupt richtete sich vorwärts mit einer rührenden Bewegung. Am meisten macht mir sorge, ob ich irgend ein Modell bekomme.

Phaeton an Teodor

Ach, das fühl' ich wohl: ich gedeihe nicht unter diesem Himmel. Hinüber möchte' ich, wo der schöne Lorbeer wie eine heilige Priesterbinde die besonnten Hügel deckt, hinüber, wo der Mandelbaum die Silberblüten wie Flocken Schnees zum blauen Äter sendet, wo sich die Tränenweide traurig an den Ufern in spiegelklare wasser senkt wie das nasse auge' in die Tiefen der Vergangenheit, hinüber, wo die volle