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dem Markte wandeln mit der Laterne und sagen, sie suchten Menschen und fänden keine! S i e sind keine Menschen; denn sie fühlen nicht menschlich. Das ist der törichte Übermut eines eingebildeten Narren, sich selbst allein für einen Menschen zu halten unter so vielen. Und das war möglich in Griechenland?

Der brave Mann, der seine Felder baut mit demselben starken Arm, mit dem er Weib und Kinder treu ernährt, sein angebetet Vaterland verteidigt, er ist als Mensch so viel wert als der bleiche Sohn des Wissens, und mag der Tor in seinem Wahn den frischen Sohn des Lebens auch verachten.

Phaeton an Teodor

Es gibt eine gewisse Saite in meinem inneren. Wer sie zu stimmen weiss, hat mich gewonnen. Wer sie aber anrührt mit täppischen Händen, der lässt einen ewigen Missklang zurück. Katon hat sie getroffen, der Verwalter der Gräfin. Gestern Nachmittag stand ich vor meinem Amor und glättete mit der feinsten Feile noch manche Härte. Der Geist meines Bildes schwebte mir in seiner Vollendung vor Augen. Da klopft' es an die Tür, und wie ich sie öffnete, stand ein Mann vor mir, gross, mit breiten Schultern, einer vollen Brust. Zwischen einem starken Bart lächelten ein Paar zarte Lippen hervor; aber das Auge sprühte dumpfe Funken unter den starken Brauen. Es war der Verwalter Cäciliens. Ich bot dem schönen stolzen Mann einen Stuhl.

Katon stand vor meinem Bild. Ich hatte meinen Arm gelehnt ans Fenster. Lange sah er stumm die Figur an. Ich wagte kein Wort zu sprechen.

Es wuchsen die Flammen in seinem Auge, und eine düstre Ahnung schwebte wie eine Wolke um seinen Mund.

Ihr Bild gefällt mir! sprach Katon endlich. Ich errötete.

Wie bildeten Sie diese jugendlichen Formen? Haben Sie bei uns solche natur gefunden? erwidert' er.

Nirgends! seufzt' ich, und ein unwillkürliches Ach! entfloh meinen Lippen. Er fasste mich fester ins Auge.

Nur unter Griechenlands gemässigtem Himmel wandelten solche Naturen. Diese reiche Fülle gedeiht im Norden nicht, sagte Katon.

Griechenland! schluchzt' ich und sucht' umsonst eine Träne zu verbergen.

Junger Mann, versetzte Katon, lieben Sie die Griechen so sehr? Es war ein schönes Volk. Sie wussten zu leben. Auch ich stand unter den göttlichen Propyläen und war zu Misitra und sah des alten Sparta finstre Trümmer.

Diese Worte klangen mir wie Donner, und mein unmächtiger Schmerz ward zur zuckenden Begeisterung. Mein Auge muss es ihm gesagt haben, wie mir war. Katon ergriff meine Hand und drückte sie und sagte: Ihr Wesen gefällt mir! Der Geist des göttlichen Volkes weht in Ihrem Bilde. Ich war von Sinnen.

Katon setzte sich. Wir sprachen über die Griechen. Er lächelte über mein leidenschaftliches Wesen. Ich sah ihn an wie einen, der aus dem grab steigt, den Sterblichen die hohe Vorwelt zu verkünden.

O Teodor, diese Ruhe, diese antike Grösse, die aus diesem mann sprach! Wie so ganz verschieden von meinem wilden unstäten Charakter!

Er sagte, die Gräfin könne nicht länger mehr warten, das Bild zu sehen. Sie werde in einigen Tagen mit ihrer Tochter ins Dorf fahren.

Er lud mich dringend ein, hinüber zu kommen ins Schloss. Es ist wahr. Warum hab ich's auch bisher immer unterlassen?

Die Gestalt dieses Mannes verlässt mich heute den ganzen Tag nicht. Ich möchte mich oft erzürnen, dass ich so allem Einfluss blossgestellt bin.

Phaeton an Teodor

Teodor, wir sind unsterblich! O, das ist ein grosser Gedanke!

Mag auch der Himmel sich in Wolken hüllen, in ihrem Schoss des Blitzes Flammen kochen und niedersenden die Donner, seine Brüder, dass die Erd' erzittert, mag er die schwarzen hochgewachsenen Stämme mit Riesenkraft aus ihren Wurzeln reissen, mag auch sein Feuer den Leib, der sterblich ist, verzehren: er kann mich doch nicht töten!

Ich bin ein Funken der Flamme, die sich Gott nennt. Ich bin aus ihr entsprossen und kehr' einst wieder zurück zu ihr.

Darum ist mir auch das Winseln und Ächzen und Kriechen vor Gott so zuwider, das manchem Menschen für Frömmigkeit gilt. Warum sollt' ich mich auch meiner Schwächen und Menschlichkeiten schämen? Und tu ich eine Sünde, wenn ich menschlich bin? Ich kann nicht mit ewigem Zagen und Zittern, mit ewiger Furcht und Reue, dass ich ein Sünder sei, vor Gott treten. Mein Gott ist kein Gott der Zerknirschten. Er ist ein Gott der Lebendigen.

Die Religion soll beseligen, nicht schrecken; uns zu Gott führen und nicht von ihm hinweg; in den Himmel und nicht auf die Erde. Sie ist das namenlose Gefühl der Entzückung, wenn wir in einer Stunde des Lichts die Gotteit küssen. Die Religion ist wie eine keusche sonnenweisse Jungfrau, die sehnend ihre arme zum Himmel hebt. In ihrem Auge schauert die Träne einer ungestillten sehnsucht. Um ihre Lippen spielt die Unschuld wie der West um eine nieberührte Rose. Ihr ganzes Wesen aber ist ein Geheimnis, und wehe dem Frechen, der's auszusprechen wagt!

Die wahre Religion und die höchste Poesie liegt in der Astronomie.

Ich bin nie entstanden und nie werde' ich untergehen. Wie kann etwas entstehn auf der Welt? Gott hat sie nicht aus nichts geschaffen. Alles, was ist, ist vom Anfang.1

Das ist Knabensinn, zu glauben, die Erde gehe sobald wieder unter, da sie erst