wir still, und jeder erwartete, dass der Andere zuerst sprechen werde. Johannes, was ist Dir? sagt' ich leise. Er schwieg. Da ward ich noch stiller. Ich fühlte mich beleidigt. Der Unmut schwebte wie ein finstres Gewölke über meine Seele. Teodor, Du weisst ja, wie ich bin! Ich kenne kein Mass, und weil mein Herz so unbegrenzt liebt, so fordr' ich es auch von andern. Ich stand auf und sah den Hügel hinunter.
Da fühlt' ich ihn an meinem Hals und seinen Arm wütend um mich geschlungen. Ich sah ihn an. Die ganze Fülle seiner Seele schwamm in hellen Tropfen durch sein Auge. Phaeton! schluchzt' er, ich lieb' ein Mädchen, und sie liebt mich wieder! Ich sah ihm durch alle Winkel seiner Seele und presst' ihn an meine Brust und rief: Vergib mir, guter biederer Johannes, vergib mir!
Wir setzten uns. Er erzählte mir, wie sie einander lieben und wie so ganz eins sie seien und zusammenschlügen gleich zwei glühenden Flammen. In seinen Augen, voll von Tränen und vom sonnigen Lächeln der Liebe, glänzt' ihm wie ein Regenbogen die trunkene Begeisterung. Ich müsse sie sehen, rief er immer nur, wie schön, wie liebenswürdig sie sei.
Und wie ich heute etwas spät nach haus kam und durchs Dorf wandelte, und alles schon still war, und ich an die grosse Linde kam, da tritt er mir entgegen und hat sein Mädchen an der Hand. Das ist sie, Phaeton! lispelt' er leise wie der Abendwind, der durch die Blätter der Linde säuselte. Die schöne kleine Blondine blickte verschämt zur Erde und wollte seine Hand fahren lassen; aber er hielt sie fest, und sie blickt' ihn jetzt so wunderbar an. O Teodor, ich habe noch nie die Liebe so in einem Auge gesehen! Ich gab dem Mädchen die Hand. Sie nahm sie schüchtern, und ich sah, wie sie die Hand des Geliebten ängstlicher und stärker drückte. Wir blieben noch fast eine Stunde unter der Linde sitzen. Lieber, o was ist all unser Treiben gegen eine solche Begeisterung! Du hättest sie sehen sollen, wie sie da sassen, die Liebenden, Arm in Arm, und eins dem andern in das nasse Auge blickte! Teodor, ich habe die halbe Nacht durchweint.
Phaeton an Teodor
Ich musste einen Menschen kennen lernen, der auf sein Wissen sich gewaltig viel zu gut tut. O, wie sich die Menschen nur einbilden können, sie wüssten etwas. Das ist der Fluch unsrer Zeit, dass sie ewig nur belehren will mit geschichtlichem Wissen! Es ist sündhaft, so elend sein Leben zu verschleudern. Wo die Vernunft, der überirdische Funken, sonst frei aus ihrer Tiefe wie aus Apolls Priesterin Orakel sprach, da soll der tote Buchstabe ersetzen ihr Licht und ihre Kraft? Sie erkühnen sich auszumessen den Umfang der Sonne und vergessen drüber, wie die Heilige alliebend uns wie eine Mutter an ihrem Busen voll Wärme hält. Die Armen! Weil sie an der Flamme sich die Hand verbrennen, so fassen sie die Asche mit den Händen!
Und gleichen solche Menschen nicht dem Knaben, der Licht will, am Herd, auf dem das heilge Feuer brennt, vorübergeht, und die Lampe ins kalte wasser taucht, worin gleich einem Traum das Feuerbild des Mondes schwebt?
Was die Hand erschafft, wird nur durch sie bewegt. Ohne ihre Kraft ist es tot. Solche Menschen lieben das tote Werk mehr als die lebendige schaffende Hand.
Wenn's nur etwas zu scheiden, zu zerschneiden, abzuteilen gibt! Selbst das Unermessliche messen sie. Wo etwas Ganzes, wo e i n e Fülle waltet, da kommen sie mit Fächern, Teilen, Geschlechtern, Arten und Gattungen. Ihr Toren! Warum zerspaltet Ihr den Körper? Wisst Ihr denn nicht, dass der Geist, das unsichtbare gestaltlose Wesen, Euch unter den Händen entwischt? Was wollt Ihr machen mit dem seelenlosen Körper, wenn Ihr ihn getrennt? Ihr hebt ihn auf als eine Mumie; denn das Tote liebt Ihr ja!
Das ist, wie sie's heissen, ein systematischer Weg. Aber wer fasst den Grundsatz aller Philosophie, den Einzigen und Ewigen, in Worte? Im Leben sucht ihn und nicht in Buchstaben, Zeichen und Zahlen! O, dieses verfluchte Wissen! Unselige gesicht, Fratzen und Blendwerke lässt es dem Getäuschten wie Bankos Königsstamm vorüberschweben.
Die Wissenschaft ist gar nichts anders als ein toter Körper. Bringst Du den Geist, bringst Du Dich selbst nicht hinein, so hast Du ewig nur ein totes Maschinenwerk.
Was soll auch das ewige Lesen und Schreiben? O könnt' ich nur wirken, Teodor, und handeln auf eine schickliche Weise! Und glaubst Du mir nicht, eine sehende Begeisterung, eine glückliche Ahnung ist am Ende doch das Höchste?
Jene ewige rege Spannkraft des ungeschwächten Geistes, die sich der Grieche aus seinen Gymnasien erwarb und aus der innigen Gemeinschaft mit der natur, jene Harmonie des Körpers und des Geistes ist's, was uns soweit zurücksetzt gegen die Alten.
Freund, mit Einem alle meine Brüder zu umarmen, – und Brüder sind wir alle! – die Menschen sind, alle zu schliessen an diese glühende Brust, und e i n s zu sein mit allen in einem Kuss, das ist mein göttlichster, mein menschlichster Gedanke!
O, die Harten, die auf